Atelier PPW in Ostende
Architektur als Lehrstück
„Learning on the Job“ ist oft unverzichtbar – gerade in der Baubranche. Zur handwerklichen Ausbildung gehören aber auch Praxisübungen in der Berufsschule. In Ostende steht angehenden Bauarbeiter*innen und Maler*innen des Freien Technischen Instituts (Vrij Technisch Instituut – VTI) dafür seit 2024 das Atelier PPW zur Verfügung. Den verglasten Betonskelettbau plante das Architekturbüro NWLND Rogiers Vandeputte + Kris Broidioi.
Im Westen der Stadt, unweit des Sint-Catharinaplein, liegt der Campus des Bildungsträgers Petrus en Paulus, zu dem auch das VTI gehört. Die u-förmige Anlage besteht aus unterschiedlich alten Gebäuden, durchsetzt von gelblichem oder rötlichem Klinker. Mit dem Neubau ersetzte der Träger ein fünfgeschossiges Schulgebäude, das baulich und energetisch als nicht mehr zeitgemäß galt.
Das Atelier PPW wurde als Schaufenster der Berufsschule konzipiert: Geschosshohe Glasfassaden sollen die Aktivitäten im Inneren zeigen. Sie sind in ein regelmäßiges, rötliches Betonraster eingebettet. An beiden Enden schließt das Gebäude mit einem halboffenen Treppenhaus ab, eingehaust in grün gestrichene Stahlprofile. Hofseitig, wo noch ein bestehender Flachbau anschließt, verbinden ebenfalls grüne Laubengänge mit freitragenden Stahlbrücken die Treppenhäuser. Somit liegt die Erschließung komplett außerhalb der thermischen Hülle.
Die Grundrisse zeigen nur wenige Setzungen – für maximale Flexibilität. Das Erdgeschoss präsentiert sich als hohe Glashalle, mit viel Platz für die Werkstücke der Auszubildenden. Dabei blieb eine Durchfahrt frei, die als überdachte Eingangszone und Verbindung zwischen Duivenhookstraat und Schulhof dient. Für die enorme Großzügigkeit sorgt die Verkürzung des 1. Obergeschosses, in dem sich neben WCs und Technik auch drei Unterrichtsräume befinden. Im 2. Obergeschoss, das wiederum über die gesamte Gebäudelänge reicht, sind kleine und große Werkstätten untergebracht.
Feste Struktur, flexible Füllung
Mit ihrer rötlichen Färbung ist die Primärstruktur des Gebäudes leicht zu erkennen. Wie bei einem Exoskelett liegen die Fassadenstützen vor dem eigentlichen Raumabschluss, einer Pfosten-Riegel-Fassade. Zwar wirkt die Konstruktion dadurch auf den ersten Blick sehr einfach, sie weist jedoch kritische Knotenpunkte auf: Wo die außenliegenden Stützen und Träger an die Geschossdecken anschließen, war eine thermische Trennung erforderlich, damit keine Wärmebrücken entstehen.
Innen sitzen Aluminiumbleche und ausgemauerte Holzrahmenwände direkt zwischen den Stützen. Die aktuelle Raumaufteilung wurde gemeinsam mit den Lehrenden festgelegt, sie ist jedoch nicht endgültig: Ändern sich die Bedürfnisse, können Füllungen entfernt, ergänzt oder ausgetauscht werden und so neue Raumkonstellationen entstehen. Die Trennwände sind darauf ausgelegt, dass die Lehrkräfte und Auszubildenden Umbauten in Eigenregie durchführen können und dabei möglichst wenig Abfall produzieren. Ohnehin sind die Konstruktionen der Anschlüsse und die offen verlegte Haustechnik hervorragendes Anschauungsmaterial. Das Gebäude wird selbst zum Lehrstück.
Sogar das Zwischengeschoss lässt sich rückbauen oder vergrößern. Dank der außenseitig an die Betonstützen geschraubten Laubengänge und der zahlreichen vorgehaltenen Fassadentüren ist bei allen Grundrissvarianten die Erschließung gesichert. Schon heute führen die Treppenhäuser bis aufs Dach, wo bei Bedarf aufgestockt werden kann.
Beton: Exoskelett aus Fertigteilen
Der Betonskelettbau besteht vollständig aus vorfabrizierten Elementen. Ein Aufzugsschacht aus Hohlbeton-Fertigteilwänden steift das Tragwerk aus, Hohldielen mit polierten Estrichböden bilden die Geschossdecken. Die Träger und Stützen weisen ein Profil von 40 x 40 cm auf. Zum Einsatz kam ein rot pigmentierter Beton der Druckfestigkeitsklasse C35/C45.
Für eine schnellere Festigkeitsentwicklung und eine hohe Endfestigkeit wählte man einen Portlandzement CEM I 52.5R / RLA. Durch sein gutes Wasserrückhaltevermögen lassen sich geschlossenporige Sichtbetonoberflächen ausbilden. Ihre Oberflächen wurden im Fertigteilwerk fein ausgewaschen, sodass sie eine feinkörnige Textur erhielten. Dabei verblieb eine Betonüberdeckung von 3,5 cm.
Bautafel
Architektur: NWLND Rogiers Vandeputte + Kris Broidioi
Projektbeteiligte: Structure: Establis (Tragwerksplanung); Acovex, Torhout (Gebäudetechnik); Algemene Ondernemingen Himpe; Eurobeton (Hersteller Betonfertigteile); Stima Metaalconstructies (Laubengänge und Treppenhaus) ; Alu Decor; ASD, Roeselare (Ausführung Gebäudetechnik)
Bauherr*in: Petrus en Paulus
Fertigstellung: 2024
Standort: Duivenhokstraat 83, 8400 Ostende, Belgien
Bildnachweis: Johnny Umans (Fotos); NWLND Rogiers Vandeputte + Kris Broidioi
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