Aus Aushub wird Baustoff

Earthbound startet Produktion von normgerechten Lehmsteinen in Berlin-Tegel

Auf dem Gelände der Urban Tech Republic in Berlin-Tegel hat das Berliner Start-up Earthbound im März 2026 seine Produktion von formgepressten Lehmsteinen gestartet. In einem ehemaligen Hangar des Flughafens Tegel entwickelt und produziert das junge Unternehmen Baustoffe, die aus lokalem Baustellenaushub entstehen – und nutzt damit ein Material, das in der Regel als Abfall gilt und dessen Entsorgung hohe Kosten verursacht.

500.000 Kubikmeter Aushub fallen jährlich in Berlin an. Etwa zehn Prozent sind für die Lehmsteinproduktion geeignet.
Derzeit produziert Earthbound an seinem Standort auf dem ehemaligen Flughafengelände etwa 1.000 Steine am Tag aus 150 Tonnen Aushub im Monat.
Mehere Jahre Forschung sind der Unternehmensgründung vorausgegangen.

Gegründet wurde Earthbound 2025 von den Architekten Christian Gäth und Micha Kretschmann, die sich den Innovationsmanager David Janotta ins Boot holten. Hervorgegangen ist das Start-up aus einem mehrjährigen Forschungs- und Entwicklungsprozess des Forschungs- und Transformationsinstituts Bauhaus Erde. Earthbound bewegt sich an der Schnittstelle von Materialforschung, Architektur und industrieller Fertigung. Das Ziel der Gründer: Baustoffe entwickeln, die den Ressourcenverbrauch der Bauindustrie drastisch reduzieren und gleichzeitig in regulären Bauprozessen einsetzbar sind.

Die Bauwende braucht neue Baustoffe

„Das Material für die Bauwende steht noch gar nicht zur Verfügung“, konstatierte Christian Gäth beim Launch vor Akteur*innen der Baubranche und Pressevertreter*innen. Möchte die Baubranche wirkliche Klimaneutralität erreichen, brauche es andere Baustoffe und geschlossene Materialkreisläufe. Während konventionelle Ziegel unter hohem Energieaufwand gebrannt werden, entstehen die formgepressten Lehmsteine von Earthbound durch mechanische Verdichtung – ohne energieintensive Brennverfahren. Damit unterscheiden sie sich auch von den stranggepressten Lehmsteinen großer Hersteller, die dem Lehm größere Mengen Wasser beimischen, weshalb die Steine anschließend unter Einsatz von Hitze getrocknet werden müssen. Die Produktion von Earthbound benötigt nur geringe Mengen Wasser, die durch bloße natürliche Luftzirkulation auch bei niedrigen Temperaturen aus den Steinen verdunstet.

Abfall als Rohstoff

Darüber hinaus erhält das Unternehmen seinen Rohstoff nicht aus Tongruben, dessen Abbau die Natur schädigt, sondern von Berliner Baustellen. 500.000 Kubikmeter fallen davon jährlich in der Metropole an. Etwa zehn Prozent sind für die Lehmsteinproduktion geeignet, der größere Teil ist durch anthropogene Abfälle verunreinigt und nicht brauchbar. Abgesehen von Wasser dürfen dem Lehm keine Fremdstoffe beigemengt werden.


Messbar klimaschonend

Das alles macht die Steine von Earthbound äußerst klimafreundlich: In der Produktphase verursachen sie 9,95 kg CO₂-Äquivalente pro m³ (Module A1-A3 gemäß EN 15804: Nachhaltigkeit von Bauwerken - Umweltproduktdeklarationen - Grundregeln für die Produktkategorie Bauprodukte). Konventionelle mineralische Mauerwerksbaustoffe liegen, abhängig von Rohstoff, Dichte und Herstellverfahren, typischerweise im Bereich von etwa 113 bis 305 kg CO₂-Äquivalenten pro m³ (ebenfalls bezogen auf A1-A3).

Der Stein und seine Werte

Mit den Maßen 295 × 140 × 90 mm haben die Steine laut Studien die ideale Größe, um einfach von einer Person per Hand verlegt werden zu können und zugleich den Anteil an Mörtelfugen auf ein Minimum zu reduzieren. Denn dieser ist weniger druckfest als die Steine, die übrigens mit einer Druckfestigkeit von 6 N/mm² herkömmlichen Hochlochziegeln in nichts nachstehen. Im Labor konnten sogar 7 bis 8 N/mm² erzielt werden. Earthbound produziert auch Lehmmörtel aus demselben Ausgangsmaterial. Dies hat große Vorteile beim Rückbau: Stein und Mörtel müssen nicht getrennt werden, sondern können gemeinsam recycelt werden. Überhaupt ist Lehm unendlich oft wiederverwendbar, ohne an Qualität einzubüßen.

Alles nach Norm

Die Steine erfüllen die Vorgaben der DIN 18940 für tragendes Lehmsteinmauerwerk und ermöglichen damit den Bau vier- bis fünfgeschossiger, lastabtragender Lehmkonstruktionen. Derzeit produziert Earthbound an seinem Standort auf dem ehemaligen Flughafengelände etwa 1.000 Steine am Tag aus 150 Tonnen Aushub im Monat. Perspektivisch soll die Produktion verzehnfacht werden.

Über den Standort

Mit ihrem Standort in der Urban Tech Republic ist das Unternehmen Teil jenes Zukunftsquartiers, das auf dem ehemaligen Flughafen Tegel entsteht. Das Areal soll in den kommenden Jahren zu einem Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien ausgebaut werden – mit Schwerpunkten auf nachhaltiger Energie, Mobilität, Kreislaufwirtschaft und neuen Materialien. Unter buchstäblich einem Dach hat Earthbound hier ein Zuhause gefunden: In dem alten Hangar sind Büro, Labor und Produktionshalle untergebracht.

Fachwissen zum Thema

Ungebrannte Steine aus fettem, steinfreiem Lehm sind weder tragfähig noch wasserresistent oder frostsicher – sie werden häufig für Gefache oder nicht tragende Bauteile eingesetzt.

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Gepresste Lehmsteine (CEB)

Lehmsteine und Lehmmörtel sind in Deutschland bereits genormt, seit Juni 2023 ist es auch das Lehmmauerwerk.

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Wand

Tragendes Lehmsteinmauerwerk

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