Amant Art Campus in New York

Eine Oase für die Kunst

Als das New Yorker Büro SO – IL 2015 seine Pläne für den Amant Art Campus vorstellte, beschrieb es die Architektur als ein „Experiment der weichen Formen“. Betrachtet man das 2021 fertiggestellte Ergebnis, scheint der Vorsatz durchaus geglückt zu sein. Trotz der massiven, teils rauen Materialien und heterogen komponierten Gebäudehüllen, haftet dem Ensemble eine weiche Textur und eine harmonische Gesamterscheinung an.

Je ein größerer Innenhof dient als grüne Fuge zwischen zwei Gebäuden, öffentlich zugängliche Wege erschließen die langgezogene Struktur.
Sichtbetonfassaden mit glatter Oberfläche oder gerillter Struktur zieren eines der Gebäude, in dem sich auch die Künstler*innenresidenz befindet.
Die Eingangsseite des Gebäudes jenseits der Maujer Street ziert ein außergewöhnliches Bullaugenfenster mit unregelmäßiger Rundung.

Sowohl physisch als auch optisch ist der Campus mit der industriell geprägten Umgebung von East Williamsburg im Norden Brooklyns verwoben. Die vier Gebäude erstrecken sich als eine Abfolge von Räumen, Höfen und Wegen über zwei Häuserblocks hinweg, getrennt durch die Maujer Street. Und dennoch bilden sie eine zusammenhängende kulturelle Oase innerhalb der dichten, postindustriell geprägten urbanen Struktur, in der sie sich befinden. Das Raumprogramm umfasst Kunstgalerien, Ateliers, eine Residenz für Kunstschaffende, einen Veranstaltungsraum, Büros und ein Café. Somit verflechten sich auch private und öffentliche Nutzung, was den Dialog zwischen Kunstschaffenden, kulturinteressierten Besucher*innen und der Gemeinschaft fördern soll.

Im Dienst der künstlerischen Entfaltung
Der neu errichtete Art Campus ist eine Initiative der Kunstsammlerin und MoMA-Kuratorin Lonti Ebers, die sich bereits in der Vergangenheit als Förderin von Künstlerinnen und Künstlern hervorgetan hat. Die von ihr gegründete Amant Foundation verfolgt bereits ein ähnliches Programm in der Nähe von Siena in der Toskana. Auch in Brooklyn sollte ein Ort entstehen, an dem lokale, nationale und internationale Künstler*innen zusammenkommen, zeitweise residieren, experimentieren, Kunst schaffen und ausstellen können. Doch nicht zuletzt zieht die Architektur die Aufmerksamkeit auf sich.

Zunächst zeigt sich der unmittelbare Kontext als ein recht schmuckloses Konglomerat aus Gewerbeflächen für einen Fleischgroßhändler, ein Mietlagerhaus, eine LKW-Reparaturwerkstatt, Tonstudios oder etwa eine Brauerei. Statt wie ursprünglich geplant ein einziges großes Volumen realisieren zu können, mussten die Architekt*innen von SO – IL die Neubauten auf drei schmale, langgezogene Parzellen mit ungleicher Grundfläche verteilen. Diese grenzen teils aneinander an oder sind durch die Maujer Street getrennt.

Variantenreiche Gestaltungspalette und bauliche Bezüge
Jedes der vier Gebäude beherbergt eine in Proportion, Größe, Lichtqualität und Infrastruktur unterschiedlich gestaltete Galerie. Auch in der Formgebung divergieren die vier Volumen und weisen Mal leichte Asymmetrien, geschwungene Wandteile, spitze oder stumpfe Winkel sowie Vor- und Rücksprünge auf – ohne sich jedoch dem Ensemblecharakter zu entziehen. Diesen betont in erster Linie die Fassadengestaltung in durchgängig hellen Tönen von Weiß bis Taupe. Die Materialpalette reicht dabei von Sichtbeton über Metallpaneele und gerillten Stahlstrukturen bis hin zu Ziegelsteinen und Klinkerriemchen in unterschiedlicher Ausführung und Anordnung.

Die durchgängig hellen, scheinbar gestapelten Gebäudeteile samt ihren großflächig opaken oder transluzenten Wandpartien erinnern durchaus an das 2007 eröffnete New Museum in Manhattan von SANAA. Dies ist kein Zufall, so war der Mitgründer von SO – IL, Florian Idenburg, seinerzeit im japanischen Büro tätig. Als direkte Referenz dient außerdem eine lange schmale Treppe in einem der Galeriehäuser, die von einem Oberlicht gekrönt wird.



Detailreiche Materialverwendung
Der Charme der Komposition ergibt sich schließlich bei näherer Betrachtung aus den detailreich strukturierten Fassadenmaterialien. So treten etwa weiße Backsteine diagonal aus Wandflächen hervor und bilden ein tief reliefiertes, regelmäßiges Muster an einem der Gebäude aus. An anderer Stelle wiederum bekleiden helle Riemchen die Außen- oder Innenwände, während diese mancherorts mittig in der Tiefe einer Fuge eingeschnitten sind und dadurch kleinformatiger erscheinen. Horizontal gerillte Metallpaneele, plane Untersichten oder verzinkte Stahlstäbe ergänzen die Palette. Schließlich prägt Sichtbeton in unterschiedlichen Facetten die beiden Häuser jenseits der Maujer Street. Die Oberflächengestaltung des Ortbetons ergibt sich hier teils durch glatte Schalung und teils durch tief strukturierte Schalungsplatten, die eine vertikale Rillenstruktur ergeben. Ein verspieltes Detail bildet dabei ein verglaster Ausschnitt mit unregelmäßiger, amöbenartiger Rundung im Erdgeschoss eines der Gebäude. Hier zeigt sich in der tiefen Laibung die Massivität des Materials und gleichzeitig eine gewisse Leichtigkeit, mit der Beton geformt werden kann. -sab

Bautafel

Architektur: SO – IL, New York (Entwurf); Andrew Reyniak (ausführunder Architekt)
Projektbeteiligte: Paratus Group, New York (Projektleiter); Silman Associates, New York (Tragwerksplanung); CES Engineering, Plus Group Engineering, New York (Gebäudetechnik); Buro Happold Engineering, New York (Lichtplanung); Simpson Gumpertz & Heger, Waltham (Fachplanung Fassadenbekleidung); Bohler Engineering (Grundstückserschließung und Standortplanung); J. Callahan Consulting, New York (Spedition); Langan Engineering, PMT Laboratories (Geotechnik, Umweltberatung); Harvey Marshall Berling Associates, New York (Akustikplanung); Reginald Hough Associates, New York (Betonarbeiten); Future Green, New York (Landschaftsplanung)
Bauherrin: Lonti Ebers / The Amant Foundation
Standort: 306 und 315 Maujer Street und 932 Grand Street, Brooklyn, NY 11206, Vereinigte Staaten
Fertigstellung: 2021
Bildnachweis: Iwan Baan; Naho Kubota; SO – IL

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