Autochthonie

„Architecture Without Architects", regionale Traditionen, Low-Tech

Als autochthon werden volkstümliche Bauten, Bauweisen und Bauteile bezeichnet. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus den beiden Vokabeln αὐτός, autós = „selbst“ und χθών, chthōn = „Erde“ zusammen. Die wörtliche Übersetzung verweist also darauf, dass etwas bodenständig oder eigenständig und unmittelbar vor Ort vorhanden ist. Dieser Begriff wird daher auch in anderen Disziplinen wie in der Biologie, der Medizin und der Geologie verwendet, beispielsweise für seit Urzeiten ortsfeste und in der Lage unveränderte Sedimentgesteine oder Ökosysteme.

Fenster und Türen werden ausschließlich in die Gefache, die Felder, zwischen den hölzernen Ständern, Riegeln und Streben eingefügt. Im Bild: Fachwerkfassade in Soest, Westfalen
Dies entspricht einer Materialgerechtigkeit und konstruktiven wie funktionalen Logik, die auch ohne spezielle Fachkenntnisse visuell verständlich ist. Im Bild: Fachwerkfassade in Soest, Westfalen

Interpretation und Beispiele

Autochthon wird in der Architektur als bodenständig-traditionell verstanden, als volkstümlich-regional, handwerklich im Sinne von händisch und ohne technisch-maschinelle Verfahren, einfach und ehrlich, anonym, natürlich, echt, ursprünglich-unverfälscht bis zu vorindustriell. Die Interpretation hat daher einen Beiklang von „guter alter Zeit“. Als geradezu ikonisches Beispiel gilt das Iglu. Gesägte Schnee- und Eisblöcke bilden einen kuppelförmigen Innenraum, dessen Eingang mit einer wallartigen Laibung geschützt wird. Weitere Beispiele sind die historischen Fachwerkhäuser, die je nach Region von der Schweiz, dem Schwarzwald über Westfalen bis nach Norddeutschland trotz örtlicher Besonderheiten ähnliche Prinzipien aufweisen. Fenster und Türen werden ausschließlich in die Gefache, die Felder, zwischen den hölzernen Ständern, Riegeln und Streben eingefügt. Dies entspricht einer Materialgerechtigkeit und einer konstruktiven wie funktionalen Logik, die auch ohne spezielle Fachkenntnisse visuell verständlich ist.

„Architecture Without Architects“

1964 präsentierte das MOMA in New York eine Ausstellung namens „Architecture Without Architects“ mit etwa 200 großformatigen Fotografien, die eine weltweite Auswahl autochthoner Bauwerke zeigten. Der Kurator und Architekt Bernard Rudofsky (1905-1988) veröffentlichte zeitgleich zur Ausstellung sein Buch Architecture Without Architects: An Introduction to Non-Pedigreed Architecture, auf Deutsch Architektur ohne Architekten: Eine Einführung in die anonyme Architektur“. Seine Intention war ein Gegenentwurf zur Moderne, dem International Style, Technikgläubigkeit und Immobilienwirtschaft. Rudofskys Ausstellung mitsamt Buch gelten heute als Meilenstein einer kritischen Architekturdebatte, zumal er argumentierte:

Was wir für archaische Gebäude halten, sind oft Modelle von echtem Funktionalismus und zeitloser Modernität (im Gegensatz zu architektonischen Moden) [...]}]. Die ungeschulten Bauherren ordnen das Gemeinwohl nicht dem Streben nach Profit und Fortschritt unter, denn sie wissen, dass Fortschritt, der die menschlichen Bedürfnisse außer Acht lässt, kontraproduktiv ist.“ (Quelle: damalige MOMA-Presseerklärung, https://assets.moma.org/documents/moma_press-release_326362.pdf)

Low-Tech und Selbstbau

Im Zuge von Rückbesinnung auf die Qualitäten regionaler Ressourcen und als Inspiration für Low-Tech- und Selbstbau-Prinzipien erfährt Autochthonie heute eine erneute Wertschätzung. Weitere Faktoren sind dabei eine Reduzierung von Kosten und Energieverbrauch sowie möglicherweise einfachere Reparaturen, Recycle-Fähigkeit und Re-Use. -sj

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