Wohnhaus Vex in London

Ortbetonfassade mit Schalhaut aus Wellblech

Die Idee von Architektur als gefrorene, erstarrte Musik beschäftigt Architekten, Dichter und Denker seit Jahrhunderten. Bei ihrem Wohnhaus Vex nahmen die Londoner Architekten Stephen Chance und Wendy de Silva diesen Gedanken als Ausgangspunkt für ihren Entwurf. Grundlage bildete das Klavierstück „Vexations“ von Erik Satie, bei dem der Pianist nur zwei Notenzeilen bis zu 840 Mal wiederholt, diese jedoch für die Zuhörer – auch aufgrund wechselnder Gemütszustände – nicht immer gleich klingen.

Gallerie

Neben der Beschäftigung mit Saties Komposition spielten die Bedingungen vor Ort eine wesentliche Rolle für die Gestaltung des Wohnhauses. Bei dem Grundstück im Londoner Stadtteil Hackney handelt es sich um eine Restfläche zwischen vorwiegend in viktorianischer Zeit erbauten Reihenhäusern. Die leicht verlotterte Erscheinung der bisher von Garagen besetzten Fläche verleitete Passanten dazu, es als Müllkippe zu missbrauchen. Die Nachbarn wünschten sich daher eine hochwertige Nutzung, die ihre eigene Wohnqualität jedoch nicht einschränken sollte.

Entstanden ist ein frei stehendes, skulpturales Gebäude, bei dem die drei amöbenförmige Geschosse unregelmäßig um eine elliptische Stütze rotieren – oder zumindest den Anschein erwecken, als seien sie eine versteinerte Momentaufnahme solch einer Rotation. Weil die Architekten bei diesem Projekt auch als Entwickler agierten, waren sie bei der Gestaltung und der Wahl der Mittel weitgehend frei. Ihr Ziel war die Verwirklichung eines vielschichtigen Gesamtkunstwerks.

Die geschwungenen Betonwände des Wohnturms haben eine gewellte Oberfläche, die entfernt an Klangwellen erinnert. Die Architekten kombinierten sie mit eng aneinandergereihten, vertikal angeordneten Holzlatten, die als Balkonbrüstungen und zur Abgrenzung der geschützten Dachterrasse verwendet wurden. Durch die leicht versetzte Anordnung der Geschosse sind neben den regulären Öffnungen der Lochfassade – die Rücksicht auf die Privatsphäre der Nachbarn nehmen – im Bereich der Rücksprünge auch sichelförmige Oberlichter entstanden.

Der knappe Wohnraum erfordert eine Raumaufteilung, die sich auf das Wesentliche beschränkt: Das Eingangsgeschoss mit Gäste-WC wird wahlweise als Werkstatt und Büro oder als zweiter Schlafbereich genutzt. Die nötigen Treppenläufe in die oberen Etagen sind entlang der Außenwände angeordnet. Im ersten Obergeschoss befindet sich das Hauptschlafzimmer samt Bad, darüber der offene Wohn- und Essbereich mit Küche. Eine steile Stahltreppe führt von dort hinauf auf die Dachterrasse. Neben weiß verputzten Flächen finden sich im Inneren auch glatter Sichtbeton sowie Bekleidungen aus Wellblech und Brüstungen, die aus Gitterrosten hergestellt wurden. Für Möbel und Einbauten ließen die Architekten hingegen Holz verwenden.

Musik war nicht nur Ausgangspunkt für die Konzeption des Gebäudes, bei seiner Entstehung wurden vice versa auch Töne gewonnen. In einer Kooperation mit den Architekten verwandelte der Komponist Robin Rimbaud alias Scanner das Geräusch des Betongusses zu zwei zwanzigminütigen Musikstücken – eine Methode, die entfernt an die Zusammenarbeit zwischen Le Corbusier und Iannis Xenakis beim Bau des Philips-Pavillons für die Expo 58 in Brüssel erinnert. In jedem Fall dürfte Vex einer von wenigen Bauten sein, die mit einem eigenen Soundtrack aufwarten können.

Gerüste und Schalungen
Die tragende Konstruktion des Wohnturms und seine Fassade wurden in Ortbeton erstellt. Die innere Schale ist dabei nicht durchgängig aus Beton; dort, wo keine Rundungen zu finden sind und die Wand nicht tragend ist, wurde sie als gedämmte Holzkonstruktion ausgeführt. An den tragenden Betonwandstücken ist vor der Dämmung die gewellte Fassade befestigt.

Für die Schalungen der Wände und der Stützen mit ihrem elliptischen Querschnitt ließen die Architekten mithilfe von CNC-Fräsen exakte Schablonen aus flachen Holzbrettern fertigen. Die Herstellung der eigentlichen Schalelemente erfolgte dann vor Ort durch Schreiner in Handarbeit. Die Architekten orientierten sich bei der Art des Schalungsbaus an Methoden aus dem Bootsbau. Für die Betonage der vorgehängten Fassade wurden geschosshohe, regalähnliche Konstruktionen gezimmert, welche die mit Wellblech bestückten, biegsamen Sperrholzplatten tragen. Aufgrund der Rundungen verzichteten die Planer auf horizontale Gurte und nutzten für die Verankerung vertikal aufgerichtete Hölzer. Mit Schrägstützen aus Stahl wurde der Betondruck abgefangen.

Der Wohnturm wurde Geschoss für Geschoss errichtet; jede Stockwerkshülle wurde als Ganzes geschalt und gegossen. Für die einzelnen Etagen benötigten die Planer also unterschiedliche Schalungen, deren Herstellung jeweils neun Monate dauerte. Weil wenig Spielraum für Korrekturen blieb, war beim Schalungsbau höchstmögliche Präzision geboten. Durch die Schalhaut aus Wellblech entsteht eine Art Kannelierung, die dem Bau zu einer einheitlichen Hülle verhilft, bei der Unregelmäßigkeiten, Fugen und Schalstöße in den Hintergrund treten. Die etwa 400 Ankerlöcher ließen die Architekten abschließend mit handgeblasenen Konen des Glasbläsers Carl Nordbruch verschließen. -chi

Bautafel

Architekten: Chance de Silva, London
Projektbeteiligte: Robin Rimbaud (Musik); TBA Contractors, Ruislip (Bauunternehmen); Price and Myers, London (Tragwerksplanung); GGBS concrete (Beton)
Bauherr: Stephen Chance / Wendy de Silva, London
Standort: 85 Maury Road, N167BT London
Fertigstellung: 2017
Bildnachweis: Hélène Binet, London

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