Mount Sinai Kyabirwa Surgical Facility in Jinja

Prototyp einer autark betriebenen Klinik

Chirurgische Behandlungen und Therapien sind eine wesentliche Aufgabe der Medizin – in den USA werden knapp 65% dieser Operationen mittlerweile ambulant ausgeführt. Was dort und in Europa wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, zeigt sich in großen Teilen der Welt ganz anders: Rund fünf Milliarden Menschen weltweit fehlt der Zugang zu adäquaten, sicheren und bezahlbaren chirurgischen Operationsmöglichkeiten. In der Kosequenz kommt es zu vielen Millionen Todesfällen, die durch ein Minimum an chirurgischer Infrastruktur hätten vermieden werden können.

Gallerie

Das New Yorker Kliniknetzwerk Mount Sinai Health System hält nichts von dem Argument, entsprechende chirurgische Einrichtungen seien zu teuer und zu aufwändig für ländliche, ressourcenarme Regionen. Ziel ist eine medizinische Grundversorgung durch Einrichtungen, die unabhängig, selbsttragend und weder teuer noch kompliziert im Aufbau sind. Sie sollten über Infrastruktur für sauberes Trinkwasser und Strom wie auch eine Abwasserentsorgung verfügen und zugleich einen wichtigen Baustein innerhalb der dörflichen Gemeinschaft darstellen. Die fundierte Ausbildung von Pflegepersonal sollte ebenso möglich sein wie chirurgische Beratung durch Videokonferenzen mit dem renommierten Mount Sinai Hospital in New York.

Autarkie, Einfachheit und lokales Baumaterial
Gemeinsam mit Kliment Halsband Architects aus New York entstand der Prototyp für eine versorgungstechnisch autarke, ambulante chirurgische Operationseinrichtung in Uganda. Sie steht in unmittelbarer Nähe der Kirche und der Schule von Kyabirwa, einem Dorf nordwestlich von Jinja. Mit ihrem kostengünstigen, unkomplizierten Aufbau soll sie auf andere ressourcenarme Regionen transferierbar sein. Der Einsatz lokaler Baumaterialien spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Einfachheit der Gebäudestruktur und Baukonstruktion, denn nur so ist die Errichtung auch mit ungeschulten Arbeitskräften vor Ort möglich.

Der Eingang wird zum Dorfplatz
Die Struktur des eingeschossigen Klinikgebäudes folgt den Arbeitsabläufen der medizinischen Behandlungen. Ein zur Stirnseite offenes Atrium bildet den Eingang, gleich einem Dorfplatz mit überdachtem Umgang, der vor Sonne und Regen schützt. Diesen Platz flankieren die Patientenaufnahme, die Büros der Klinikverwaltung, Untersuchungszimmer und Röntgenräume. Er führt zu einem Zwischenbau mit Vorbereitungs- und Erholungsraum, während die Operationssäle mittig im hinteren Gebäudeteil angeordnet sind. Beidseitig zu diesen befinden sich Material- und Reinigungsräume sowie eine Energiezentrale mit Speicherstationen für den eigenproduzierten Strom der Photovoltaikanlage.

Für einen ungestörten Operationsbetrieb ist eine durchgängige Stromversorgung enorm wichtig – dafür sorgen Blei-Lithium Hybrid-Batteriespeicher und ein Notfallgenerator. Alleine durch das Speichervermögen der Batterien kann der Operationssaal bis zu zwei Tage ununterbrochen betrieben werden, bevor bei einem Defekt der Solaranlage auf den Generator zurückgegriffen werden muss. Regenwasser wird in Zisternen gespeichert und z.B. für die Toilettenspülung verwendet. Zentraler Baustein des autarken Konzeptes ist auch, dass Lebensmittel zur Versorgung von Personal und Patienten in unmittelbarer Nähe angebaut werden – die Klinik verfügt über eigenes Ackerland zum Gemüse- und Obstanbau.

Wände aus Ton regulieren Temperatur und Feuchte
Ein in Uganda traditionelles, lokal verfügbares Baumaterial ist Ton, der für die Errichtung des Gebäudes in direkter Umgebung gewonnen und vor Ort zu Mauersteinen geformt bzw. zu Platten als Wandbekleidung (s. Abb. 15) weiterverarbeitet wurde. Das Material hat wertvolle bauphysikalische Eigenschaften: Ein hohes thermisches Isolations- und Speichervermögen schützt tagsüber vor Wärme und nachts vor Kälte. Die Wärme, die Tagesverlauf gespeichert wird, wird nachts gleichmäßig wieder abgegeben und reduziert Temperaturschwankungen im Inneren. Ebenso reguliert Ton durch seine hygroskopischen Eigenschaften die Luftfeuchte.

Durch die klimatischen Bedingungen Ugandas am Äquator waren der Schutz vor Feuchte durch Niederschlag und vor massiver Sonneneinstrahlung zu lösen. Inspiration fanden die Architekten in der lokalen Natur: den Bananenpflanzen (Abb. 20). Ähnlich wie diese geformt, bieten die Sonnenkollektoren hoch über den geneigten Dächern aus Beton Schatten (Abb. 18) und verhindern eine übermäßige Aufheizung des Gebäudes (Abb. 19).

Luftdurchlässige Ziegel sorgen für konstante Querlüftung
Mechanische Lüftungsanlagen waren keine Option, auch hier adaptierte man lokale bzw. traditionelle Konzepte: Ein Teil der Wandziegel wurde mit Öffnungen hergestellt. Diese luftdurchlässigen Ziegel sorgen mit ihrer Platzierung in den oberen Wandbereichen für konstante Querlüftung. So verbanden die Architekten traditionelle Prinzipien (Ton als Baumaterial, konstruktiver Witterungsschutz, natürliche Lüftung) mit modernen, bewährten Technologien (Photovoltaik). Sie schufen lokale Identität und vereinten „the best of both worlds“, um eine autarke, kostengünstige medizinische Infrastruktur zu realisieren.

Bautafel

Architekten: Kliment Halsband Architects, New York
Projektbeteiligte: Silman, New York (Ingenieurplanung); Keltron Development Services, Kampala, Uganda (Technische Infrastruktur)
Bauherr: Mount Sinai Health System, New York
Fertigstellung: 2019
Standort: Plot 668, Block 4, Kyabirwa, Jinja, Uganda
Bildnachweis: Bob Ditty, Jinja, Uganda; Will Boase, Kampala, Uganda

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