Bürogebäude in Rijeka

Historischer Hafenspeicher statisch und gebäudetechnisch ertüchtigt

Das historische Warehouse 22 im Hafen von Rijeka ist ein Stahlbeton-Industriebau aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Gebäude entstand 1912 bis 1913 nach einem Entwurf von Rolbertz Wehler; für die Detailplanung war Otto Prister verantwortlich. Nach den damals geltenden österreichisch-ungarischen Konstruktionsnormen im noch jungen Baumaterial errichtet, zählt es zu den ersten Gebäuden in Kroatien, bei denen Stahlbeton in Kombination mit Ziegelmauerwerk als Tragsystem eingesetzt wurde. APT architekten ingenieure haben den historischen Hafenspeicher unter strengen denkmalpflegerischen Vorgaben in ein modernes Bürogebäude transformiert, seismisch ertüchtigt und zugleich die architektonische Qualität herausgearbeitet.

Das architektonische Konzept basiert auf dem bewussten Zusammenspiel von historischem Bestand und zeitgenössischer Nutzung.
Das Ziegelmauerwerk der historischen Fassade rahmt die Gitterglasfenster, die vertikale Gliederung wird durch Pilaster betont.
Terrassenbalkone unterbrechen die Fassadenstruktur an der Nordseite, wodurch einst der mehrgeschossige Warenumschlag ermöglicht wurde.

Der Gebäudekomplex besteht aus insgesamt fünf verschiedenen Lagerhäusern, die in zwei Reihen entlang der Anlegerlinie ausgerichtet sind und bis heute das Erscheinungsbild des Hafenareals prägen. Die historische Fassade des Warehouse 22 ist geprägt von einer klaren und funktionalen Gliederung sowie Elementen der industriellen Jugendstilarchitektur und des Historismus. Gitterglasfenster werden von Ziegelmauerwerk gerahmt. Flache Pilaster, die sich vom Erdgeschoss bis zum Dachgeschoss erstrecken, betonen die vertikale Gliederung. Geprägte, stilisierte Balustraden zwischen den Fensterachsen verbinden die Geschosse optisch entlang einer vertikalen Linie. Die Fassadenstruktur wird immer wieder durch Terrassenbalkone unterbrochen, die ursprünglich auch dem mehrgeschossigen Warenumschlag mittels Kränen dienten.

Industrielle Ästhetik im historischen Bestand

Mit der Weiterentwicklung des gesamten Terminals kommt dem Warehouse nun eine neue, zentrale Funktion als Haupt- und Verwaltungsgebäude zu. Beim architektonischen Konzept haben ATP auf das Zusammenspiel von historischem Bestand und zeitgenössischer Nutzung gesetzt. Ziel war die Weiterentwicklung des denkmalgeschützten Bauwerks zu einem modernen Bürogebäude, ohne die industrielle Identität des Bestands zu überformen. Die historischen Strukturen sollten deshalb ablesbar bleiben und den räumlichen Rahmen für das Neue bilden. „Wir folgten dem Prinzip des Kontrasts: Durch den Einsatz zeitgenössischer Materialien haben wir uns bewusst von den bestehenden, restaurierten Gebäudeteilen abgesetzt und so eine eklektische Ästhetik geschaffen“, beschreibt Dario Travaš, Geschäftsführer von ATP Zagreb, das architektonische Konzept. Prägende Elemente des historischen Bestands sind im Inneren deshalb weiterhin erlebbar, auch die Stahlbetonkonstruktion mit ihren großzügigen Spannweiten. Es soll eine Atmosphäre entstehen, in der Industrial Chic und die historische Architektursprache in einen klaren architektonischen Dialog treten.

Um die raue, funktionale Ästhetik als bewusstes gestalterisches Element zu unterstreichen, ist die technische Gebäudeausrüstung im Innenraum sichtbar geführt. Das äußere Erscheinungsbild jedoch durfte wegen des Denkmalschutzes nicht beeinträchtigt werden, was für die Integration moderner gebäudetechnischer Anlagen eine Herausforderung war. Die Lösung konnte im Dachgeschoss gefunden werden: Durch ein partielles Öffnen der Dachfläche wurde ein diskret integrierter, von außen vollständig unsichtbarer Technikbereich geschaffen, in dem VRF-Außeneinheiten und Lüftungsgeräte untergebracht sind. Das VRF-System mit Wärmerückgewinnung kann unterschiedliche Bereiche gleichzeitig heizen und kühlen. Überschüssige Wärme aus einzelnen Zonen wird dabei in andere Bereiche zurückgeführt, was den Energiebedarf reduziert. Zur Belüftung gibt es zwei zentrale Systeme mit Lüftungsgeräten, die eine Wärmerückgewinnung von 74 % erreichen sollen.

