Mineralbad Berg in Stuttgart

Runderneuertes Badeerlebnis mit effizienter Haustechnik

Stuttgart ist – das wissen nicht viele – auch eine Mineralwasserstadt. Aus insgesamt 19 Mineralquellen fließen hier täglich 44 Millionen Liter Wasser, die teilweise in öffentlichen Bädern genutzt werden. Die älteste Badeanstalt Stuttgarts ist das Mineralbad Berg, eröffnet 1856 vom königlichen Hofgärtner Friedrich Neuner unter dem Namen „Stuttgarter Mineral-Bad bei Berg“ und seitdem mehrfach ausgebaut und umgestaltet. Im Jahr 2006 hatte die Stadt das bis dahin in Privatbesitz befindliche Bad erworben und zehn Jahre später seine Sanierung beschlossen. Mit der Planung der Maßnahmen wurde 4a Architekten betraut, die den besonderen Mid-Century-Charakter der letzten baulichen Umgestaltungen aus den 1950er- und 1970er-Jahren erhielten. Gebäudetechnisch sind sämtliche Anlagen auf den neuesten Stand gebracht worden – was in der bestehenden Gebäudestruktur ein aufwändiges Unterfangen war.

Gallerie

Für viele Stuttgarter ist der Besuch des Mineralbads Berg, das inmitten einer großzügigen Parklandschaft liegt, nicht nur Freizeitbeschäftigung, sondern Lebensphilosophie. Man ist „Bergianer“ und genießt auf gediegene Weise das frisch aus sechs Quellen direkt ins seeartige Außenbecken heraufsprudelnde Wasser. Dessen Heilwirkung ist vielfach untersucht worden, auf der Haut prickelt es durch den hohen Kohlensäureanteil wie Champagner. Entsprechend argusäugig wurde die 34 Millionen Euro teure Generalsanierung des über 3.000 Quadratmeter großen Bauwerks von den Stuttgartern beobachtet.

Erhalt und Neuordnung
Die Verantwortlichen führten das L-förmige Gebäude bis auf den Rohbau zurück, ein später hinzugekommenes Bewegungsbad im Osten der Anlage wurde abgerissen und durch einen neuen Anbau ersetzt, der die charakteristische Gebäudestruktur aus den 1950er-Jahren fortführt. Die gestalterische Sanierung der Anlage folgte dem bestehenden Charakter, wobei Alt und Neu geschickt miteinander verknüpft wurden. Um die Funktionalität der Abläufe zu verbessern, war allerdings eine Neuordnung des Grundrisses notwendig. So wanderte etwa die Gastronomie vom Obergeschoss ins Parterre und der Haupteingang wurde in Richtung Gebäudemitte verlegt. Andere wichtige Knotenpunkte wie das Foyer am Schnittpunkt der Gebäudeachsen blieben hingegen am ursprünglichen Platz. Erhalten blieben auch viele Einrichtungselemente wie Kunstwerke, Armaturen, die hölzernen Sommerumkleiden und die Holzliegen.

Die Materialität in den Badehallen ist geprägt von einer elegant geschwungenen, akustisch wirksamen Holzlamellendecke, dem Wechsel von Fliesen und Sichtbetonflächen und der großflächigen Verglasung zum Außenbecken sowie zum durch die Landschaftsarchitekten Wiedemann und Schweizer runderneuerten Park. Die neue Fliesenwand in der Badehalle wurde in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Künstler Matthias Kohlmann entwickelt. Die ruhige und entspannte Atmosphäre im sanierten Bad wird erzeugt durch eine vorwiegend gedeckte Farbigkeit mit einzelnen bunten Akzenten.

Umfangreiche Gebäudetechnik
Besonderes Augenmerk haben die Planer und Planerinnen auf die technische Gebäudeausrüstung gelegt, da durch sie bestimmt wird, wie hoch der Energie- und Ressourcenbedarf in den nächsten Jahrzehnten sein wird. Beim Mineralbad Berg kommt hinzu, dass sich das Gelände in der Kernzone des Quellenschutzgebietes befindet, also möglichst sichere und umweltfreundliche Technologien eingesetzt und die Kellergeschosshöhen so gering wie möglich gehalten werden mussten. Außerdem musste die Gebäudeausrüstung zwar nach aktuellem Stand geplant, aber auch in das bestehende Gebäude integriert werden, wo nur wenig Fläche dafür zur Verfügung stand. Erneuert wurde im Grunde alles: die Anlagen zur Wärmeversorgung und Lüftung, die Badewasseraufbereitung, die Gebäudeautomation sowie die dazugehörige Installation und die Verknüpfung mit den Quellen.

