Boardinghouse Schiffbauergasse in Potsdam

Hybrid-Wärmepumpen mit Eisspeicher und Außenluftabsorber

Noch heute erinnern das Waschhaus, die Maschinenhalle oder die Husaren-Pferdeställe rund um die Potsdamer Schiffbauergasse am Ufer des Tiefen Sees an längst vergangenen Zeiten. Einst von Militär und Industrie genutzt, hat sich das Gebiet in den letzten 20 Jahren zu einem wichtigen Kulturstandort für die brandenburgische Landeshauptstadt gemausert. 2006 wurde hier der Neubau des Hans-Otto-Theaters eröffnet; gleich daneben kam 2013 ein weiteres Gebäude hinzu: das Boardinghouse – ein Langzeithotel, welches künftig vorrangig von Berufspendlern genutzt werden soll. Der Entwurf stammt von dem Potsdamer Architekten Moritz Klock, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, das Hamburger Büro HS-Architekten übernahm die Ausführungsplanung.

Die Fassade des Langzeithotels ist größtenteils verglast, nur im Nordosten ist das Gebäude weiß verputzt
Die drei Obergeschosse sind um einen Lichthof angeordnet, umlaufende Galerien dienen der Erschließung
Die Lobby mit Rezeption

Der viergeschossige Neubau mit einer Nettogrundfläche von 3.250 m² schließt im Südwesten in voller Höhe und Breite direkt an die Brandwand eines Parkhauses an und öffnet sich auf der gegenüberliegenden Seite mit breiter, leicht geschwungener Front zum Tiefen See. In dem leicht zurückversetzten Erdgeschoss befinden sich vier Wohnungen. Desweiteren ist hier eine gastronomische Einrichtung geplant. Dazwischen liegt die kleine Lobby mit Rezeption; Technik- und Lagerräume wurden im rückwärtigen Teil des Gebäudes untergebracht. In den Obergeschossen sind weitere 33 möblierte Ein- bis Zweizimmerapartments in Größen zwischen 44 und 83 m² um einen Lichthof angeordnet. Sie sind allesamt mit mindestens einem Balkon ausgestattet, die ebenerdigen Wohnungen verfügen über kleine Terrassen.

Das Boardinghouse wurde als Skelettbau realisiert; seine auskragenden, oberen Etagen lagern im Erdgeschoss auf acht konisch zulaufenden Stützen auf. Während das Gebäude aufgrund des Anschlusses an die Brandwand rückwärtig keine Fenster besitzt, öffnet es sich zu den drei anderen Seiten über raumhohe Öffnungen. Diese sind größtenteils dreifach-isolierverglast, innen liegende Rollos und Vorhänge schützen vor übermäßiger Sonneneinstrahlung und unerwünschten Einblicken. Recht dünne, geschosshohe Scheiben aus sandfarbenem Faserbeton trennen die Balkone der einzelnen Wohneinheiten voneinander. Außerdem gliedern sie zusammen mit den schwarzen Brüstungselementen die Fassade und verleihen ihr eine gewisse Dynamik.

Energiekonzept
Aufgrund der unmittelbaren Nähe zum Wasser sollten ursprünglich drei Sole/Wasser-Wärmepumpen das Boardinghouse mit Wärme versorgen. Bei ersten Probebohrungen zeigte sich jedoch eine hochgradige Kontamination des Bodens, sodass die Nutzung von Erdwärme an diesem Standort nicht möglich war. Stattdessen entschieden sich die Planer für ein System bestehend aus einer hybriden Wärmepumpenanlage, den dazugehörigen Außeneinheiten, zwei Eisspeichern mit zwei integrierten Wärmetauscheranlagen sowie einen Außenluftabsorber.

Bei den drei Wärmepumpen handelt es sich um Luft/Wasser-Wärmepumpen. Jedes Gerät hat eine Heizleistung von 38 kW – sie sind als Kaskade in Reihen geschaltet. Bei den Eisspeichern handelt es sich um zwei Wassertanks, deren Gesamtvolumen 50.000 Liter fasst. Über einen Wärmetauscher entziehen die Wärmepumpen dem Wasser seine Wärme. Dabei kühlt es zunächst bis auf den Gefrierpunkt ab. Sobald das Wasser zu Frieren beginnt, also seinen Aggregatszustand von flüssig zu fest ändert, wird Kristallisationswärme freigesetzt, die zur Beheizung eingesetzt wird. Bei dem Phasenwechsel wird 80 Mal mehr Wärme abgegeben, als wenn die gleiche Menge Wasser um 1°C abgekühlt wird. Auf diese Weise werden pro Kilogramm Wasser 93 Wh Wärme nutzbar; Fußbodenheizungen verteilen sie im Gebäude.

Der zweite Wärmetauscher ist mit dem Außenluftabsorber auf dem Dach des Boardinghouses verbunden. Sobald die Außentemperaturen steigen oder die Sonne ausreichend scheint, macht sich der Absorber die Umgebungswärme zunutze, um das gefrorene Wasser im Eisspeicher wieder zu schmelzen. Ist das Wasser wieder flüssig, beginnt der Kreislauf erneut. Sollte der Absorber über einen längeren Zeitraum kein Warmwasser generieren, so schalten sich die Eisspeicher automatisch ab. Dann übernehmen ausschließlich die Wärmepumpen die Wärmeversorgung. Damit alles reibungslos abläuft, sind die Wärmepumpen und der Eisspeicher miteinander vernetzt. Mit diesem ausgeklügelten Energiekonzept soll der jährlich anfallende Heizbedarf von 182.000 kWh gedeckt werden.

Bautafel

Architekten: Moritz Kock, Potsdam (Entwurf); HS-Architekten, Hamburg (Ausführung)
Projektbeteiligte: Dr. Zauft Ingenieurgesellschaft, Potsdam (Tragwerk, Bauphysik, Brandschutz); Energie-Haus-Halt, Oldenburg (Energieberatung); Freytag & v.d.Linde, Oldenburg (Projektmanagement/GU); Brandenburger Baugrundingenieure und Geotechniker, Potsdam (Bodengutachten); Göbler Ingenieure, Falkensee (Planung TGA); Martin Böcker Heizung Lüftung Sanitär, Hintersee (Heizungsinstallation); HFB Engineering, Leipzig (Faserbetonelemente Fassade)
Bauherr: Norddeutsche Boden Gesellschaft, Hamburg
Fertigstellung: Herbst 2013
Standort: Schiffbauergasse, Potsdam
Bildnachweis: Anja Wippich, Lüneburg

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