Conaprole-Unternehmenssitz in Montevideo
Entkernung der Keimzelle
Uruguay dürfte vielen Deutschen nur durch die Fußballweltmeisterschaft bekannt sein. Eingeklemmt zwischen Argentinien und Brasilien liegt das Land an einem fluss- und lagunenreichen Abschnitt der südamerikanischen Ostküste. Weit mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt in der Hauptstadt Montevideo. Hier hat auch die Conaprole – Cooperativa Nacional de Productores de Leche (Deutsch: Nationale Genossenschaft für Milchprodukte) – ihren Sitz. Nach eigenen Angaben ist die Kooperative die größte Exporteurin von Molkereierzeugnissen in Lateinamerika. Ihre mitten im Stadtzentrum gelegene, erste Fabrik wurde nun nach Plänen des Architekturbüros FROM zum Verwaltungssitz umgebaut. 2026, zum 90-jährigen Bestehen, waren die neuen Büroräume bezugsfertig.
In Uruguay führen buchstäblich alle Wege nach Montevideo – und dort führen sie zum Parlament und zum benachbarten Hafen. Nur einen Steinwurf entfernt besetzt Conaprole einen ganzen Block in dem Stadtteppich mit seinem Raster aus üppig grünenden Alleen und dicht gedrängten Wohn- und Geschäftshäusern. Mit seinen vielen miteinander verwachsenen Trakten und den unterschiedlichen Fassaden, Dächern und einzelnen Türmchen erinnerte das Werk entfernt an eine Burg und prägte das Viertel somit nicht nur als Arbeitgeber.
In den späten 2000er-Jahren, nach der Schließung der Anlage, suchte die Kooperative per Wettbewerb Ideen für eine Transformation. Gefordert waren Büroflächen mit offenen Grundrissen und eine Fassadensanierung. Schließlich sollte die Architektur das Bild eines modernen, der Bevölkerung zugewandten Unternehmens widerspiegeln. Den Auftrag erhielt letztlich FROM. Das Team sah einen Teilerhalt des symbolisch aufgeladenen Bestands vor, der mittlerweile zu verfallen drohte.
Bestandsaufnahme der Molkereiburg
Das als Stahlbetonskelett errichtete Kerngebäude war im Verlauf der Jahrzehnte mehrfach umgebaut und erweitert worden. Einige Geschossplatten werden von kräftigen Unterzügen getragen, an anderen Stellen gibt es Rippen- oder Kassettendecken. Türme, langgestreckte Büroriegel mit Flachdächern sowie schmale und breite Tonnengewölbe ergaben eine vielfältige Dachlandschaft. Je nach Trakt wechselten sich Loch- und Bandfassaden ab, bestückt mit von Lamellen verhangenen Fenstern oder mit großen und kleinen Lüftungsgittern. Unter dem bröckelnden, braungrauen Putz kam stellenweise die Mauerwerksausfachung zum Vorschein.
Im Sockelbereich fanden sich zahlreiche Zugänge – von einzelnen Türen über Tore bis hin zu eingerückten, schattigen Laderampen. An der Südwestecke friedeten ein niedriger Bürotrakt und eine Mauer den Haupteingang ein. Innen fand das Planungsteam labyrinthische Raumfolgen vor. An manchen Stellen waren Fliesen und Beton bereits abgeplatzt und die Bewehrung lag teilweise frei. Woanders schienen Büros und Betriebsräume erst kürzlich verlassen worden zu sein.
Beton: Qualitäten in vielen Dimensionen
Folglich ließen FROM den Bestand systematisch begutachten und prüfen. Es zeigte sich, dass viele Teile des Tragwerks noch in gutem Zustand waren. Einige mussten jedoch aufgrund von Korrosion, Rissen und Abplatzungen saniert werden.
