König-Fahad-Nationalbibliothek in Riad

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Gebäudehülle aus weißen, rautenförmigen Sonnensegeln

In den vergangenen 35 Jahren ist das saudi-arabische Riad gewachsen wie kaum eine andere Stadt. Einige der wichtigsten öffentlichen und kulturellen Einrichtungen haben sich entlang der 14-spurigen (!) King-Fahd-Road im Westen der Wüstenmetropole angesiedelt. Dazu gehört auch die königliche Nationalbibliothek (King Fahad National Library), deren Erweiterung 2002 mit einem Wettbewerb unter König Fahd ibn Abd al-Aziz ihren Anfang nahm. Diesen konnte das Dortmunder Büro Gerber Architekten mit einem Entwurf für sich entscheiden, der die Überbauung der bestehenden Bibliothek vorsah.

Die alte, mit weißem Marmor verkleidete Bücherei wurde in den 1980er Jahren auf einem kreuzförmigen Grundriss mit drei Vollgeschossen und einer kleinen Kuppel errichtet. In ihrer ursprünglichen Form als geometrisches Zentrum der neuen Nationalbibliothek belassen, verschwindet sie nun vollständig unter einem quaderförmigen, gläsernen Solitär mit Seitenlängen von jeweils 140 Metern. Dieser wiederum ist allseitig von einer plastisch geformten Fassade aus weißen Sonnensegeln umhüllt. Auf einer Bruttogeschossfläche von knapp 86.500 Quadratmetern bietet der viergeschossige Neubau viel Platz für das umfangreiche Raumprogramm und die insgesamt rund 2,4 Millionen Bücher. Durch die quaderförmige Überbauung ergeben sich im Grundriss vier annähernd trapezförmige Innenhöfe, die sich über die gesamte Höhe des Gebäudes erstrecken. Um diese herum sind die neuen Räume angeordnet, freitragende Treppen und Brücken verbinden Alt- und Neubau.

Der Zugang zur Bibliothek erfolgt von Osten über einen großen, teils begrünten Vorplatz; darunter liegt die Tiefgarage. Im leicht zurückgesetzten Erdgeschoss sind neben dem Foyer, ein Buchladen, ein Restaurant sowie Ausstellungsflächen untergebracht. In der ersten Etage befinden sich wie in jedem öffentlichen Gebäude Saudi-Arabiens die repräsentativen Räume des Prinzen, außerdem ein Lesesaal für Frauen mit separatem Eingang. Im zweiten Obergeschoss hat die Verwaltung ihre Büros, im dritten ist der große Lesesaal auf dem Dach des Altbaus angeordnet. Er ist zu allen Seiten vom Freihandbereich auf der obersten Ebene des Neubaus eingefasst. Eingestellte Boxen nehmen die Sanitär- und Technikräume auf, ihre kleinen Dachflächen dienen als Leseboxen. Angesichts sommerlicher Temperaturen, die bis über 50°C ansteigen können, ist eine Klimatisierung der Bibliothek unerlässlich. Sie erfolgt mittels Schichtlüftung und Fußbodenkühlung.

Sonnenschutz
Da über die Gebäudehülle viel Tageslicht ins Innere der Bibliothek gelangt, war eine Verschattung unerlässlich. Sie hält die Temperaturen in den Räumen auf einem erträglichen Niveau und sorgt damit für angenehme Arbeitsbedingungen. Die streifenförmigen Oberlichter im Dach des Gebäudes sind auf der Innenseite flächendeckend mit weißen Kunststoffmembranen bespannt, um Blendung und unerwünschte Reflexionen auszuschließen.

Das prägende gestalterische Merkmal der neuen Nationalbibliothek ist die zweite Fassadenebene aus weißen, rautenförmigen Sonnensegeln. Sie erstrecken sich von der der Unterkante des ersten Obergeschosses bis hin zur Attika und sollen sowohl an die arabische Zeltarchitektur als auch an die Tradition des Verschleierns erinnern. Die meisten Segel sind gleich groß, einzig an den Rändern bilden Sonderformen den Abschluss. Als Material wählten die Architekten ein lichtdurchlässiges Glasfasergewebe mit einem Transmissionsgrad von nur sieben Prozent. Damit hält es einen Großteil der direkten Strahlung vom Innenraum ab, bietet jedoch eine ausreichende Belichtung. Durch die geometrische Form der dreidimensional gewölbten Segel ergeben sich kleine Freiflächen, die Ellipsen ähneln und den Blick nach außen gewährleisten.

Die Tragkonstruktion der Sonnensegel besteht aus zwei Ebenen von diagonal verlaufenden, sich kreuzenden Zugseilen aus Stahl. Die Knotenpunkte der Seile sind an filigranen Stahlträgern befestigt, die 1,70 Meter aus der Glasfassade auskragen. Dieser konstruktive Abstand erleichtert u.a. die Reinigung der Gebäudehülle, die durch den feinen Wüstensand von Zeit zu Zeit notwendig ist. -kt

Bautafel

Architekten: Gerber Architekten, Dortmund (auch Landschafts- und Innenarchitektur sowie Lichtplanung)
Projektbeteiligte: Saudi Binladin Group, Riad (Generalunternehmer); Bollinger & Grohmann Ingenieure, Frankfurt am Main (Tragwerks- und Fassadenplanung); Drees & Sommer Group, Stuttgart (Planung Lüftungs-, Klima- und Haustechnik); EFT Euro Facade Technology, Nuis (Fassadentechnik); Sefar, Heiden (Fassadenmembran)
Bauherr: Königreich Saudi Arabien
Fertigstellung: November 2013
Standort: King Fahd Road, Riad
Bildnachweis: Christian Richters, Berlin

Architektenprofil

Gerber Architekten
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