Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum Berlin

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Sensorgesteuerter Sonnen- und Blendschutz

Nach einer 177-jährigen Geschichte hat die Zentralbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin ein eigenes, adäquates Gebäude erhalten. Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum ging aus einem offenen Realisierungswettbewerb aus dem Jahr 2004 hervor, den der Schweizer Architekt Max Dudler für sich entscheiden konnte. Benannt ist es nach den Brüdern Grimm, die nicht Märchensammler waren, sondern auch als Germanisten in Berlin arbeiteten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schenkten sie ihre rund 8.000 Bücher umfassende Privatbibliothek der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität.

Nahe der Friedrichstraße und der Museumsinsel galt das Baugrundstück zwar als zentral aber wegen der Lage zwischen einer überlangen Brandwand auf der einen und dem Bahnviadukt auf der anderen Längsseite schwierig zu bebauen. Dudler entwarf einen siebengeschossigen kubischen Baukörper, der mit einer streng gerasterten Fassade aus Jurakalkstein zeitgemäß auf den städtebaulichen historischen Kontext reagiert. Die überhohen Fensteröffnungen sind ohne Gesims ausgeführt, ihre variierenden Breiten richten sich nach den jeweiligen Innenräumen und deren Funktionen.

Kern des Gebäudes ist der zentrale Lesesaal mit rund 200 Arbeitsplätzen. Zu beiden Querseiten steigen die Ebenen mit den Arbeits- und Lesetischen in terrassierten Stufen an und erhalten über eine Oberlichtdecke Tageslicht. Sowohl die Wände mit einer Vertäfelung aus Kirschholz als auch die kassettierte Decke entsprechen in ihrer geometrischen Strenge dem gesamten Baukörper. In einem weiteren Lesesaal, dem Forschungslesesaal in der sechsten Etage, stehen weitere Arbeitsplätze zur Verfügung. Hier können historische und wertvolle Bücher nur unter Aufsicht eingesehen werden, beispielsweise Bücher aus den Nachlässen von Wilhelm von Humboldt sowie von Jacob und Wilhelm Grimm. Insgesamt umfasst der Bibliotheksbestand in Freihandaufstellung rund 1,5 Millionen Bücher und ist damit einer der größten im deutschsprachigen Raum.

Sonnenschutz
Gerade eine Bibliothek benötigt ein Höchstmaß an Tageslicht, denn es beeinflusst die physische wie psychische Leistungsfähigkeit der Arbeitenden positiv und unterstützt ihre Sehleistung. Eine Dachverglasung sorgt für besonders gute Sichtverhältnisse, weil Zenitlicht – also von oben einfallendes Tageslicht – dreimal heller ist als Seitenlicht. Zudem lassen sich mit Deckenöffnungen Raumtiefen beleuchten, die mit Hilfe von Fensterverglasungen nicht erreichbar wären.

In der Bibliothek wird nicht nur in Büchern gelesen, sondern auch an Computerbildschirmen. Allein 500 der 1.250 öffentlichen Arbeitsplätze sind mit WLAN ausgestattet, und auch an den übrigen Arbeitsplätzen ist mit dem Einsatz von Notebooks zu rechnen. Je nach Einfallwinkel und Intensität des Tageslichts kann es unerwünschte Reflexionen, Spiegelungen und Blendungen auf den Computerbildschirmen erzeugen. Um visuelle Beeinträchtigungen zu verhindern, sind die Dachöffnungen mit motorisierten Horizontalscreens ausgestattet. Sie werden bei zu hohem Lichteinfall mit einem Sensor aktiviert und fahren dann automatisch in eine Sonnenschutzposition. Auch die senkrechten Fenster verfügen über einen Sonnen- und Blendschutz-Behang.

Die Steuerung aller sonnenschutzrelevanten Elemente erfolgt vernetzt über ein spezielles Bussystem, das ein Zeitsignal empfängt. Dieser Zeitsignalsender, der sich in Mainflingen bei Frankfurt am Main befindet, übermittelt den meisten funkgesteuerten Uhren in Westeuropa die genaue Uhrzeit. Auf dieser Zeitbasis fahren sämtliche Behänge der Bibliothek abends um Punkt 20 Uhr nach oben.

Da an den einzelnen Gebäudeseiten unterschiedliche Einflussfaktoren wie Sonne, Wind und Regen auf die Behänge wirken, ist die Fassade in insgesamt 14 Zonen gegliedert. Sie lassen sich auf Impuls der außen liegenden Wetterstation individuell ansteuern. Auf diese Weise reagieren sowohl die Horizontalbehänge der Dachverglasung als auch die Verschattungen an den Fenstern zuverlässig auf Sonneneinstrahlung, Windentwicklung und Feuchtigkeit – aber eben nur jene Bereiche, die von diesen Faktoren betroffen sind. Damit werden sowohl die Screens vor Beschädigung geschützt als auch den Raumnutzern gute Sichtverhältnisse ermöglicht, und zwar unabhängig davon, in welchem Gebäudeteil sie sich befinden..

Für jede der 14 Zonen kann zudem über PC oder zentral platziertem Bereichstaster eine frei wählbare Sonnenschutzposition einprogrammiert werden, so dass die Behänge immer in der gewünschten Stellung sind. In den Büros der oberen Stockwerke sind die Screens auch manuell per Wandschalter bedienbar, so dass die Mitarbeiter im Bedarfsfall Zentralbefehlen auch gegensteuern können.

Am 30. Oktober 2009 ist das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum mit dem Architekturpreis Berlin 2009 ausgezeichnet worden. Fast 5.000 begeisterte Leser kommen täglich in die von der Süddeutschen Zeitung als „eindrucksvolle Billy-Großinstallation” bezeichnete Bibliothek.

Bautafel

Architekt: Max Dudler, Berlin/Zürich/Frankfurt
Projektbeteiligte: Leonardt, Andrä und Partner, Stuttgart (Tragwerksplanung); Zibell, Willner und Partner, Berlin (Technische Gebäudeausrüstung); Döpping Widell Architekten, Berlin (Bauleitung); Müller BBM, Planegg (Brandschutzkonzeption); Somfy, Rottenburg (Steuerung Sonnenschutz)
Bauherr: Humboldt-Universität zu Berlin
Fertigstellung: 2009
Standort: Geschwister-Scholl-Straße 1, Berlin
Bildnachweis: Somfy (1, 2, 6 - 8); Humboldt-Universität zu Berlin - Stefan Müller (3 - 5)

Surftipps

Film über das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum Berlin: www.architekturclips.de

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