Brown House in Washington D.C.
Zellulose und Hanf im Gassenhaus
US-Amerikanische Städte sind nicht gerade für ihre hohe Dichte bekannt. Mit dem Ziel, die Wohnungsknappheit zu lindern, erlaubt in Washington D.C. seit 2016 eine Gesetzesänderung wieder den Bau sogenannter Alley Houses (Deutsch: Gassenhäuser). Eines davon ist das Brown House im Stadtteil Capitol Hill, das 2023 nach Plänen von BLDUS fertiggestellt wurde.
Die Geschichte hinter der Gasse
Alley Houses oder Alley Dwellings sind eng verknüpft mit der Segregation der Afro-Amerikanischen Bevölkerung im Stadtgefüge von Washington. Nach dem Bürgerkrieg wohnten viele ehemalige Sklav*innen und andere Menschen mit geringerem Einkommen in den Gassen zwischen Backsteinhäusern und Hintergärten, wo sie mit einfachen Mitteln Reihenhäuser und Schuppen aus Holz errichteten. Die Behörden bemängelten sanitäre Missstände und Kriminalität und verboten nicht nur den Bau der Hütten, sondern ließen in den 1930er- und 1940er-Jahren auch hunderte abreißen. Manche Bewohner*innen wurden verdrängt, andere konnten in einen besser ausgestatteten Neubau umziehen.
Mit Zunahme des Autoverkehrs wurden Garagen geschaffen und Werkstätten siedelten sich an. Später prägte Leerstand die Viertel, bevor eine Gentrifizierungswelle einsetzte. Heute ist die zentrale Lage begehrt und neue Alley Houses entstehen im Inneren der Blöcke, auf alten Parkplätzen und Restflächen. Ein solches Grundstück erwarben Jack Becker und Maddie Hoagland-Hanson und beauftragen das Architekturbüro BLDUS.
Abwechslungsreiche Holzhülle
Das Baufeld begrenzen 10 bis 15 Fuß breite Wegachsen, die in einem unregelmäßigen Raster den Block unterteilen. Schmale Einfamilienhäuser säumen die Ränder, im Blockinneren sind kleine Lagerhallen, ein paar Bäume und ab und zu eine Kiesfläche zu sehen. Angelehnt an eine beige verputzte Garage mit rotem Tor fällt der zweigeschossige Holzbau sofort ins Auge.
Der Südstirn ist ein kleiner, sichtgeschützter Außenbereich vorgelagert. Hier wie auf der Nordseite verkleiden Korkplatten die Fassade. Hingegen zeigen die Längsfassaden die Holzrahmenkonstruktion, mit Feldern aus mehr oder weniger dichten, horizontalen und vertikalen Latten. Damit Passant*innen nicht ins Innere blicken können, wurden die Reihen quadratischer Fenster hoch gerückt – schließlich verläuft eine der Gassen direkt am Haus entlang. Ein schmales Vordach markiert die im Lattengewebe getarnte, doppelflügelige Eingangstür. Dahinter liegt ein Windfang mit Fahrradabstellfläche.
Auf Dauer bewohnbar
Im Erdgeschoss befindet sich zur einen Seite ein Schlafzimmer mit eigenem WC. Im Alltag nutzen die Eigentümer*innen die „Suite“ als Heimbibliothek, gelegentlich übernachten hier aber auch Verwandte und Freunde oder Airbnb-Gäste. Eine Reihe von Kammern und Einbauschränken wurden entlang der Wand zur benachbarten Garage platziert. Gegenüber befinden sich das zentrale Treppenhaus und ein Bad. Das südliche Drittel des Erdgeschosses nimmt eine große Wohnküche ein, die leicht abgesenkt wurde, um mehr Raumhöhe zu erzeugen. Eine große Glasschiebetür lässt sich zu dem eingefassten Außenbereich öffnen. Im Alter könnte das Paar also komplett auf einer Ebene leben.
Im Obergeschoss gibt es zwei weitere Schlafzimmer mit angrenzenden Bädern und Loggien, dazu eine einläufige Treppe, die zum Dachgarten führt. Hier reihen sich längliche Hochbeete, in denen das Paar unter anderem Broccoli, Auberginen und Erdbeeren anbaut. Zur Bewässerung des Gartens und der Pflanzen an den Nord- und Südfassaden nutzen sie das Regenwasser, das sich in den unterirdischen Zisternen sammelt.
Dämmstoffe: „Farm to shelter“
Die Materialpalette ist kein Zufall. Seit vielen Jahren schon achtet das Architekturbüro BLDUS darauf, gesunde, erneuerbare Baustoffe zu verwenden, die hauptsächlich aus dem Osten der Vereinigten Staaten stammen. Für die Längsfassaden wurde robustes Robinienholz aus den Wäldern der Küstenstaaten gewählt. Hinter den Latten bietet eine Schicht Kork ersten Wärmeschutz, während Hanfwolle die Holzrahmenkonstruktion ausfüllt.
Sichtbar blieb die Korkverkleidung an den Nord- und Südfassaden. Darüber hinaus kam das Material im Innenraum zum Einsatz, als Bodenbelag und – in Form von Korkspray – als schalldämmende Decken- und Wandbeschichtung. Die Bambusoberflächen der Innenwandtafeln sind mit Polywhey, einem Molkenprotein, beschichtet. Das Nebenprodukt aus der lokalen Käseindustrie verbessert die Haltbarkeit der Hybridplatten. Im oberen Bereich der Tafeln ist jeweils ein versiegeltes Loch zu sehen. Hier brachten die Handwerker die hochverdichtete Zellulose-Dämmung ein.
Bautafel
Architektur: BLDUS, Washington D.C.
Projektbeteiligte: JZ Engineering (Tragwerksplanung); MEP Engineering: KK Engineering (TGA); CAS Engineering (Bauingenieruwesen); Artwork (Zimmerei); Hempitecture (Hersteller Hanfwolledämmung); Amorim (Hersteller Korkverkleidung für den Außenbereich); Jelinek Cork Group (Hersteller Korkbodenbeläge und Korkspray für Wände und Decken)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2023
Standort: Overbeck Aly NE, Washington D.C., District of Columbia 20002, USA
Bildnachweis:Ty Cole, Los Angeles (Fotos); BLDUS, Washington D.C. (Pläne und Baustellenfotos)
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