Bauernhaus in Rüegsauschachen

Sichtbetonskulptur als Raumteiler und Tragstruktur

Das Schweizer Emmental ist für seinen Käse berühmt und seine Bauernhäuser bekannt. In den traditionellen, überwiegend aus dem 18. Jahrhundert stammenden Gebäuden lebten Mensch und Tier einst unter einem Dach. Heute werden die Ställe im Haus in der Regel nicht mehr landwirtschaftlich genutzt. Den Bewohnern eines denkmalgeschützten Bauernhauses in Rüegsauschachen dienten sie zuletzt als Abstellräume und Garage. Nun erbte eine junge Familie das 1802 errichtete Gebäude und beauftragte Freiluft Architekten damit, ein Konzept für seine Sanierung zu erarbeiten. Das Berner Büro schlug vor, einen nachträglich als Querriegel angefügten Anbau abzureißen und im ehemaligen Kuhstall zwei Wohnungen unterzubringen. Mit den Mieteinnahmen kann die Familie die Kosten für die zu einem späteren Zeitpunkt geplante Renovierung des alten Wohnbereichs decken, in dem sie nun lebt.

Rau geschalter Sichtbeton und Birkensperrholz prägen die Innenräume – wie hier in der Erdgeschosswohnung
Die Grundrisse sind offen als Rundlauf gestaltet, lediglich die Bäder und WCs sind abschließbar
Im ersten Obergeschoss filtert die offene Holzbekleidung des Bestands das Tageslicht

Von außen lässt sich dem Haus die Veränderung im Stallteil kaum anmerken: bis auf die marode Westseite blieb die Hülle weitgehend unangetastet. Lediglich dort, wo Bauteile fehlten, wurde die Struktur im Einklang mit dem Bestand repariert. Sogar das Öffnungsschema blieb erhalten. Im Inneren jedoch wurde der Stall, der die gesamte Westhälfte des Gebäudes einnimmt, komplett erneuert: Die Decken und Wände aus Holz wurden entfernt, um einer raumteilenden Betonskulptur Platz zu machen. Ebenerdig ist ein Einzimmerapartment entstanden, im ersten und zweiten Obergeschoss eine Maisonettewohnung. Beide Einheiten werden über die ehemalige Heudiele oder Tenne erschlossen. In die obere Etage führt eine einfache Stahltreppe. Die Trennwand zu den Wohnungen hin bildet im unteren Bereich der von innen gedämmte Bestand, darüber eine neue Holzständerkonstruktion.

Die Grundrisse der neuen Wohnungen sind – gerade für den ländlichen Raum – sehr unkonventionell. Sie entwickeln sich um die Betonskulptur im Zentrum herum, sodass eine Art offener Rundlauf entsteht. Lediglich die im Kern liegenden Bäder und Toiletten lassen sich abschließen. Als Materialien prägen neben Beton und einem Zementestrich auf den Böden Birkensperrholzoberflächen die Räume.

Beton
Außen ist der Bau der Vergangenheit verpflichtet, innen jedoch erinnert kaum noch etwas an den alten Stall. Zentrales Element ist das Betonobjekt, das die Architekten als „Baum“ bezeichnen. Es unterteilt die Räume, trägt die Decken und stützt im obersten Geschoss an drei Stellen die Dachbalken ab, um das durch zahlreiche Umbauten in Mitleidenschaft gezogene Tragwerk zu ertüchtigen.

Als erste Baumaßnahme wurde eine neue Bodenplatte aus Beton eingefügt. Sie wurde oberseitig gedämmt, die Wände von innen, weshalb das Äußere des Gebäudes weitgehend unverändert bleiben konnte. Über dem Zementestrich mit integrierter Fußbodenheizung sind zentral die Wandscheiben des Betonbaums platziert. Im Geschoss darüber sind sie zum Teil leicht versetzt angeordnet, das heißt, die tragenden Elemente befinden sich nicht überall exakt übereinander. Auf ihren Oberflächen zeichnet sich die Textur der 12,5 cm breiten und 3 cm starken sägerauen Holzbretter ab, mit denen die Stahlrahmenschalungen belegt waren. Die an den oberen Deckübergängen in einem Radius von 80 cm gerundeten Wände und die seitlichen Abschlüsse wurden mit aus Holz gezimmerten Einlagen erzielt. Die Bögen sollen die Baumassoziation und seine tragende Funktion unterstreichen.

In jedem Geschoss wurden zuerst die tragenden Wandscheiben betoniert und mit Bohrungen zur Aufnahme der horizontalen Bewehrung für die Deckenanschlüsse versehen. Ein etwa 12 cm hoher Abschnitt wurde anschließend in die Deckenplatte mit einbetoniert, um eine monolithische Verbindung ohne Zwischenräume zu erhalten.

Bei dem verwendeten Beton handelt es sich um einen Trockenbeton der Festigkeitsklasse C30/37 mit einem Größtkorn von 8 mm. Der Baustoff wurde in Säcken geliefert, mithilfe eines mobilen Silos vor Ort gemischt und über die zeitweise offene Westfassade ins Innere gepumpt. Auf Wunsch der Planer wurde der Beton nicht zu homogen und ebenmäßig ausgeführt, um einen Kontrast zum glatten Birkensperrholz zu erreichen, das als feine Haut die Wände überzieht und die Einbauten, die sich an den Betonkern anschließen, formt. -chi

Bautafel

Architekten: Freiluft Architekten, Bern
Projektbeteiligte: WAM Planer und Ingenieure, Bern (Statik); Hans Ulrich Christen, Grünenmatt (Baumeister); U. Schweizer Holzbau, Schafhausen i. E. (Montagebau Holz); Könitzer + Hofer Worb (Holzfenster); Christen Bedachungen/Fassadenbau, Rüegsauschachen (Bedachung)
Bauherr: Kathrin und Stephan Huber, Rüegsauschachen
Standort: Lützelflühstrasse, Rüegsauschachen, Emmental, Schweiz
Fertigstellung: 2015
Bildnachweis: David Aebi, Bern

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Sichtbeton

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Oberflächen

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