Wiederverwendete Wärmeenergie
Die Wärmeerzeugung wurde durch die EnEV 2016 und das EEWärmeG 2009 bestimmt. Auf dieser Grundlage entschieden sich die Projektbeteiligten für eine Wärmeversorgung, die größtenteils durch das abgebadete Mineralwasser und das Quellwasser über zwei Wasser-Wasser-Wärmepumpen erfolgen sollte. Zur Abdeckung der Spitzen-Gebäudeheizlasten sowie zum Erreichen des erforderlichen Temperaturniveaus bei der Warmwasserbereitung wurden verschiedene Varianten durchgespielt. Die Entscheidung fiel schlussendlich auf ein Blockheizkraftwerk und eine Mehrkesselanlage mit Gas-Brennwert-Wandgeräten (beide auf dem Dachboden) als energetisch sinnvollste Lösung. Durch die Nutzung des kontinuierlich, artesisch austretenden Mineralwassers konnte der Einsatz fossiler Brennstoffe erheblich reduziert werden. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach unterstützt die Stromversorgung der Wärmepumpe und des gesamten Gebäudes.

Badewasser in Quell-Qualität
Vor der Sanierung wurde das Mineralwasser über einen Brunnen direkt aus den Quellen ins Außenbecken geleitet. Der Brunnen in der Mitte des Beckens sieht auch heute noch genauso aus, allerdings wird das Mineralwasser aus den insgesamt sechs Quellen jetzt zunächst in drei Entkoppelungsbauwerke geleitet und durch Pumpenanlagen mit hundert Prozent Redundanz auf Becken, Anlagen und Brunnen unter Zugabe von Chlorgas (zur Desinfektion) gefiltert verteilt. Außen- und Innenbecken werden täglich entleert und gereinigt, wobei das Wasser des Innenbeckens in einen Pufferspeicher geleitet wird, um dessen gespeicherte Wärmeenergie bei der Wiederbefüllung nutzen zu können. Durch das Entziehen der Wärmeenergie und Entchloren des abgebadeten Wassers werden die Anforderungen der Einleitbedingungen in den naheliegenden Neckar erfüllt. Im ganzen Gebäude stellt ein Wasser-Management-System den Betrieb an allen Entnahmestellen sicher. Durch Regulierung der Durchflussmengen an den Armaturen und Duschköpfen wird der Trinkwasserverbrauch optimiert. Der Aufbau einer Ringleitung ermöglicht außerdem die Minimierung der Rohrdimensionen, weshalb weniger wertvolles Wasser im System benötigt wird.

Frischluft ohne Kohlendioxid
Die Be- und Entlüftung der Badehallen übernehmen zwei Lüftungsanlagen mit einer Gesamtluftmenge von rund 23.000 m³ pro Stunde. Außerdem sind mehrere Lüftungsgeräte in Keller-, Ober- und Dachgeschoss mit einer Gesamtluftmenge von ca. 42.000 m³ pro Stunde integriert. Da das Mineralwasser stark kohlensäurehaltig ist, gibt es zum Schutz der Badegäste zusätzlich zu den RLT-Anlagen für alle im Gebäude befindlichen Becken eine CO2-Absaugung. Die bereits erwärmte Luft aus der Umkleide wird außerdem in den Dusch- und WC-Bereich geleitet und somit mehrfach genutzt.

Intelligente Anlagensteuerung
Ein wichtiger Bestandteil der Gebäudetechnik ist die Automation, mit der alle technischen Anlagen geregelt, gesteuert, überwacht und optimiert werden können. Die Gebäudeautomation besteht aus drei Teilen: der Gebäudeleittechnik, dem Überwachungssystem sowie den Automationsstationen. Bedient und beobachtet wird die TGA von der zentralen Gebäudeleittechnik aus. Mittels der Automationsstationen werden die Wärmepumpen, das BHKW und die Gas-Brennwert-Wandgeräte energetisch sinnvoll angesteuert. Die Lüftungsanlagen werden in Abhängigkeit des Raumklimas und der Außenluftbedingungen geregelt. Per Web-Server ist der Fernzugriff möglich, wodurch die gesamte Gebäudeautomation des Mineralbads Berg im Prinzip von überall aus eingesehen werden kann. -tg

Bautafel

Architektur: 4a Architekten, Stuttgart
Projektbeteiligte: Landschaftsarchitekten Wiedemann und Schweizer, Stuttgart (Landschaftsplanung); Drees & Sommer, Stuttgart (Projeksteuerung); Ingenieursgesellschaft Prof. Kobus und Partner, Stuttgart (Entkoppelungsbauwerke); Schneck-Schaal-Braun Ingenieurgesellschaft Bauen, Tübingen (Tragwerksplanung); Krämer Evers Bauphysik, Stuttgart (Bauphysik); Ralf Kludt Dipl.-lng. (FH) Sachverständige & Ingenieure für vorbeugenden Brandschutz, Konstanz (Brandschutz); Planungsgruppe VA, Hannover (HLS); E. u. P. Schnell Beratende Ingenieure VDI, Stuttgart (Elektroplanung)
Bauherr/in: Bäderbetriebe Stuttgart
Fertigstellung: 2020
Standort: Am Schwanenplatz 9, 70190 Stuttgart
Bildnachweis: Uwe Ditz, Stuttgart; Der Raumjournalist Thomas Geuder, Stuttgart

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