Denkmalgerechte Sanierung und Erweiterung des Stadt-Bades in Gotha

Erhalt der historischen Fassaden durch Innendämmung

Gallerie

Volksbadeanstalten hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als dieser Gebäudetypus zahlreich entstand, noch eine Funktion und Bedeutung, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können: Sie dienten nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung sondern auch zur Hygiene der Bevölkerung. Der regelmäßige Besuch des Stadtbades ersetzte durchaus die eben nicht zum Standard gehörende heimische Badewanne.

Das 1909 nach Plänen des örtlichen Stadtbaurats Wilhelm Goette fertig gestellte Stadt-Bad im thüringischen Gotha erweckt denn auch nicht die leiseste Assoziation an die heute üblichen Freizeit- und Spaßbäder auf der grünen Wiese, sondern steht als würdevoll-strenger Bau mitten in der Stadt und bildet ein Ensemble mit einer gleichzeitig entstandenen Schule. Dem zweigeschossigen, im Mittelteil dreigeschossigen Baukörper entlang der Straße ist seine Funktion nicht anzusehen; er beherbergte die langen Raumfluchten der Dusch- und Wannenbäder und überkuppelte Saunabereiche. Erst dahinter, im Block verborgen, befindet sich quer dazu als breiter, abgelöster Mittelflügel mit Mansarddach die historische Schwimmhalle.

Als die Stadt Gotha 2007 einen Wettbewerb zum Umbau des denkmalgeschützten Ensembles auslobte, hatte dieses bereits gut zwei Jahrzehnte leer gestanden. Nach grundlegender Sanierung der Bestandsgebäude und baulicher Erweiterung wurde das Stadt-Bad 2014 wieder eröffnet. Die Planung hierfür stammt von den Berliner Architekten Andreas Veauthier und Nils Meyer. Die Erweiterungsbauten liegen in einer einfachen linearen Abfolge quer zur alten Halle hinter dem die Straße begleitenden Gebäudeflügel und schließen eingeschossig direkt an den Bestand an. Im Westen entstand ein geschlossener Baukörper für einen ergänzenden Saunabereich und im Osten eine neue Schwimmhalle mit wettkampfgerechtem 25-Meter-Sportbecken samt Sprungtürmen, einem Lehr- und einem Kinderschwimmbecken. Über den neuen Becken erheben sich zwei verglaste Kuben, die die niedrigeren, verbindenden Randbereiche leicht überragen und etwa bis zur Traufe der alten Halle reichen. So bilden Alt- und Neubau im Hauptgeschoss einen zusammenhängenden Innenraum und es bleibt dennoch der obere Teil der alten Fassaden unangetastet.

Immer noch ist die sanierte historische Schwimmhalle das imposante Zentrum des Stadt-Bades. Ihr Becken, das jetzt als Gesundheitsbad für ruhigere und Nichtschwimmeranwendungen genutzt wird, ist zwar nicht mehr das größte, aber der Raum, der es überwölbt, bleibt der beeindruckendste. Den Übergang zur neuen Schwimmhalle bildet eine breite Treppe mit Sitzstufen, die auch als Tribüne dienen. Im Gegensatz zum hohen Gewölbe der historischen Schwimmhalle mit umlaufender Galerie ist die räumliche Überhöhung der neuen Becken mit linear angeordneten Baffeln aus Akustikschaumstoff ausgefüllt.

Auch der große Gebäudetrakt an der Straße wurde saniert und bildet nach wie vor den Eingang des Stadt-Bades und den Übergang zu den dahinter liegenden Schwimmhallen. In seinem erhöhten Erdgeschoss befindet sich im wieder hergerichteten Oktogon der historische Saunabereich mit Kuppel und Nischen samt Ruheräumen und auf der anderen Seite ein Café. Im 1. Obergeschoss sind jetzt Räume für Therapieanwendungen untergebracht; hier gelangt man auch – aus der Eingangshalle kommend – zu dem Galerienumgang der alten Schwimmhalle. In den Räumen des Dachgeschosses befindet sich die Verwaltung. Sämtliche Duschen und Umkleiden liegen in den Untergeschossen der Alt- und Neubauten.

Bauphysik

Die denkmalpflegerische Zielsetzung bezog sich nicht nur auf den baulichen Erhalt des Bestandes, sondern auch auf seine weitere Nutzung und Integration in ein wirtschaftlich zu betreibendes Schwimmbad mit einem möglichst kompakten Gesamtvolumen. Der Altbau mit seinen Naturstein- und Putzfassaden wurde denkmalgerecht restauriert einschließlich Dachdeckung und Verblechung und seiner teilweise erhaltenen Innenausstattung mit Fliesen, Terrazzo, Metallkonstruktionen, Bleiverglasungen und Holzeinbauten. Sämtliche Fenster wurden nach historischem Vorbild neu angefertigt; in der Schwimmhalle ersetzte man die alten Holzfenster durch Aluminiumkonstruktionen mit aufgesetzten Sprossen, im Vorderhaus baute man die historischen Holzfenster nach.

Die Außenwände der Altbauten wurden nachträglich gedämmt, teilweise außen, größtenteils aber innen. Die Längsseiten der Schwimmhalle erhielten eine schlanke Außendämmung als Wärmedämmverbundsystem, alle anderen Fassaden – die Stirnseiten der Halle und das gesamte Vorderhaus – eine Innendämmung aus Schaumglas. Im Dachbereich wurde die Dämmung in den Sparrenzwischenräumen bzw. oberhalb der Decken und Gewölbe zu den ungeheizten Dachräumen eingebracht.

Die neue Halle ist eine Stahlbetonkonstruktion mit einem Dach aus Brettsperrholzelementen und einem darüber liegenden gedämmten Flachdachaufbau und Oberlichtern. Die Fassaden sind Pfosten-Riegel-Konstruktionen mit mattierter Dreifachverglasung, die Wand nach Norden in Richtung Schule ist aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen ausgebildet und mit einem Vollwärmeschutz gedämmt.

Die Wärmeversorgung des Schwimmbades erfolgt nach wie vor, nun aber nicht mehr ausschließlich durch den Bezug von Fernwärme. Es wurde eine geothermische Anlage mit neun Erdwärmebohrungen installiert, mit deren Hilfe jetzt das Beckenwasser erwärmt wird. Die Umkleiden, Duschen und Nebenräume werden durch die insgesamt acht installierten Lüftungsanlagen beheizt; sie sind als Umluft- bzw. Fortluftanlagen mit Kreuzstromwärmetauschern zur Wärmerückgewinnung ausgelegt. Die Reinigung des Badewassers leisten vier Aufbereitungsanlagen mit Ultrafiltrationsmembranen, die Desinfektion erledigen Chloreletrolyseanlagen durch Membranzellenelektrolyse.

Bautafel

Architekten: Veauthier Meyer Architekten, Berlin (Andreas Veauthier und Nils Meyer)
Planungsbeteiligte: Ingenieurbüro Möller + Meyer, Gotha (Technische Gebäudeausrüstung); Ingenieurbüro Heuchling, Gotha (Elektrotechnik); Leonhardt, Andrä und Partner, Erfurt (Tragwerksplanung und Bauphysik); DS-Plan, Stuttgart (Bauphysik); Matthias Wohlleben, Gotha (Brandschutz); Foamglas, Hilden (Innendämmung)
Bauherr: Stadt Gotha
Fertigstellung: 2014
Standort: Bohnstedtstraße 6, 99867 Gotha
Bildnachweis: Klemens Ortmeyer, Hannover

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