Nicht nur im Material, sondern auch in der vorhandenen Tragwerksstruktur erkannten die Architekt*innen Potenziale. Das Gebäude wurde vollständig entkernt und sogar einige der Deckenplatten entfernt. Auf diese Weise schälte man das beeindruckende, einem Raumgitter ähnliche Betonskelett heraus. Während große Teile des Bestands erhalten blieben, verschwanden viele kleinteilige Zubauten und der Nordflügel des Kerngebäudes. Dieser wurde neu errichtet – wiederum als Stahlbetonskelett, allerdings mit Fertigteilen. Verglichen mit Ortbeton ließen sich dadurch Baustellenabfälle, der Einsatz von Schalungen und die Bauzeiten minimieren.
Letztlich macht das alte Tragwerk 70 % des neuen aus, sagen die Architekt*innen. Durch den Bestandserhalt sicherte man nicht nur die im Stahlbeton steckende graue Energie. Auch die Abbruch- und Bauarbeiten sowie die damit verbundenen Umweltkosten fielen deutlich geringer aus.
Ankunft im Skelett
Die neue Kubatur gleicht einem T, wobei der zentrale, nach Westen gerichtete Gebäudeflügel einen trapezförmigen Grundriss aufweist. Infolge des Rückbaus entstanden somit neue Vorplätze, die dem Gebäude etwas Luft zur Nachbarschaft verschaffen und zugleich Raum für Parkplätze und Pflanzen bieten. Zugleich heben sich die Außenanlagen podestartig aus dem leichten Gefälle des Grundstücks heraus und halten so das Stadtleben dezent auf Abstand.
An der Ostseite führt eine zentral gelegene Treppenanlage in den Knotenpunkt des Ts, wo das mehrgeschossige Foyer angesiedelt ist. Hier erhielt das freigelegte Betonskelett seinen großen Auftritt: Durch das Raumgitter hindurch verbinden drei Brücken die angrenzenden Bürogeschosse und auch eine Treppe wurde eingefügt. Die weißen Brüstungen heben die neuen Elemente ab. An den Galerien empfangen Sitzgruppen und warm leuchtende Lichtleisten die Mitarbeitenden, bevor sie in einem der Seitenflügel verschwinden.
Das neue Gesicht des Unternehmens
An den Rohbau montierte man eine ebenfalls weiße Stahlkonstruktion, die eine imposante Glasfassade trägt. Die neue Haut ist nicht nur konstruktiv losgelöst, sondern gibt auch den konträren Raummaßstäben eine einheitliche Hülle. An den Längsseiten der Bürotrakte ist eine zweite, innenliegende Schicht sichtbar. Die Doppelfassade sorgt dafür, dass bei jedem Wetter das Büroklima angenehm bleibt. Von Glas eingefasst ist auch die Dachterrasse im obersten Geschoss des Westflügels, wo die Kantine angesiedelt ist. Hingegen sind die nördlichen und südlichen Stirnseiten als Lochfassade, die westliche sogar als Blindfassade, gestaltet.
Die neue Hülle lässt die alte Fabrik schnell vergessen. Im Foyer jedoch bleibt die Erinnerung an die Anfänge der Kooperative lebendig.
Bautafel
Architektur: FROM
Projektbeteiligte: Berkes Group (Bauausführung); Mario Di Marco (Bauleitung); Magnone Pollio (Bauingenieurwesen und Tragwerksplanung); Estudio Hofstadter Fregosi y Asoc. (Licht- und Elektroplanung); Taetech J. Cousillas (Klimatechnik und Niederspannungsanlagen); Estudio Pittamiglio (Wasserbau und Umwelttechnik); Estudio Otto Vicente (Brandschutzanlagen); Leonardo Fiorelli (Akustikplanung); Estudio Lagomarsino (Berater für LEED-Zertifizierung); Ing. Gustavo Bellora (Gebäudeautomation); Estudio Bulla (Landschaftsgestaltung)
Bauherr*in: Conaprole – Cooperativa Nacional de Productores de Leche, Montevideo
Standort: Magallanes 1871, 11800 Montevideo, Uruguay
Fertigstellung: 2026
Bildnachweis: Leonardo Finotti (Fotos nach Fertigstellung); Aldo Lanzi (Bestands- und Baustellenfotos); FROM (Pläne)
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