Marienkloster auf der norwegischen Insel Tautra

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Schiefer als Witterungsschutz

Beten, Lesen und Arbeiten – diesen Tätigkeiten haben sich die Mitglieder des Zisterzienserordens ihr Leben lang verpflichtet. 18 Nonnen gehen dieser einfachen und strengen Lebensweise in einem Kloster auf der norwegischen Insel Tautra nach. Das Architekturbüro JSA aus Oslo plante und baute das Marienkloster auf dem Eiland mitten im Trondheimsfjord, rund zwei Kilometer entfernt von den Ruinen eines vor 800 Jahren gegründeten Zisterzienserklosters.

Die überwiegend eingeschossige Anlage beinhaltet auf einer Grundfläche von 80 x 30 Meter alles, was die Nonnen zum täglichen Leben brauchen: Kirche, Kreuzgang, Kapitelsaal, Produktionsstätten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Bibliothek, Lesesaal, Klosterzellen, Büroräume, Refektorium zum gemeinsamen Essen, Küche sowie Neben- und Technikräume. Der rechteckige Grundriss spiegelt den introvertierten Charakter des Ordens eindrücklich wider: Sieben Innenhöfe gewährleisten ungewöhnlich viel Tageslicht in den Klosterräumen und sorgen dennoch für eine von äußeren Einflüssen abgeschirmte Atmosphäre.

Nur an der Nordseite wird diese introvertierte Haltung durchbrochen, dort öffnet sich die Fassade großflächig für drei Nutzungen: An der östlichen Ecke liegt die Apsis des Kirchenraums, es folgt eine offene Seite des Kreuzgangs und anschließend der Speisesaal. Dort werden die Nonnen während des Essens mit einem atemberaubenden Blick über den Trondheimsfjord belohnt: Wie beim berühmten „Abendmahl“ Leonardo da Vincis sitzen alle auf einer Seite des Tisches und blicken aufs Wasser. 

Drei Steildächer betonen die Lage der übergeordneten Funktionen innerhalb der Anlage. Dazu gehört zum einen die Kirche an der Ostseite mit ihrem auffallenden Glasdach, zum anderen der südöstlich gelegene Kapitelsaal als zentraler Versammlungsraum des Ordens. Als drittes herausragendes Element ist die Bibliothek mit Lesesaal fast mittig angeordnet. Alle anderen Gebäude weisen Flachdächer (Zellen und Kreuzgang) oder gering geneigte Satteldächer auf (Büros, Küche und Produktion). Das Kloster ist übrigens in Norwegen bekannt für die pflanzliche Seife, die in seinen Produktionsräumen auf Tautra hergestellt wird.

Die gesamte Anlage beruht auf einem Raster von vier Metern, quadratische Holzstützen mit einer Seitenlänge von 21,5 cm bilden die tragende Konstruktion. Im Inneren des Klosters ist die Holzkonstruktion uneingeschränkt ablesbar, die Fassaden sind durch eine zweite Haut („Rain coat") gegen die Witterungsbedingungen der Insellage geschützt.

Schiefer
Um die Holzkonstruktion nicht Wind und Wetter auszusetzen, entschieden sich die Architekten für eine Schieferfassade. Die Steinplatten sind 5 mm dick, 73 cm hoch und entweder 30, 40 oder 50 cm breit. Es handelt sich um den norwegischen Glimmerschiefer Otta-Phyllit, der hier auf Tautra mit sehr unterschiedlichen Farben aufwartet: von Blauschwarz über Sandfarben bis hin zu rötlichen Brauntönen. Die starke Farbigkeit des Schiefers und die unterschiedlichen Steinbreiten prägen das äußere Erscheinungsbild des Klosters eindrücklich: Der raue Stein und die großen geschlossenen Flächen greifen den introvertierten Charakter des Ordens architektonisch auf, das bunte, farbenfrohe Bild der Fassaden hingegen soll dessen heitere, freundliche Lebensanschauung widerspiegeln.

Der Schiefer stammt aus der Region, die Höhe der Steine von 73 cm entstand aus wirtschaftlichen Erwägungen und findet sich in den Fensterformaten wieder. Diese ersetzen immer eine vollständige Schieferreihe und sind nur in der Breite variabel. Die einzelnen Schiefer sind leicht schräg, aber ohne Seiten- oder Höhenüberdeckung befestigt (siehe Abb. 3 und 27). Diese Deckart trug ebenfalls zur Minimierung der Kosten bei. Die Platten sind spaltrau belassen, durch genagelte Edelstahlklammern fixiert und leicht austauschbar. Der Wartungsbedarf der Fassade ist gering, ihre Schutzwirkung aber hoch.

Bautafel

Architekt: Jensen & Skodvin Arkitektkontor, Oslo
Projektbeteiligte: Kristoffer Apeland, Oslo (Statik); Minera Norge, Oppdal (Schiefer Otta)
Bauherr: Cistercian Nuns, Tautra Convent
Fertigstellung: 2006
Standort: Tautra, Frosta
Bildnachweis: Jensen & Skodvin Arkitektkontor, Oslo

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