Staatstheater in Darmstadt

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Portalbau komplettiert die alte Bausubstanz

Nachdem im 2. Weltkrieg die Hessischen Landesbühnen zerstört worden waren, konnte nach zehnjähriger Planungszeit 1972 das Hessische Staatstheater nach den Entwürfen des Architekten Rolf Prange eröffnet werden. Das beinahe 40.000 Quadratmeter große Gebäude atmete ganz den Geist des heute als "Funktionalismus" bezeichneten Baustils: große Bauvolumen, beinahe konturlos durchgehende Fassadenflächen, bekrönt von zwei monumentalen, würfelförmigen, weißen Bühnentürmen. Das - im Vergleich zur eher kleinteiligen Umgebungsbebauung - über etwa 150 Meter sehr lang gestreckte Bauwerk hatte eine profilierte Topographie mit schwierigen Baugrundverhältnissen zu meistern. Daraus ergaben sich zahlreiche Trennungsfugen, die den überaus diffizilen, akustischen Anforderungen sehr entgegen kamen.

Ganz der damaligen - vor der Ölkrise - technischen Zukunftsgläubigkeit verpflichtet, war der Clou des Entwurfs eine unter dem ganzen Gebäude liegende große Tiefgarage, über die auch die Zufahrt und der fußläufige Zugang erfolgte. Man betrat das Theater gewissermaßen von unten. Das für damalige Verhältnisse "Zukunft weisende" Konzept wird heute etwas weniger euphorisch beurteilt, da die Belichtungsverhältnisse entsprechend schlecht waren.

Nichts von seiner ursprünglichen Qualität hat dagegen die Grundrissorganisation des eigentlichen Theaterbaus eingebüßt. Die Abfolge und die internen Bezüge von Sälen, Probebühnen, Werkstätten, Verwaltung und Lagerräumen gelten bei Theaterleuten immer noch als vorbildlich. Da das Gebäude nach 35 Jahren aber insgesamt gelitten hatte - an der Fassade lösten sich einzelne Platten der Marmorverkleidung - wurde wiederum ein Wettbewerb zur Sanierung und Revitalisierung des Baus ausgeschrieben, den das Stuttgarter Architekturbüro Lederer + Ragnarsdóttir + Oei mit einem sehr pragmatischen Entwurfsansatz gewann.

Modernisierung
Die ersten Kostenschätzungen zeigten bereits, dass der Löwenanteil des zur Verfügung stehenden Budgets in die Bühnentechnik und die energetische Ertüchtigung der Haustechnik fließen würden. Nur ein relativ schmales Budget von neun Millionen Euro blieb demnach für die gesamte Sanierung der baulichen Anlage übrig.

Um den Theaterbetrieb während der Sanierungsmaßnahmen aufrecht zu erhalten, schlugen die Architekten vor, eine kaum genutzte zweite Busspur der Tiefgarage aufzugeben und dort die provisorische Spielstätte einzurichten. Diese konnte später, als der normale Spielbetrieb wieder aufgenommen wurde, als Werkstatttheater umgenutzt werden. Durch die Einfassung des nachträglichen Bauwerks mit Glasbausteinen wurde die ehemalige Eingangssituation mit Pforte und Mitarbeiterschleuse aus dem Dunkel der Tiefgarage zur Straße hin zungenförmig hervorgezogen. Das knapp bemessene Budget bedingte eine straffe Kostenkontrolle, so sind zum Beispiel die Bereiche zwischen Stützen und Wandscheiben mit Leichtbetonsteinen ausgemauert und aus licht- und schallschutztechnischen Gründen mit den schon erwähnten Glasbausteinen außenseitig verkleidet worden.

Im ebenfalls im Keller liegenden Werktheater wurden die rauen Mauersteine zur Schallstreuung unverputzt belassen. Durch die Implantierung des neuen Bauwerks musste die neue Vertikalerschließung und der implizierte Behindertenzugang ebenfalls verschoben werden, was eine Neuandienung des Foyers bedeutete. Die alten Treppenaufgänge konnten in das Konzept mit einbezogen werden. Das alte Foyer wurde entkernt und dunkelbraun lackiert, eine große Sitznische und ein verschließbarer Kassenraum dagegen rosa gefärbt. Auf der alten Zwischenebene entstand eine signalrot gestrichene Bar, welche sich zum doppelgeschossigen Luftraum des Foyers öffnet.

Um die bereits von Prange angedachte Öffnung zur Stadt hin zu realisieren, planten die Architekten in "ermunternder" Konkurrenz zur funktionalistischen Strenge des Altbaus einen geschwungenen Portalbau aus weißem Sichtbeton, der selbstbewusst und plastisch auf den großen - bislang noch ungestalteten - Platz blickt. Die breiten Flügeltüren der Galerie im Obergeschoss lassen sich weit auf eine trichterförmig ausweitende Loggia öffnen.

Bautafel

Architekten: Prof. Arno Lederer, Jorunn Ragnarsdóttir + Marc Oei, Stuttgart
Projektbeteiligte: Thilo Holzer, Björn Barkemeyer, Ulrike Hautau, Tania Ost, Mathias Schneider, Markus Schwarzbach, Andrea Stahl, Michael Müller, Katrin Merk, Wolfram Sporer (Mitarbeiter); Prof. Pfeifer und Partner, Darmstadt (Tragwerksplanung); DU Diederichs (Projektmanagement)
Bauherr: Hessisches Baumanagement, Regionalniederlassung Süd, Darmstadt
Fertigstellung: 2006
Standort: Georg Büchner Platz, Darmstadt
Bildnachweis: Roland Halbe, Stuttgart

Architektenprofil

Lederer Ragnarsdóttir Oei
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