Aushub als Ressource für Lehmbaustoffe

Abfall oder Rohstoff?

Mit jedem Neubau wird nicht nur oberirdisch Stadt gebaut, sondern auch Boden bewegt. Baugruben, Tiefgaragen, U-Bahn-Schächte und Fundamente führen zum Aushub großer Mengen natürlich gewachsener Böden. Häufig werden diese ausgetauscht, weil sie den Anforderungen an Tragfähigkeit, Versickerung oder technische Infrastruktur am jeweiligen Ort nicht entsprechen.

Für Lehmbaustoffe können sie dagegen eine wertvolle Rohstoffquelle darstellen. Aus einem bisher überwiegend entsorgten Material wird so ein Ausgangspunkt für neue Bauprodukte und geschlossene Stoffkreisläufe.
Boden und Steine zählen zu den größten Stoffströmen der Bauwirtschaft. Im Jahr 2018 machten sie mit rund 130 Millionen Tonnen knapp 60 Prozent der insgesamt 218,8 Millionen Tonnen mineralischer Bauabfälle in Deutschland aus.
Bevor ein Bauvorhaben beginnt, wird der anstehende Boden in der Regel geotechnisch untersucht. Bodengutachten erfassen unter anderem die Kornzusammensetzung, den Feuchtegehalt, die Plastizität und mögliche Belastungen des Materials.

Boden und Steine zählen deshalb zu den größten Stoffströmen der Bauwirtschaft. Im Jahr 2018 machten sie mit rund 130 Millionen Tonnen knapp 60 Prozent der insgesamt 218,8 Millionen Tonnen mineralischer Bauabfälle in Deutschland aus. Zwar wurden nahezu 90 Prozent dieses Materials statistisch als „verwertet“ erfasst, tatsächlich floss der größte Teil jedoch in die Verfüllung von Abgrabungen. Die tatsächliche Recyclingquote der Bauwirtschaft lag bei lediglich 10,2 Prozent.

Gleichzeitig werden jedes Jahr mehr als 240 Millionen Tonnen Sand, Kies und andere mineralische Rohstoffe neu gewonnen. Vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen und steigender Anforderungen an den Klimaschutz rückt daher die Frage in den Fokus, wie bestehende Stoffströme besser genutzt werden können. Insbesondere bindige, tonhaltige Böden sind für viele technische Anwendungen nur eingeschränkt geeignet. Für Lehmbaustoffe können sie dagegen eine wertvolle Rohstoffquelle darstellen. Aus einem bisher überwiegend entsorgten Material wird so ein Ausgangspunkt für neue Bauprodukte und geschlossene Stoffkreisläufe.

Vom Bodengutachten zum Baulehm

Bevor ein Bauvorhaben beginnt, wird der anstehende Boden in der Regel geotechnisch untersucht. Bodengutachten erfassen unter anderem die Kornzusammensetzung, den Feuchtegehalt, die Plastizität und mögliche Belastungen des Materials. Die Ergebnisse dienen zunächst der Planung von Gründung, Erdarbeiten und Entsorgung, liefern jedoch zugleich wichtige Hinweise auf die Eignung des Bodens für die Herstellung von Lehmbaustoffen.

Gerade die bindigen Böden, die im Hochbau häufig ausgetauscht werden müssen, verfügen oft über Eigenschaften, die sie für Lehmsteine, Lehmmörtel oder Lehmputze interessant machen. Anstatt das Material ausschließlich als Aushub zu betrachten, kann es deshalb bereits frühzeitig als potenzieller Rohstoff bewertet werden.

Sind die technischen und umweltrelevanten Anforderungen erfüllt, kann der Boden aus dem Abfallstrom herausgelöst und einer stofflichen Verwertung zugeführt werden. Mit dem Ende der Abfalleigenschaft wird aus Aushub wieder Baulehm – ein definierter Rohstoff für die Herstellung neuer Baustoffe.

Damit beginnt der Weg zum Bauprodukt nicht erst in der Produktion, sondern bereits mit der Bewertung des Bodens auf der Baustelle. Was bislang überwiegend als Aushub und Entsorgungsaufgabe betrachtet wurde, kann als Rohstoff für neue Lehmbaustoffe in regionale Stoffkreisläufe zurückgeführt werden. Der heutige Lehmbau knüpft damit an ein historisches Prinzip an, Boden nicht ausschließlich als Baugrund, sondern zugleich als Baustoff zu begreifen.

Vom Baulehm zum Baustoff

In der Produktion wird der Baulehm zunächst aufbereitet und homogenisiert, um natürliche Schwankungen innerhalb des Materials auszugleichen. Anschließend wird er zu Lehmbaustoffen wie Lehmsteinen, Lehmmörteln oder Lehmputzen verarbeitet. Zusätzliche Bindemittel oder chemische Modifikationen sind dabei nicht erforderlich. Die natürlichen Materialeigenschaften des Baulehms bleiben erhalten und bestimmen seine spätere Verwendung.

Es wird nicht versucht, jeden Boden an ein vorgegebenes Produkt anzupassen. Vielmehr orientiert sich die Wahl des Baustoffs an den natürlichen Eigenschaften des Rohmaterials. Magerere Böden mit geringerem Tongehalt eignen sich beispielsweise besonders für Lehmmörtel oder Lehmputze, während tonreichere Böden bevorzugt für Lehmsteine oder Stampflehm verwendet werden. Die Materialwahl folgt damit den vorhandenen Qualitäten des Bodens und nicht umgekehrt.

Diese Herangehensweise knüpft an eine lange Bautradition an und eröffnet zugleich neue Perspektiven für das zirkuläre Bauen. Nicht jeder Boden muss an ein standardisiertes Produkt angepasst werden. Stattdessen entstehen Baustoffe, deren Eigenschaften sich aus den natürlichen Qualitäten des verfügbaren Rohmaterials ableiten. So können regionale Ressourcen effizient genutzt und Stoffkreisläufe geschlossen werden. 

Text: Micha Kretschmann

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