111 Architekturbaukästen

Um einige der präsentierten Kästen im musealen Kontext spielbar zu machen, wandte sich das Museum an Prof. Andreas Kretzer von der Hochschule für Technik (HFT) in Stuttgart, der mit seinem Studierenden Baustein-Repliken im Maßstab 3:1 aus Holz, 3D-Druck-Filament oder Filzwerkstoff herstellte.
The New City – Ingenius-Baukasten, Ingenius Technische- und Handels-GmbH, Österreich, 1924 bis vermutlich 1929. Der „Ingenius“-Baukasten wurde von dem Architekten Wilhelm Kreis in Zusammenarbeit mit Carl August Jüngst entwickelt. Laut Hersteller eigne sich das System nicht nur für Kinder, sondern auch für die Gestaltung von Filmkulissen und damit als Alternative zur Herstellung großer Filmbauten.
The New City – Ingenius-Baukasten, Ingenius Technische- und Handels-GmbH, Österreich, 1924 bis vermutlich 1929

111 Architekturbaukästen

Claus Krieger

Sammlung Claus Krieger
Jovis Verlag, Berlin 2025
272 Seiten, 500 farb. Abb., Deutsch, 21 × 25 cm, Broschur

Preis: 38 EUR

ISBN 978-3-98612-274-4

Ob sich überhaupt jemand für historische Baukästen interessiere, abgesehen von Männern im fortgeschrittenen Alter, fragte sich Oliver Elser, Kurator des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt (DAM), als er die Sammlung Claus Kriegers das erste Mal in Augenschein nahm. Dies gesteht er im Vorwort des Begleitkatalogs zur Ausstellung 111 Architekturbaukästen. Glücklicherweise konnten seine Kolleg*innen alle Zweifel ausräumen und so kam es, dass die Schau von Oktober 2025 bis Februar 2026 das Erdgeschoss des DAM bespielt – im mehrfachen Wortsinn, denn die Besucher*innen sind buchstäblich aufgefordert zu spielen und die Modelle aufzubauen.

Claus Krieger ist Sammler und selbsternannter Homo ludens – ein spielender Mensch, nach dem anthropologischen Erklärungsmodell, das der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga in den späten 1930er-Jahren entwarf. Für die Ausstellung stellte Krieger dem Museum rund sechzig Baukästen aus seiner privaten Sammlung zur Verfügung. Um einige davon spielbar zu machen, wandte sich das DAM an Prof. Andreas Kretzer von der Hochschule für Technik (HFT) in Stuttgart, dessen Studierende Repliken in dreifacher Vergrößerung anfertigten.

Material als Ordnungskriterium

Die verschiedenen Materialien – warmes Holz, massiver Stein und glatter Kunststoff – prägen maßgeblich die ästhetische Wirkung der originalen wie der vergrößerten Modelle. Aus diesem Grund bilden sie das zentrale Kriterium für die Struktur des Katalogs, den der Jovis Verlag begleitend zur Ausstellung herausgebracht hat. Er versammelt 111 Architekturbaukästen aus der wohl noch wesentlich umfangreicheren Sammlung Kriegers und stellt diese üppig illustriert auf ebenso informative wie unterhaltsame Weise vor.

Innerhalb der vier Kategorien Gebäude-Holzkasten, Stadtbaukasten, Steinbaukasten und Kunststoffbaukästen sind die ausgewählten Exemplare chronologisch geordnet. In kurzen Texten werden ihre Besonderheiten erläutert sowie Hersteller, Zeit, Ort, Kasten, Maße, enthaltene Bausteine und Planbeilagen aufgeführt.

Die Seele der Kästen

Doch damit begnügt sich Krieger nicht: Ebenso wie in der Ausstellung liegt der Fokus auf den aufgebauten Modellen, die er die „Seele der Kästen“ nennt. Die rund 500 Fotografien zeigen die Bausteine einerseits kunstvoll einsortiert, andererseits die in teils mühseliger Arbeit errichteten Gebäudeminiaturen. Auch das erfahren wir in dem Katalog: Schlechte Passgenauigkeit, kryptische Anleitungen oder fragwürdige Materialqualität gehören durchaus dazu; machen für Krieger gar den Reiz aus. Diese anekdotenhaften Informationen erzählen viel über die Grenzen der jeweiligen Systeme und über das Spielerlebnis vergangener Generationen.

Spiegel ihrer Zeit

Neben dieser ästhetischen und spielerischen Dimension erweisen sich die ausgewählten Baukästen ganz nebenbei als Spiegel ihrer Zeit: So fanden sich als Reaktion auf Industrialisierung und Urbanisierung in Brandt’s Städtebaukasten Anfang des 20. Jahrhunderts idyllische Landhäuser und mittelalterliche Städtchen. 1934 bot die Firma Fritsche den Amator-Baukasten für Festungen und Kriegsschiffe an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum dokumentierten die Baukästen den baulichen Wettbewerb zwischen den Systemen: So errichteten Kinder in der DDR Großplatten-Bauten mit dem System Pewesti oder dem Mentor-Baukasten, während in den USA die Sets zum Nachbilden von Wolkenkratzern (American Skyline von Elgo-Plastics) oder zum Errichten neuer Siedlungen im Welltall (Satellite City von Saunders Brothers, Dowels and Wood Products) anregten.

Und heute? Gibt es Lego. Zwischen 1880 und 1960 tummelten sich rund 1.200 Bausteinhersteller am Markt, bevor die sogenannten Klemmbausteine des dänischen Unternehmens wie eine gewaltige Dampfwalze durch die Kinderzimmer gerauscht seien, schreibt Oliver Elser. Grund dafür sei, so führt er weiter aus, dass Lego mit seinem genialen Noppensystem ein für alle Mal das Verbindungsproblem löste, an dem bis dato alle Bausteinhersteller gescheitert waren. Claus Krieger aber sammelt keine Baukästen von Lego, da ihre große Vielfalt ein ganz eigenes Sammelgebiet darstelle, wie er schreibt. Oder ist der wahre Grund vielleicht, dass ihre passgenauen und stabilen Verbindungen jene von Krieger so geschätzte Frickelei, die ein hohes Maß an Konzentration, Geschicklichkeit, Geduld und Einfallsreichtum erfordert, überflüssig machen? -sas

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