Bergrettungswache in Hinterzarten

Moderne Interpretation des traditionellen Schwarzwaldhauses

Hinterzarten liegt im Schwarzwald, unweit des Titisees – einer bei Wanderern beliebten Gegend. Starke Regen- oder Schneefälle sind hier allerdings keine Seltenheit. Dies führte dazu, dass sich über die Jahrhunderte der Bautypus des Schwarzwaldhauses ausbildete, der durch ein markantes Satteldach mit großem Traufüberstand gekennzeichnet ist, um das Gebäude vor der Witterung zu schützen. Für die Ortsgruppe Hochschwarzwald entwarf das Büro Sennrich & Schneider Architekten aus dem nahegelegenen Breisach eine neue Bergwacht, die den regionalen Bautypus aufnimmt, ihn aber neu interpretiert. Auch deren traditionelles Energiekonzept erfuhr eine Neuinterpretation.

Statt des klassischen Witterungsschutzes durch Traufüberstände bewahren die nach außen gekippten Wände die Fassaden vor Regen und Schnee.
Durch die gekippten Wände entstehen an Fenstern, Türen und Toren tiefe Laibungen, die einen zusätzlichen Wetter- und Sonnenschutz gewährleisten.
Die Innenräume für die Bergretter*innen sind als Split-Level konzipiert, wodurch die uneingeschränkte Kommunikation im Einsatzfall gewährleistet wird.

Der Entwurf abstrahiert den traditionellen Eindachhof zu einem Monolithen. Der diagonal verlaufenden Dachfirst fällt zu einer Ecke stark ab, sodass eine markante, asymmetrische Dachskulptur entsteht. Anstelle eines Dachüberstands sind die mit vertikalen Holzlatten verkleideten Wände nach außen gekippt, was dem Baukörper seine kompakte, monolithische Erscheinung verleiht. Durch die lotrecht eingebauten Fenster, Tore und Türen entstehen tiefe Laibungen, die einen zusätzlichen Wetter- und Sonnenschutz gewährleisten. Platziert ist die neue Bergrettungswache neben der bestehenden Feuerwache, wodurch organisatorische Synergien geschaffen werden.

Von kalt zu warm

Im Inneren offenbart der Holzbau seinen konstruktiven Kern: Das Dach wird von einem alles überspannenden Rahmentragwerk gestützt. Zudem sind Treppen, Wände und die Dachuntersicht ebenfalls vollständig mit unbehandeltem Kiefernholz verkleidet. Die Materialwahl ist Ausdruck der Verbundenheit mit dem umliegenden Wald. Das Gebäudeinnere ist in zwei Bereiche unterteilt: Die 1.390 m³ große Halle für die Fahrzeuge ist stützenfrei konzipiert, wodurch ein möglichst einfaches Rangieren der Rettungsfahrzeuge ermöglicht werden soll. Die thermisch von der Halle getrennten Aufenthaltsbereiche für die Bergretter*innen daneben sind als Split-Level organisiert, wobei die Räume ineinanderfließen, damit im Einsatzfall eine uneingeschränkte Kommunikation mit der Leitstelle möglich ist. Große, teils öffenbare Fenster zur Fahrzeughalle hin ermöglichen auch hier die direkte Kommunikation.

Wärmepumpe und Betonkernaktivierung

Aufgrund der strengen Witterung in der Bergregion mag man meinen, dass ein entsprechend leistungsstarkes Heizsystem benötigt würde. Im Wesentlichen basiert das Energiekonzept jedoch auf einem Prinzip, das in traditionellen Schwarzwälder Eindachhöfen seit Jahrhunderten für die richtige Wärme sorgt: Die Innenräume sind von warm nach kalt angeordnet, was Energie spart und gleichzeitig einen ressourcenschonenden Einsatz von Dämmmaterialien gewährleistet. Die Fahrzeughalle ist als Kalthalle ausgeführt und kann bei Bedarf über Wärmestrahler an der Decke beheizt werden. Dadurch wird Frostfreiheit garantiert; zum anderen kann die Halle im Katastrophenfall beheizt werden, etwa wenn Feldbetten aufgestellt sind.

Für die Beheizung der Aufenthaltsbereiche für die Bergretter*innen gibt es eine Luft/Wasser-Wärmepumpe mit einer Leistung von 19 kW. Sie wurde im Keller aufgestellt, wodurch die Geräusche für die Umgebung reduziert werden und die Anlage gleichzeitig vor Vandalismus geschützt ist. Die Übergabe der Wärme (und der Kälte im Sommer) an die Räume erfolgt über die Kernaktivierung der massiven Betonbauteile, also die Bodenplatte im Kellergeschoss sowie die Kellerdecke. So kann die Wärme auf natürliche Weise von unten nach oben steigen. Bauhistorische Prinzipien der Wärmeerzeugung, -verteilung und -speicherung werden so modern interpretiert und umgesetzt. Die Sanitärräume sind zusätzlich mit Abluftgeräten ausgestattet, die über Feuchtesensorgen gesteuert werden. Darüber hinaus gibt es eine externe Anschlussmöglichkeit für ein Notstromaggregat, ferner ist das Dach für Photovoltaik vorbereitet. -tg

Bautafel

Architektur: Sennrich & Schneider Architekten, Breisach am Rhein
Projektbeteiligte: Schmitt & Partner – Architektur- & Ingenieurbüro, St. Märgen (Tragwerk); faller³, Breitnau (Brandschutz)
Bauherr*in: Bergwacht Schwarzwald e.V., Landesgeschäftsstelle, Kirchzarten
Fertigstellung: 2023
Standort: Bahnhofweg 5, 79856 Hinterzarten
Bildnachweis: Axel Killian, Vogtsburg-Oberrotweil

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