Creston House in Kalifornien
Mid-Century-Haus mit behutsamer Modernisierung
1956 entwarf der amerikanisch-chinesische Architekt Roger Lun Yuen Lee ein Einfamilienhaus für ein an der Universität Berkeley tätiges Professorenpaar und dessen Kinder. Möglicherweise spielte bei der Wahl des Architekten eine Rolle, dass auch die Bauherrin aus China stammte und damals ebenso wie Roger Lee als eine Art Vorbild für chinesische Amerikaner galt. Nun wurde das Creston House – ein kalifornisches Mid-Century-Original – von dem Architekten Casper Mork-Ulnes respektvoll aufgearbeitet und mit wenigen, handwerklich präzise ausgeführten Eingriffen behutsam in die Gegenwart überführt.
Roger Lee (1920–1981) geriet nach seinem Tod zeitweise in Vergessenheit, wurde wiederentdeckt und gilt heute als maßgeblich für die kalifornische Mid-Century-Architektur der 1950er bis frühen 1970er Jahre. Sein Schwerpunkt lag auf kostengünstigem Bauen von mehr als 100 Einfamilien- und Apartmenthäusern, bevor er nach Hawaii zog und dort im Alter von nur 61 Jahren starb. Seine Entwürfe verbinden europäische, genauer skandinavische Moderne mit asiatischen Raumprinzipien, die auf der traditionellen chinesischen Architektur basieren. Häufig wird er mit Richard Neutra und den Architekten der Case-Study-Houses verglichen. Einige dieser Architekten hatten tatsächlich als Praktikanten in seinem Büro gearbeitet. Für seine kostenbewussten „designed high style for the middle class“-Häuser wurde er mehrfach von der AIA (The American Institute of Architects) geehrt.
Mid-Century-Original
Das Roger-Lee-Creston-Haus liegt an einem Hang der Berkeley Hills, der Gebirgskette landeinwärts von San Francisco, und bietet einen spektakulären Blick auf die Hügel der Stadt, die Bucht und den Pazifik. Das Auftraggeber-Ehepaar bewohnte das Haus bis ins hohe Alter, sodass es in einem kaum veränderten und außergewöhnlich gepflegten Zustand auf den Immobilienmarkt kam. Die neuen Eigentümer, die beruflich von der amerikanischen Ostküste nach San Francisco gezogen waren, begeisterten sich sofort sowohl für das authentische Mid-Century-Original als auch für den weitreichenden Panoramablick.
Organisation: eingestellter Kern
Auf den ersten Blick scheint die Architektur sehr einfach organisiert und damit unprätentiös bis sogar minimalistisch-reduziert. Ausgangspunkt des Entwurfs ist ein annäherndes Quadrat als Grundfläche mit 134 Quadratmetern an einem Hang. Der Grundriss gliedert sich um einen eingestellten Kern mit zwei Bädern sowie Abstell- und Funktionsraum.
An der Südwest-Seite befinden sich die Küche und ein Ess- und Wohnbereich mit einer Treppe in den Garten. Auf der anderen Seite des Kerns, der Nordwest-Seite, liegen drei annähernd gleich große Schlaf- oder Individualzimmer mit integrierten Einbauschränken. Der Kern dient diesen Räumen gleichzeitig als diskrete Sichtbarriere beim Gang zum Bad und WC.
Prinzipiell vergleichbar ist das ungleich berühmtere Farnsworth-Haus von Ludwig Mies van der Rohe. Auch hier gliedert ein eingestellter Kern mit Bad, Küche, Haustechnik und Abstellraum das gesamte Volumen in eine Wohn- und eine Rückseite.
Fachwerk, Fensterbänder, fließender Raum
Besondere Merkmale des Creston-Hauses sind die Fachwerk-Konstruktion mit sichtbaren Balken, rhythmisch umlaufende horizontale Fensterbänder und ein fließendes Raumgefüge. Zusammen mit dem milden, dem Mittelmeer ähnlichen Mikroklima der San Francisco Bay erzeugen diese Charakteristika eine für die kalifornische Moderne typische, geradezu luftige Verbindung von Innen und Außen. Holz ist dabei die vorherrschende Materialität bis hin zur sehr filigranen Flachdachkonstruktion. Aufgrund des Hangs ist das Gebäude teilweise zweigeschossig, wodurch sich in die Kubatur integrierte PKW-Stellplätze ergeben.
