Aufstockung in München

Eine Krone aus Titanzink für einen erweiterten Genossenschaftsbau

In deutschen Großstädten ist Wohnraum bekanntlich knapp, allen voran in München, der am dichtesten besiedelten und gleichzeitig auch teuersten Gemeinde Deutschlands. Gemessen am Bedarf der 1,6-Millionen-Stadt decken die gemeinnützigen Baugenossenschaften mit rund 45.000 Wohnungen zwar nur einen geringen Anteil ab. Sie leisten aber nichtsdestotrotz einen sehr wichtigen Beitrag zum bezahlbaren Wohnraum und zur aktuellen Stadtentwicklung. Denn nicht nur in den jüngeren Neubaugebieten Münchens sind viele Genossenschaften vertreten, auch in den innerstädtischen Quartieren wirken sie als Bestandshalter großer Siedlungsareale.

Die Dachlandschaft im Münchner Westend ergänzt nun eine einheitlich hohe und durchgehend mit Photovoltaikmodulen belegte Dachfläche.
Die Aufstockung setzt sich gestalterisch, farblich und materialtechnisch vom historischen Bestand ab.
Die U-förmige Blockbebauung mit innenliegender Zeile gruppiert sich um nach Süden offene Innenhöfe. Im Zuge einer umfassenden Sanierung in den 1970er Jahren wurde der Block teilweise um Tiefgaragen ergänzt.

Ein bereits 1911 gegründeter Verein, der sich damals der Wohnungsnot im Zuge der Industrialisierung um die Jahrhundertwende verschrieb, ist die Wohnungsgenossenschaft München-West (WGMW). Im Stadtgebiet westlich der Isar unterhält diese insgesamt rund 3.600 Wohneinheiten. Im zentral gelegenen Stadtteil Schwanthalerhöhe, dem sogenannten Westend, entfielen 169 Wohnungen davon auf den Gelben Block. Dieser erstreckt sich in einem Karree entlang von vier Straßen und umfasst einen Kopfbau nach Norden sowie drei Zeilenbauten, die halboffene Innenhöfe umschließen. Waren früher eher kleine Wohnungen mit kompakten Grundrissen nachgefragt, steigt inzwischen nicht nur der Bedarf an Anzahl, sondern auch an der Wohnungsgröße.

Holzelementbauweise für bis zu zwei weitere Geschosse

Hierfür realisierten zillerplus Architekten und Stadtplaner im Gelben Block eine behutsame Nachverdichtung in Form einer flächendeckenden Aufstockung sowie die Sanierung der Bestandsbauten aus den 1920er Jahren. Die viergeschossigen Zeilen erhielten eine zweigeschossige Erweiterung, der vormals fünfgeschossige Kopfbau wurde um ein einzelnes Dachgeschoss ergänzt. Somit schließt nun das gesamte Ensemble in einer Linie mit sechs Geschossen ab. Um die barrierefreie Erschließung der oberen, nun 3- bis 4-Zimmer großen Familienwohnungen zu gewährleisten, wurden auf Innenhofseite Treppenhäuser und Aufzugtürme in Betonbauweise ergänzt. Die aufgestockten Bereiche sind hingegen aus vorgefertigten Holzelementen errichtet, was nicht nur statische Vorteile aufgrund der Leichtbauweise brachte, sondern auch eine schnelle Montage im laufenden Wohnbetrieb ermöglichte.



Um die Aufstockung umsetzen zu können, ohne die Decke im obersten Bestandsgeschoss zu beeinträchtigen, wurde diese aufgedoppelt. Ein Zwischenraum dient als Installationsebene, da Leitungen und technische Funktionen nunmehr nicht zwangsläufig übereinander angeordnet sind. Die neue Holzstapeldecke kragt rundum deutlich über die bestehenden Außenwände aus Mauerwerk hinaus. Sie bildet außen ein Gesims, das die Grenze zwischen alt und neu markiert und auch zusätzliche Funktionen aufnimmt. Denn darin eingehängt sind nun auch neue Außenbalkone für die bestehenden Wohnungen.


Einheitlich monochrome Gebäudehülle oberhalb des Bestands

Am meisten sticht die Aufstockung jedoch aufgrund der Außenhülle ins Auge. Im Vergleich zum hell verputzten historischen Teil sind die obersten Geschosse jeweils in graublauem Titanzinkblech bekleidet. Französische Fenster und hofseitige Loggien schaffen ein ebenmäßiges Bild in den aufgestockten Bereichen. Allen voran ist dies auch der Entscheidung geschuldet, Dach und Fassade in einheitlichem Material und gleicher Farbe zu hüllen. First, Fallrohre, Absturzsicherungen, Dachzubehör und die Verblechungen an den Brandwänden fügen sich ebenfalls in die dunkle Tonalität ein.



Das mit 16° flach geneigte Satteldach bietet auf jeweils beiden Seiten den Untergrund für großflächige Photovoltaik. Die Wohnanlage ist Teil eines genossenschaftlichen Mieterstrommodells. Dafür schloss sich die GWMG mit fünf weiteren Münchner Wohnungsgenossenschaften zusammen und gründete 2017 eine Energiegenossenschaft, die über Photovoltaikanlagen, Blockheizkraftwerke oder kombinierte Systeme Strom erzeugt und den Mitgliedern zur Verfügung stellt. Der Anschluss an Fernwärme sowie eine vollwertige Außenwanddämmung in den Bestandsbereichen ergänzen das Energiekonzept im Gelben Block. Das vorherige, dünne Dämmsystem stammte von der letzten großen Sanierungsmaßnahme in den 1970er Jahren.

Dachaufbau und Konstruktion

Wand- und Dachkonstruktion der Aufstockung ist in Holzrahmenbauweise aus Fichte umgesetzt, die neuen Massivholzdecken sind dabei im Innenraum sichtbar belassen. Die im Allgäu vorelementierten Dachteile sind komplett ausgedämmt auf die Baustelle geliefert worden. Rund 380 Elemente à 3 Tonnen Gewicht mussten dabei transportiert und krangestützt an die jeweilige Position gehievt werden. Lediglich die Metalleindeckung erfolgte anschließend vor Ort. Von innen nach außen baut sich das Dach aus einer 22 mm dicken OSB-Platte, einer 24 mm dicken Sparrenkonstruktion, die mit Mineralwolle werkseitig ausgedämmt wurde, 20 mm DHF-Unterdeckplatte, einer Unterdeckbahn, einer 80 mm tiefen Hinterlüftungsebene und -lattung sowie der 26 mm Rauspund-Dachschalung als Unterkonstruktion für die Metalleindeckung auf.

Bautafel

Architekten: zillerplus Architekten und Stadtplaner GmbH, München
Projektbeteiligte: LEICHT Structural engineering and special consulting GmbH (Tragwerksplanung), Anton Ambros GmbH (Holzbau), TGA Planung für technische Gebäudeausrüstung GmbH (Heizungs-, Lüftungs-, Sanitär-, Elektroplanung), LEICHTphysics GmbH (Bauphysik), Schüller Landschaftsarchitekten (Freiraumplanung)
Bauherr: Wohnungsgenossenschaft München-West eG, München
Standort: Bergmannstraße 35a-45, Geroltstaße 20-26, Heimeranstraße 48-56,
Kazmairstraße 59-63, 80339 München
Fertigstellung: 2026
Bildnachweis: Florian Holzherr, Daniel Samer (Fotos nach Fertigstellung), Jonathan Sage mit freundlicher Genehmigung von Anton Ambros GmbH (Baustellenbilder), zillerplus (Baustellenbilder und Pläne)

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