Apartmenthaus in Amsterdam

Balkone und Veranden wie eine Reling

Über den Fluß IJ, der die Nordsee mit der Bucht des IJmeer und der Zuiderzee verbindet, kamen im Goldenen Zeitalter der Niederlande die Segelschiffe mit kostbarer Fracht aus Ostasien und machten die Stadt Amsterdam und ihre See- und Kaufmannsfamilien wohlhabend. Während der Grachtengürtel am südlichen Ufer der IJ noch heute das kulturelle wie auch touristische Zentrum Amsterdams bildet, entstand am nördlichen Ufer als Amsterdam Noord ein Hafen- und Industrieareal. Insbesondere in Overhoeks, schräg gegenüber des Amsterdamer Hauptbahnhofs, siedelte lange Zeit die Ölfirma Shell. In den letzten 20 Jahren expandierte die Stadt jedoch auch im Stadtteil Noord. Das ehemalige Industrie- und Hafenareal wird seitdem restrukturiert. Mehrere Fähren und eine Metrolinie verbinden zügig und in enger Taktung beide Ufer. Nicht nur Kultur- und Gewerbebauten wie das Filmmuseum und der umgebaute A'dam-Turm ziehen als Landmarken Blicke auf sich, sondern auch Wohnbauten fallen ins Auge, darunter der nach Plänen von Orange Architects entstandene Neubau The Line.

Nicht nur der Name, sondern auch die längliche, schmale Kubatur sollen Assoziationen an einen Ocean Liner wecken, der gerade an der Mole vertäut ankert.
Das Dampfermotiv wird verstärkt durch Balkone und Veranden, die sich an allen vier Seiten wie eine Reling um das Gebäude wickeln.
In dem siebengeschossigen Haus befinden sich 72 Mietwohnungen verschiedener Größen.

Schiffsmotiv

Nach einem städtebaulichen Masterplan wird Overhoeks mit Wohnungen, Büros, Einzelhandel, Schulen und medizinischem Service verdichtet. Ein Qualitätsmerkmal ist und bleibt der Bezug zum Wasser, also Blickbezüge auf die IJ. Zwischen dem Buiksloterkanal und dem Fluss steht The Line, ein siebengeschossiges Haus mit 72 Mietwohnungen. Nicht nur der Name, sondern auch die längliche Kubatur sollen Assoziationen an einen Ocean Liner, also einen großen Passagierdampfer, wecken, der gerade an der Mole vertäut ankert. Diese symbolische Verknüpfung mit den Wasserwegen, dem Hafen und dem nahen Meer wird nochmals verstärkt durch Balkone und Veranden, die sich an allen vier Seiten wie eine Reling um das Gebäude wickeln. Das Schiffsmotiv mit Relingen als Brüstung, Fensterbändern mit ungehindertem Blick auf den Horizont und manchmal sogar Bullaugen war besonders in der klassischen Moderne bei Architekten wie beispielsweise Le Corbusier, Erich Mendelsohn und Hans Scharoun beliebt. Hier ist es jedoch auch ein direkter Verweis auf die maritime Geschichte des Ortes.

Veranden, bodentiefe Fenstern, Fenstertüren und gläserne Schiebetüren

Trotz der relativ dichten Bebauung wird die ausreichende Versorgung der Zwei- bis Dreizimmerwohnungen mit Tageslicht durch bodentiefe Fenster, Fenstertüren und gläserne Schiebetüren sichergestellt. Die drei oberen Geschosse sind jeweils gestaffelt zurückversetzt, um die unteren Geschosse weniger zu verschatten. Die Deckenplatten, die sich nach außen auf nur 7 cm Dicke verjüngen, sind mit einem Gitterraster aus 880 ebenfalls extrem schlanken Betonstützen aus hochfestem Beton (USHB) verknüpft. Die  auskragenden Veranden wirken damit sowohl als luftiger Schleier für die Privatsphäre der Bewohnerinnen und Bewohner als auch als Erweiterungen der Innenräume.

Material und Farbe

Orange Architects aus Rotterdam vergleichen die Fassadenkonstruktion mit einem orthogonalen Spinnennetz. In der Tat wirken die dünnen Pfosten und Decken wie ein filigranes weisses Liniengeflecht. Für die Fenster- und Türprofile sowie die opake Wandverkleidung zwischen den Glasfeldern wurde hell goldfarben eloxiertes Aluminium gewählt, das wiederum durch den warmen Schimmer dem Gebäude eine Art visuelle Leichtigkeit verleiht. Diese Metallhaut, die Fenster, Türen und Wände zu jeweils geschossweise umlaufenden horizontalen Bändern verbindet, nimmt wieder die Metapher eines Schiffes auf. Bei den Materialien wurde außerdem Wert auf eine mögliche Recycelfähigkeit gelegt.

Erschließung

Das goldene Band im Erdgeschoss wird subtil durch sechs Eingangstüren unterbrochen, die jeweils zu drei Lobbies als Erschließungskernen führen. In diesen Kernen sind jeweils zwei Treppenhäuser angeordnet, sodass jede Wohnung über Zugang zu zwei Fluchttreppenhäusern verfügt. Im Erdgeschoss befinden sich zudem – im Vergleich zu Deutschland – außergewöhnlich große Fahrradabstellräume. Das Gebäude mitsamt Gemeinschaftsgarten ist mit Stufen und einer Rampe leicht aufgeständert, um darunter Raum für überdeckte PKW-Stellplätze zu schaffen. 
 
The Line zählt zu den nominierten Projekten für den ARC21 Architectuur Award. -sj

Bautafel

Architektur: Orange Architects, Rotterdam
Projektteam: Jeroen Schipper, Bas Kegge, Julija Osipenko, Angeliki Chantzopoulou, Paul Kierkels, Rutger Schoenmaker, Fung Chow, Mario Acosta
Projektbeteiligte:
Geurst & Schulze architecten, Den Haag (Stadtplaner); Bureau Sant en Co, Den Haag (Landschaftsarchitekten); Goudstikker De Vries, Mabutec, DGMR, VGG, Buro BIM, JMJ Bouwmanagement (Fachplaner und Berater); Bouwbedrijf De Nijs (Bauunternehmen); Hi-Con Nederland (Spezialbeton)
Bauherr/in: Amvest, Amsterdam
Fertigstellung: 2021
Standort:
Hammarbystraat 156 - 302, Overhoeks, Amsterdam, Niederlande
Bildnachweis: Sebastian van Damme, Rotterdam

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Materialien/​Werkstoffe

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Schiebefenster bestehen aus einem Blendrahmen und Flügeln, die in einem Schienen- bzw. Nutsystem seitlich verschoben werden (im Bild: großformatige Schiebefenster cero-III von Solarlux mit schmalen Rahmen)

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