Kunstmuseum Ahrenshoop

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Unsichtbare Gebäudetechnik, Geothermie und Sole/Wasser-Wärmepumpe

Bekannt ist das Ostseebad Ahrenshoop vor allem als Künstlerort und aufgrund seiner idyllischen Lage auf der Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst. Vorne die Ostsee, hinten der Bodden, dazu eine Steilküste, Sandstrände sowie Rad- und Wanderwege durch Wald und Wiesen. Seeleute und Fischer bauten die ersten Häuser auf der schmalen Landzunge, doch sie blieben nicht lange unter sich. Noch bevor die Badegäste Ahrenshoop entdeckten, kamen Ende des 19. Jahrhunderts die Kunstmaler ins Dorf. Sie hatten sich in die wildromantische Landschaft verliebt, in die schilfrohrgedeckten Fischerkaten und vor allem in das Licht, dass am Meer heller leuchtet als anderswo. Seit über 120 Jahren ist Ahrenshoop Künstlerkolonie. In keinem anderen Seebad gibt es so viele Galerien und Ateliers, die hier Kunstkaten heißen. Und seit August 2013 besitzt die Künstlerkolonie Ahrenshoop endlich ihr eigenes Kunstmuseum: Es leuchtet (vorerst) golden am Ortseingang und wurde nach Plänen von Staab Architekten aus Berlin realisiert.

Das Geld für das 7,7 Mio. Euro teure Bauprojekt haben über 300 engagierte Kunstfreunde aus Spenden (3 Mio) und Fördermitteln von Bund und Land zusammengetragen. Die Vereinsmitglieder wollten ihre Sammlung von rund 500 Bildern, Grafikkonvoluten und Skulpturen in einem modernen Neubau zeigen, der aber trotzdem mit der baulichen Geschichte Ahrenshoops verbunden sein sollte. Die Architekten haben es mit ihrem Konzept geschafft, diesen Anspruch angemessen umzusetzen. Sie planten ein modernes Ausstellungsgebäude, dessen Kubatur und Anordnung an die traditionellen Häuser im Ort erinnert.

Nach dem Vorbild der alten Fischerkaten und ihren Walmdächern gruppieren sich fünf Einraumhäuser gewollt unregelmäßig und eng aneinander gerückt um ein zentrales Foyer. Der Komplex umfasst rund 900 m² Ausstellungsfläche, hinzu kommen weitere 400 m² für Büros, Depot und die Haustechnikräume. Vier Ausstellungshäuser widmen sich jeweils einer Epoche der Ahrenshooper Künstlerkolonie mit Dauer- und Wechselausstellungen. Im fünften, zweigeschossigen Haus befindet sich ein „kleines Kabinett“ mit eingezogener Decke, dass als Seminar- und Begegnungsraum genutzt wird. Im Obergeschoss ist das Verwaltungsbüro, im Keller Lager und Haustechnik. Mittig zwischen den Häusern spannt sich in Traufhöhe ein verbindendes Flachdach, unter dem sich das zentrale Foyer ausstreckt.

Das Kunstmuseum ist ein Stahlbeton-Massivbau, der vollflächig mit einer wärmegedämmten Messingfassade verkleidet ist. Diese Sonderanfertigung ist so verarbeitet, dass die Metallfalze die Halme der traditionellen Reetdachdeckung nachbilden. Fassaden und -dächer des Museums strahlten zur Eröffnung zunächst goldgelb, einige Ostseewinde und Strandwetter später dunkelt die Hülle bereits nach und wird im Laufe der Zeit bräunlich-grau, so wie es mit den Schilfohrdächern ringsum auch bereits geschah.

Innen sind die Ausstellungshäuser puristisch gehalten: weiße Wände und Decken, keine Fußleisten, helle geschliffene Estrichböden. Nichts lenkt von den ausgestellten Bildern ab. Nur durch ein schmales raumhohes Fenster in der Ecke jedes Saales können die Besucher nach außen schauen. Die Möblierung im Foyer wurde aus kanadischer Eiche gefertigt.

In vier Ausstellungshäuser fällt natürliches Licht von oben in die Räume. Dafür wurden die Walmdachspitzen unterhalb der Firstlinie abgeschnitten und mit Oberlichtern versehen. In die mit einer Stahl-Glas-Konstruktion abgedeckten Oberlichter sind Prismen eingebaut, die das Licht von außen verstärken und ein nahezu schattenfreies Raumlicht bereiten. Bei trübem Ostseewetter und an den kurzen Wintertagen erhellt Kunstlicht die Räume. Die unauffälligen Leuchten befinden sich im Kranz der Oberlichtbänder. Damit sich an der verglasten Dachkonstruktion kein Tauwasser im Winter bildet, wurden hoch wärmegedämmte Fenster eingesetzt.

Zum Museum gehört ein 3.000 m² großes Grundstück, die Freianlagen sind einem norddeutschen Gehöft nachempfunden. Der üppig bepflanzte Garten auf der Gebäuderückseite geht fließend in die Landschaft mit Wiesen, Gräben und einem Teich über. Der straßenseitige Eingangsplatz ist so zugleich Empfang wie Werbefläche.

Energiekonzept
Die Energieversorgung der Räume basiert auf Geothermie. 24 Sonden in 90 Meter Tiefe unter dem Museum speisen in eine Wärmepumpe ein. Sie besitzt eine Heizleistung von 100 kW und heizt im Winter das Gebäude bzw. kühlt es im Sommer. Kein Heizkörper stört den Blick auf die Kunst. Die Haustechnik bleibt unsichtbar, weil Dachschrägen und Fußböden thermisch aktiviert sind. In ihnen befinden sich Rohrleitungen, die entweder von warmem oder kaltem Wasser von der Wärmepumpe durchflossen werden.

Wie in jedem Museum mit Kunstwerken bestehen hohe Anforderungen an eine konstante relative Raumluftfeuchte und -temperatur. Eine zentrale Steuerung regelt Heizung bzw. Kühlung und sorgt für ein stabiles Raumklima. Das energetisch optimierte Objekt verbraucht nur die Hälfte des von der EnEV geforderten Jahresprimärenergiebedarfs.

Bautafel

Architekten: Staab Architekten, Berlin
Projektbeteiligte: ifb Frohloff Staffa Kühl Ecker, Berlin (Tragwerk); Müller BBM, Berlin (Bauphysik); Ingenieur- und Sachverständigenbüro für Brandschutz/Arbeitssicherheit, Wolgast (Brandschutzplanung); Berlin PHA Planungsbüro für Haustechnische Anlagen, Breuna (Planung Lüftung/Sanitär/Heizung); Ost Bau, Osterburg (Rohbau); Fittkau Metallbau + Kunstschmiede, Berlin (Ausführung Musterfassade); GMV GmbH, Ribnitz-Damgarten (Einbau Heizung); Celler Brunnenbau, Celle (Geothermie); Lars Wilke Gesellschaft, Möckern (Einbau Lüftung); Licht Kunst Licht, Berlin (Lichtplanung); Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin (Freiraumplanung)
Bauherr:
Verein der Freunde und Förderer des Kunstmuseums Ahrenshoop
Fertigstellung:
August 2013
Standort: Dorfstraße 47G, 18347 ‎Ahrenshoop
Bildnachweis: Stefan Müller, Berlin; Urte Schmidt, Berlin; Voigt & Kranz, Prerow; Kunstmuseum Ahrenshoop; Staab Architekten, Berlin

Architektenprofil

Staab Architekten GmbH