Aufstockung eines Wohnhauses in Zürich

Holzkonstruktion mit Fassade aus recyceltem Stahl

In vielen Großstädten wächst die Bevölkerung schneller als das Angebot an Wohnungen. Aufstockungen bieten sich an, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen, ohne neue Flächen am Stadtrand zu bebauen. Die vorhandene Infrastruktur wie Straßen, öffentliche Verkehrsmittel oder Schulen lassen sich so effizienter nutzen. Ein Beispiel findet sich im westlichen innerstädtischen Zürich an der Gamperstraße. Das ortsansässige Büro Baukombinat plante dort die Aufstockung eines viergeschossigen Hauses um zwei Wohnungen. Die Architekten Moritz Köhler und Leonce Gruber realisierten die Erweiterung in einer leichten Holzkonstruktion, die überwiegend als Holzständerbau ausgeführt ist und teilweise Massivholzdecken umfasst. Die markante Fassade aus recyceltem Baustahl verleiht dem historischen Gebäude von 1894 einen neuen architektonischen Ausdruck.

Eine markante Fassade aus recyceltem Baustahl verleiht dem historischen Gebäude von 1894 einen neuen architektonischen Ausdruck.
Für die Fassade kam recycelter Stahl zum Einsatz.
Die rostfarbenen Oxidpigmente des Stahls greifen die Farbtöne von Dachziegeln in der Umgebung auf.

Großzügige Maisonettes mit flexiblen Grundrissen

Durch die Aufstockung entstanden zwei großzügige Maisonettewohnungen. Auf deren unterer Ebene ist ein Wohnraum mit Essbereich, Küche und Balkon zum südwestlichen Hof gerichtet. Zwei Individualräume und ein Bad orientieren sich zur Gamperstraße. In der oberen Etage ist Platz für zwei Schlafräume, die von zwei Seiten Tageslicht erhalten, ein Duschbad und ein zuschaltbares kleines Zimmer. Ein Luftraum über dem Essbereich schafft vielfältige Sichtbezüge. Die obere Etage verfügt über Freibereiche zum Hof und zur Straße. Eine steile Treppe führt zu einem Austritt ganz oben auf dem Dach. Bei der Materialwahl und Konstruktion entschieden sich die Planenden für langlebige Lösungen, die einfach zu warten und zu reparieren sind. 

Altbau trägt neue Geschosse

Die Aufstockung ist aus vorgefertigten Holzelementen konstruiert. Für die tragende Struktur wurden massive Holzelemente und Holzrahmenbauteile kombiniert – statisch und konstruktiv passend für den bestehenden Altbau. Dessen tragende Mauern übernehmen auch die Lasten der neuen Geschosse. Über sechs Punktfundamente werden die Kräfte in das bestehende Mauerwerk eingeleitet und folgen damit dem Prinzip des früheren Dachstuhls.

Neuausrichtung der Tragstruktur

Im Bestandsgebäude verläuft mittig eine Längsmauer, auf der die Deckenbalken der einzelnen Geschosse aufliegen. Die Balken verbinden die zentrale Längswand mit den äußeren Längswänden des Hauses. Bei der Aufstockung greifen die Architekten dieses statische System auf, verändern jedoch die Richtung der primären Tragstruktur: Die tragenden Wände der neuen Geschosse verlaufen quer zur Gebäudelängsrichtung und stehen – wie zuvor die Deckenbalken – auf der mittleren Längswand und den dazu parallelen Außenmauern. Auf diesen Wänden liegen die Deckenelemente und spannen in Längsrichtung des Gebäudes. Gegenüber der ursprünglichen Konstruktion wurden also die primäre und sekundäre Tragrichtung vertauscht.

Massivholzelemente und Holzrahmenkonstruktion

Die tragenden Wände und die Deckenelemente bestehen aus Massivholz, während nichttragende Innenwände und die gedämmten Außenwände als Holzständerkonstruktion ausgeführt sind. Die Außenwände sind vorgefertigte Holzrahmenelemente mit einer inneren Beplankung, einer gedämmten Ständerkonstruktion und aussteifenden Holzwerkstoffplatten. Eine Hinterlüftungsebene und die Fassadenbekleidung aus recyceltem Stahl schließen den Wandaufbau nach außen ab. Ergänzend übernehmen die Massivholzdecken aus Brettsperrholz sowohl tragende Aufgaben als auch die horizontale Aussteifung des Gebäudes.

Gebäudehülle aus Holz und recyceltem Stahl

Gestalterisch wird die Konstruktion durch eine vielschichtige Gebäudehülle aus Holz und recyceltem Baustahl ergänzt. Die rostfarbenen Oxidpigmente des Stahls greifen die Farbtöne von Dachziegeln in der Umgebung auf. Für die Konstruktion kommt europäisches Fichten- und Tannenholz zum Einsatz, das unbehandelt blieb. Sämtliche Bauteile wurden vorgefertigt, wodurch sich die Bauzeit verkürzen ließ.

Bautafel

Architektur: Baukombinat, Zürich
Projektbeteiligte:
Timbatec Holzbauingenieure, Zürich (Holzbau); Schärli + Oettli, Zürich (Bauingenieur Bestand); Heidt Bauphysik + Akustik, Zollikerberg (Bauphysik)
Bauherr/in:
Privat
Fertigstellung:
2024
Standort: 
Gamperstrasse 7, 8004 Zürich
Bildnachweis: Gerry Amstutz, Zürich

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