Betriebsleitergebäude in Emmen
Wohnen im Gewerbegebiet
Statt eine trendige Loftwohnung oder ein Eigenheim im Grünen zu wählen, entschied sich die Bauherrschaft des Betriebsleiterhauses in Emmen für einen mutigen und ungewöhnlichen Weg: Mitten in einer voll genutzten Gewerbezone entstand ein Holzhybridbau, der ein starkes Zeichen für städtische Nachverdichtung und die Wiederentdeckung vermeintlich unattraktiver Standorte setzt. Das von Graber & Steiger Architekten entworfene Betriebsleitergebäude hat eine clevere Raumorganisation und eine Fassade mit drehbaren Vertikallamellen aus Holz, die flexibel auf die Sonneneinstrahlung reagieren.
Flexibilität im Baurecht
Was in Deutschland aufgrund strenger Vorschriften nahezu unmöglich scheint, findet in der Schweiz zunehmend Anklang: das Wohnen im Gewerbegebiet. Während in Deutschland klare, restriktive Vorgaben Wohnen in solchen Zonen grundsätzlich ausschließen – abgesehen von wenigen betriebsbedingten Ausnahmen –, zeigt sich die Schweiz in bestimmten Regionen und unter kommunalen Bestimmungen deutlich offener für innovative Konzepte, die Wohnen und Arbeiten miteinander verbinden.
Hier wird auf eine flexible Einzelfallprüfung gesetzt, die die Interessen von Gemeinden, Anwohnern und Gewerbebetrieben gleichermaßen berücksichtigt. Dieses Vorgehen ermöglicht Projekte wie das Atelierhaus in Emmen, die in Deutschland nur unter erheblichen rechtlichen Anpassungen realisierbar wären. Zwar könnten deutsche Kommunen Ausnahmen schaffen, etwa durch die Umwidmung von Gewerbe- in Mischgebiete, doch sind solche Änderungen aufwendig und an strenge öffentliche Interessen gebunden.
Vertikales Wohnen auf schmalem Raum
Die Vorteile der nachhaltigen Verdichtung im Gewerbegebiet demonstriert der Emmener Neubau anschaulich: Die Holzhybridkonstruktion wurde direkt an eine bestehende Gewerbehalle angedockt, die als Arbeitsstätte der Bauherrschaft dient. So wird der Arbeitsweg auf ein Minimum reduziert, was nicht nur für die Eigner*innen angenehm ist, sondern auch das Verkehrsaufkommen und letztlich die Umwelt entlastet.
Das schmale Grundstück zwischen den Werkhallen ließ keine ausladende Bauweise zu. Stattdessen entwickelten die Architekt*innen auf rechteckigem Grundriss eine vertikal organisierte dreigeschossige Wohneinheit, die den begrenzten Platz durch eine clevere Raumchoreografie ausgleicht. Das Gebäude ist upside-down konzipiert: Herzstück ist der doppelgeschossige Wohnbereich unter der Dachhaube, der trotz der kompakten Grundfläche eine beeindruckende Großzügigkeit vermittelt. Zwei Schlafzimmer nehmen das erste Obergeschoss ein, im Erdgeschoss befindet sich ein weiteres Zimmer sowie die Garage. Die Erschließung über gerade Treppenläufe ist an die östliche Hauswand gerückt.
Sonnenschutz: Drehbare Vertikallamellen aus Holz
Die Fassade des Hauses wird aus sägerohen Brettern gebildet und ist so gestaltet, dass sie je nach Ausrichtung graduell geöffnet wird. Großformatige Bandfenster und ein bühnenartig ausgeklappter Balkon, der den Wohnbereich nach Süden erweitert, prägen die Stirnseiten, während die Fenster der Längsseiten durch drehbare Holzlamellen als Licht- und Belüftungsfilter ergänzt werden. Vertikale, drehbare Lamellen sind als Sonnenschutz insbesondere nach Westen und Osten effektiv, da sie die spezifischen Herausforderungen tief stehender Sonne optimal bewältigen. Morgens und abends, wenn die Sonne flach auf die Fassaden trifft, bieten horizontale Verschattungselemente wie Vordächer oder Überstände kaum Schutz. Vertikale Lamellen hingegen können je nach Sonnenstand ausgerichtet werden, um die tief einfallenden Strahlen gezielt abzuschirmen.
Durch ihre Variabilität ermöglichen sie eine präzise Steuerung des Lichteinfalls: Im geschlossenen Zustand blockieren sie direkte Sonneneinstrahlung und reduzieren Blendung, während sie in teilgeöffnetem Zustand weiterhin Tageslicht in die Räume lassen. Gleichzeitig sorgen sie für eine gute natürliche Belüftung, da Luft auch bei geschlossener Position durch die Lamellen strömen kann. Darüber hinaus fügen sich gewissenhaft entworfene Vertikallamellen nahtlos in die Fassadengestaltung ein und erfüllen neben ihrer funktionalen auch eine ästhetische Rolle.
Das Fassadenkonzept in Emmen schafft ein harmonisches Verhältnis
von Offenheit und Rückzug und integriert das Gebäude sensibel in
das heterogene Gewerbegebiet. Der bewusste Verzicht auf protzige
Gesten in der Gestaltung sorgt dafür, dass der Bau als „gelassener
Mitspieler“ wahrgenommen wird, der mit seiner professionell
geprägten Umgebung in einen dialogischen Austausch „auf Augenhöhe“
tritt. -sr
Bautafel
Architektur: Graber & Steiger Architekten, Luzern
Projektbeteiligte: Schärholzbau AG, Altbüron (Holzbau)
Bauherr*in: Privat
Standort: Emmen, Schweiz
Fertigstellung: 2020
Bildnachweis: Dominique Marc Wehrli (Fotos); Graber & Steiger Architekten (Pläne)
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