Das große Ziel: ein kleines Haus
Schöner Wohnen und das Eigenheim im Wirtschaftswunder
Jovis Verlag, Berlin 2025
192 Seiten, 70 farb. Abb., 17 × 24 cm
Preis: 34 EUR
ISBN 978-3-98612-184-6 (E-Book 978-3-98612-185-3)
Kaum eine Wohnform ist so verbreitet, so beliebt und zugleich so umstritten wie das Einfamilienhaus. Das Buch Das große Ziel: ein kleines Haus untersucht, wie dieses in der Nachkriegszeit zu einem gesamtgesellschaftlichen Ideal wurde, das bis heute anhält. Ausgehend von der medialen Darstellung des Eigenheims in der Zeitschrift Schöner Wohnen beleuchtet der Autor Jan Engelke dessen Rolle in Bezug auf Politik und Geschlechterverhältnisse sowie auf städtebauliche und gestalterische Fragestellungen.
Die Zeitschrift Schöner Wohnen spielte eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Architekturkompetenz und der Popularisierung des Eigenheims in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie präsentierte über 300 Einfamilienhäuser und kombinierte architektonische Inhalte mit Wohntrends, Einrichtungstipps und Produktwerbung. Durch innovative Darstellungen wie Grundrisse und Axonometrien wurde Architektur einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
Dies war auch politisch erwünscht: Der Adenauer-Regierung diente der Traum vom Eigenheim als politisches Instrument konservativer Zielsetzungen. Maßnahmen wie das Zweite Wohnungsbaugesetz und staatliche Förderungen wie Bausparprämien unterstützten die propagierte Wohnform. Wie sehr Schöner Wohnen und die damalige Bundesregierung bei diesem Thema an einem Strang zogen, zeigt auch die im Februar 1960 veröffentlichte Homestory mit dem Titel „Hausbesitzer Professor Ludwig Erhard“. Der fünfseitige Beitrag mit dreißig Fotografien bot dem damaligen Bundesminister für Wirtschaft und späterem Bundeskanzler die Möglichkeit, sich medienwirksam als bürgernaher Eigenheimbesitzer zu präsentieren, urteilt Engelke. „Eine Villa mit zur Schau gestelltem Wohlstand kam für mich und meine Frau nicht in Frage. Nicht einmal ein großes Haus sollte es sein, allerdings auch kein enges und schon gar nicht ein Spielzeughaus im Heimatstil“, zitiert das renommierte Wohnmagazin den Politiker.
Engelke legt ausführlich dar, wie Architektur, Politik und Medien zusammenwirkten, um das Eigenheim zu einer Erfolgsgeschichte zu machen. Dabei kritisiert er die ideologische Natur dieser Wohnform, die stereotype Rollenbilder stärkte und die Frauen auf ihre Rolle als Hausfrauen beschränkte, denen ohne eigenes Auto in Wohnsiedlungen außerhalb der Stadt die Möglichkeit der gesellschaftlichen und politischen Teilhabe verwehrt wurde.
Engelkes Blick auf das Thema ist umfassend und fundiert. Sprache, Aufbau und Gestaltung des Buches gleichen jedoch eher einer wissenschaftlichen Arbeit. Ein Schmökern in den Wohnträumen unserer Eltern- bzw. Großelterngeneration ermöglicht das Buch dementsprechend nicht. Wer jedoch verstehen möchte, wie der Wunsch vom Eigenheim entfacht und am Leben gehalten wurde, welche Akteur*innen und Interessen damit verbunden waren und wie er die Gesellschaft und Rollenbilder prägte, der ist mit der Lektüre gut beraten.
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