Ertüchtigung der Tragstruktur

Das Lagerhaus ist als dreischiffige Halle angelegt, mit längsseitigen Hauptträgern im Abstand von sechs Metern und querseitigen Sekundärträgern im Abstand von zwei Metern. Das gesamte Gebäude wird von einer Mauerwerksfassade umgeben. Sie ist im Kellergeschoss 78 Zentimeter dick und nimmt mit zunehmender Höhe schrittweise ab. Das Fundament des Warehouse 22 ist eine Besonderheit: Da das gesamte Hafengebiet aufgeschüttet ist, wurde das Gebäude damals auf einer 1,5 Meter dicken, unbewehrten Betonplatte errichtet, um Setzungen zu reduzieren. Diese Konstruktion wurde jedoch nicht für horizontale Lasten oder gar seismische Kräfte ausgelegt. Umfassende Untersuchungen ergaben merkliche Defizite in der horizontalen Aussteifung sowie in der Tragfähigkeit der Fundamente. So war ein wichtiger Teil des Projekts die Verstärkung und Ertüchtigung der gesamten Konstruktion, nicht zuletzt, da die Umnutzung der Lager- zu Büroflächen zusätzliche Anforderungen an die Sicherheit mit sich brachte.

Die Prüfung verschiedener Varianten ergab schließlich einen teilweisen Neubau der tragenden Stahlbetonkerne für die Treppenhäuser und Aufzüge sowie eine statisch gezielte Ergänzung von Schubwänden zur Verbesserung der horizontalen Aussteifung. Zusätzlich wurden die bestehenden Ziegelwände auf der Innenseite mit einer dünnen, bewehrten Spritzbetonschicht verstärkt und konstruktiv eingebunden. Damit konnte die Tragfähigkeit des Gebäudes deutlich erhöht werden, ohne die äußere Erscheinung zu verändern. Zur Aufnahme der zusätzlichen Kräfte wurden neue Fundamentstrukturen geschaffen, die mit dem bestehenden Beton mittels chemischer Verankerungen verbunden wurden. Zur Verankerung der Bewehrung wurden dazu Bohrungen in den bestehenden Beton eingebracht und mit epoxidbasiertem Klebstoff verfüllt. Dadurch wird das Gewicht der Fundamentstruktur ausreichend erhöht, um die Zugkräfte in den neuen Stahlbetonelementen aufzunehmen. -tg

Bautafel

Architektur: ATP architekten ingenieure, Zagreb
Projektbeteiligte: ATP architekten ingenieure, Zagreb (Integrale Planung)
Bauherr*in: Rijeka Gateway, Rijeka, HR
Fertigstellung: 2025
Standort: Milutina Barača 13-109, 51000, Rijeka, HR
Bildnachweis: ATP architekten ingenieure / Damir Fabijanic

Fachwissen zum Thema

yk_Baunetz

Luft/Luft-Wärmepumpe, Zentralgerät und Verteilermodule in einem Kellerrraum

Kühlen/​Klimatisieren

Arten von Klimaanlagen

Kreuzstromwärmetauscher

Kreuzstromwärmetauscher

Gebäudetechnik

Lüftung mit Wärmerückgewinnung

Es gibt viele Stellen an einem Gebäude, an denen Wärmeverluste entstehen können, wie etwa an den Außenwänden.

Es gibt viele Stellen an einem Gebäude, an denen Wärmeverluste entstehen können, wie etwa an den Außenwänden.

Energieeinsparung

Möglichkeiten zur Energieeinsparung

Außenliegender Sonnenschutz reduziert den solaren Energieeintrag. Im Bild: Botschaft für Kinder des Vereins SOS-Kinderdorf in Berlin von Ludloff Ludloff Architekten

Außenliegender Sonnenschutz reduziert den solaren Energieeintrag. Im Bild: Botschaft für Kinder des Vereins SOS-Kinderdorf in Berlin von Ludloff Ludloff Architekten

Kühlen/​Klimatisieren

Umweltschonende Methoden der Klimatisierung

Bauwerke zum Thema

Krekeler Architekten realisierten das Museum für Textil- und Industriegeschichte in Forst (Lausitz) als denkmalgerechte Sanierung und Erweiterung eines historischen Tuchfabrikensembles aus dem späten 19. Jahrhundert.

Krekeler Architekten realisierten das Museum für Textil- und Industriegeschichte in Forst (Lausitz) als denkmalgerechte Sanierung und Erweiterung eines historischen Tuchfabrikensembles aus dem späten 19. Jahrhundert.

Kulturbauten

Museum für Textil- und Industriegeschichte in Forst

 Auf dem Gelände des ehemaligen Ausbesserungswerks in München-Neuaubing sanierten Fischer + Steiger u. Partner Architekten die Werkhalle 3.

Auf dem Gelände des ehemaligen Ausbesserungswerks in München-Neuaubing sanierten Fischer + Steiger u. Partner Architekten die Werkhalle 3.

Büro/​Verwaltung

Werkhalle 3 am Triebwerk Neuaubing in München

Kontakt Redaktion BauNetz Wissen: wissen@baunetz.de

BauNetz Wissen Partner:
Schüco International KG 
Karolinenstraße 1-15
33609 Bielefeld
Kontakt +49 521 783-0 | www.schueco.com