Sanierung und Modernisierung
Trotz des insgesamt sehr guten Zustands wünschten sich die neuen Eigentümer eine Erneuerung von Küche, Bädern sowie Haus- und Energietechnik. Insbesondere die Versorgung mit Steckdosen entsprach nicht mehr heutigen Anforderungen. Mit der Sanierung und Modernisierung beauftragten sie den norwegisch-amerikanischen Architekten Casper Mork-Ulnes und sein Team, deren Portfolio vergleichbare Projekte umfasst (siehe Objekte zum Thema).
Re-Use
Bei der Analyse des Bestands konnte das Architekturbüro die originalen Bauzeichnungen von Roger Lee einsehen. Auf dieser Grundlage entwickelte es eine Reihe minimalinvasiver Eingriffe unter der Prämisse „nothing more, nothing less“ – auf Deutsch: „Nicht mehr und nicht weniger, kein Spielraum für Interpretationen und erst recht nicht für Übertreibungen“. Im Mittelpunkt stand die Bewahrung der authentischen Bausubstanz, von der sogar 99 Prozent im Sinne eines adaptiven Re-Use erhalten blieben. Mit größtem Respekt vor der ursprünglichen Architektur, ihrer Materialität, Maßstäblichkeit und handwerklichen Qualität wurde das Haus bedachtsam für die Gegenwart ertüchtigt.
Während der gesamten Planungs- und Bauphase fragten sich Bauherren und Architekturteam immer wieder, wie Roger Lee ihre Überlegungen, Entwürfe und schließlich die Umsetzung wohl beurteilt hätte und ob er sie akzeptieren würde. Casper Mork-Ulnes kommentiert: „Ich denke, er wäre sehr glücklich, denn wir haben unser absolut Bestes gegeben, um sein Konzept und die Aura dieses Ortes zu stärken.“
Flächenbündige Türen und Klappen
Die Wand-, Boden- und Deckenverkleidungen aus Mahagoni und Red Oak, einer regionalen Eichenart, wurden behutsam aufgearbeitet und teilweise ergänzt. Im Zuge dieser Maßnahmen wurden auch Details wie die ursprünglichen eleganten Schattenfugen freigelegt und wiederhergestellt. Der eingestellte Kern erscheint nach der Erneuerung der Sanitär- und Haustechnik wie ein präzise gefertigtes Kabinett mit flächenbündig integrierten Türen. Die beiden Bäder erhielten ein überraschend farbintensives Update. Ein sattes rotes Mosaik kleidet die Räume vollständig aus. Der warme Rotton harmoniert mit dem rötlich schimmernden Mahagoni und erinnert an die Sonnenuntergänge über dem Pazifik. Verspiegelte Wandnischen und hölzerne Einbauschränke nutzen die begrenzte Fläche der Bäder effizient aus.
Dank der Fachwerkkonstruktion ließen sich nichttragende Wände eindeutig identifizieren. So konnten zwei Wandscheiben zwischen Küche sowie Ess- und Wohnbereich ohne Eingriffe in das Tragwerk entfernt werden. Die Küche öffnet sich nun als offener Bereich mit einem neuen Barbereich zum Wohnraum und entspricht damit heutigen Lebensgewohnheiten. Gleichzeitig erweitert der Küchenbereich den Wohnbereich über die gesamte Breite der südwestlichen Hausseite. Wie bereits beim zentralen Kabinett verbergen auch hier hölzerne Schränke mit flächenbündigen Klappen Geräte, Geschirr und Alltagsgegenstände, wenn sie nicht genutzt werden.
Möbel
Eine sorgfältig ausgewählte Gruppe von Möbelklassikern unterstreicht die architekturtheoretischen sowie entwurflich-konstruktiven Wurzeln des Hauses. Um den Esstisch gruppieren sich Y-Chairs von Hans Wegner unter einer minimalistischen Leuchte von Sabine Marcelis. Im Wohnbereich bilden ein Lounge Chair von Ray und Charles Eames, ein PK22-Sessel von Poul Kjærholm und ein Togo-Sofa von Michel Ducaroy eine lockere internationale Sitzgruppe. -sj
Bautafel
Architektur: Roger Lun Yuen Lee (Bestand 1956), Mork-Ulnes Architects, Oslo/Norwegen und San Francisco/USA (Modernisierung 2018-2024)
Projektbeteiligte: Casper Mork-Ulnes, Lexie Mork-Ulnes, Max Sanchez, Alicia Hergenroeder (Projektteam); Nima Construction und Berkeley Mills (Beratung);
Bauherrenschaft: privat
Fertigstellung: 2024
Standort: Berkeley Hills nähe San Francisco, Kalifornien, USA
Bildnachweis: Joe Fletcher, Oakland, über The Architecture Curator (Fotos); Mork-Ulnes Architects, Oslo/Norwegen und San Francisco/USA (Pläne)
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