Haus des Landtags in Stuttgart

Denkmalgerechte Sanierung und Tageslicht für den Plenarsaal

Gallerie

Als erster Parlamentsneubau in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist das Landtagsgebäude von Baden-Württemberg in Stuttgart ein markantes Beispiel deutscher Nachkriegsarchitektur und eines der wichtigsten Baudenkmäler des Bundeslandes. Die großflächig verglaste Fassade, das klare Konzept mit einer teilweise offenen Raumstruktur und die moderne Formensprache stehen exemplarisch für die damals junge Demokratie. Errichtet wurde das Haus des Landtags zwischen 1959 und 1961 von der Landesbauverwaltung unter Leitung von Horst Linde und Erwin Heinle, die dafür einen Entwurf von Kurt Viertel überarbeiteten. Gemeinsam mit dem Neuen Schloss, dem Schauspiel- und Opernhaus sowie dem Kunstgebäude bildet es im Oberen Schlossgarten ein Ensemble von hoher Aufenthaltsqualität. Der geradlinige Flachbau mit rechteckigem Grundriss ist im Erdgeschoss allseitig eingerückt und weitgehend verglast. Der obere Teil, dessen zwei Etagen mit dem Plenarsaal im Kern formal durch eine Bronzeverkleidung und getönte Verglasungen zusammengefasst sind, erhält eine schwebende Wirkung.

Nach fünf Jahrzehnten intensiver Nutzung war eine grundlegende Sanierung und Modernisierung erforderlich. Im Rahmen eines von der Staatlichen Vermögens- und Hochbauverwaltung Baden-Württemberg durchgeführten Auswahlverfahrens mit fünf teilnehmenden Architekturbüros überzeugten Staab Architekten aus Berlin mit einem Konzept, bei dem das äußere Erscheinungsbild des Landtags an vier Seiten gewahrt bleibt. Das Dach allerdings wandeln sie durch große und kleine kreisrunde Öffnungen zur fünften Fassade. Ein ausgefeiltes Tageslichtsystem führt direktes und diffuses natürliches Licht in den Plenarsaal. Die Abgeordneten erhalten Sichtbezüge in den Himmel und die Bewohner der bewegten Topografie rund um das Stadtzentrum einen neuen Blickfang.

Als neuneckiges, holzverkleidetes Volumen bildet der Plenarsaal zentral auf den oberen Etagen ein Gegengewicht zum orthogonalen Raster mit dem weiträumigen Foyer. Um noch mehr Transparenz zu erzielen, wurde er durch den Einbau vier großer Fenster zum verglasten Foyer und damit zum Schlossgarten im Nordwesten geöffnet. Auch wenn damit in das Spannungsfeld offener und geschlossener Zonen eingegriffen wurde – die sogenannte Wandelhalle samt Flure in Bezug zum einst vollständig umschlossenen Plenarsaal – verträgt dessen kraftvolle Geometrie die Wandöffnungen, deren Brüstungs- und Sturzbereiche erhalten blieben. Ein neuer Aufzug ermöglicht die barrierefreie Erschließung und verbindet ein Bürger- und Medienzentrum im Untergeschoss mit den übrigen Etagen.

Bauphysik/Sanierungsmaßnahmen
Ziel der Sanierungsmaßnahmen war neben der Reduzierung des Energieverbrauchs die Berücksichtigung von Anforderungen des Brandschutzes, der Barrierefreiheit, der Lichttechnik und Raumakustik, der Haus- und Sicherheitstechnik. Um den Primärenergiebedarf um letztlich rund 40 Prozent zu reduzieren, waren Maßnahmen an Boden, Dach und Fassade sowie eine Erneuerung der Gebäudetechnik notwendig. Ein grundlegender Eingriff in die Fassadenstruktur schied für die Architekten und die Denkmalschutzbehörde jedoch aus.

In den Büroräumen der Obergeschosse ließ sich durch den Einbau einer zusätzlichen innen liegenden Verglasung der Wärme- und Schallschutz deutlich verbessern. Im Fassadenzwischenraum schützt eine Jalousie vor sommerlicher Überhitzung. Für das Dach war lediglich vorgegeben, dass dessen Aufbauten „nicht wesentlich“ aus dem Bestand herausragen dürften. Die Planer ersetzten eine geschlossene Holzlamellendecke über dem Plenarsaal durch eine Tageslichtdecke aus satinierten Kunststoffpaneelen. Auf dem Dach sorgen 12 große, kreisrunde Oberlichter mit einem Durchmesser von 2,60 m und 36 kleine mit 80 cm Durchmesser für einen spürbaren Eintrag von Tageslicht sowie direkten Außenbezug. Eine elektrochrome Verglasung reduziert das einfallende Tageslicht und den damit verbundenen Wärmeeintrag bei übermäßigem Lichteinfall. Durch Kunststoffröhren – bei den kleinen Oberlichtern als kurze Zylinder und bei den großen als lange, sich nach unten verjüngende Kegelstümpfe ausgeführt – wird das Tageslicht nach unten transportiert. Die kurzen Zylinder sind mit hochreflektiver Folie ausgekleidet und enden rund 50 cm über der transluzenten Decke, die für eine blendfreie und annähernd gleichmäßige Verteilung im Raum sorgt. Die konischen Röhren münden in der Lichtdecke und sind dort mit Klarglas abgeschlossen. Als leuchtende Volumen verleihen sie dem oberen Raumabschluss Lebendigkeit und Tiefe; zudem erlauben sie Ausblicke in den Himmel. Durch die konische Form wird die Deckenstärke optisch verkürzt, so dass Himmel und Lichtdecke nah beieinander scheinen. Bei Bedarf können LED-Lampen innerhalb der Lichtdecke zugeschaltet werden.

Im Zuge der Dachsanierung erwies sich die vorhandene Dämmung aus Schaumglas auch nach über 50 Jahren in einem guten Zustand; nur punktuell war eine Ausbesserung erforderlich. Sie wurde zur Verbesserung des Dämmwerts mit einer 20 cm starken Lage gleichen Materials aufgedoppelt. Schaumglas ist leicht und stabil, aufgrund seiner geschlossenen Zellen außerdem wasser- und dampfdicht. Es dämmt dauerhaft und ist nichtbrennbar. Die Abdichtung darüber ist zweilagig ausgeführt: Eine Lage Heißbitumen wurde im Gießverfahren aufgebracht, eine Elastomerbitumenbahn als obere Abdichtungsebene verschweißt. Die Zu- und Abluftöffnungen verbergen sich unter aufgeständerten Lochblechen, die mit den Oberlichtern auf einer Ebene abschließen. Damit entsteht der Eindruck einer homogenen Dachfläche mit unregelmäßig eingestreuten Öffnungen.

Bautafel

Architekten: Staab Architekten, Berlin
Projektbeteiligte:
Ernst2-Architekten, Stuttgart (Bauleitung, SiGeKo); Leonhardt, Andrä und Partner, Stuttgart (Tragwerksplanung); Henke und Partner, Stuttgart (Geologie und Altlasten); Drees & Sommer Advanced Building Technologies, Stuttgart (HLSK-Planung, Gebäudeautomation); Müller & Bleher, Filderstadt (Elektroplanung); Bauphysik 5, Backnang (Bauphysik); Heidelberg Ingenieure & Sachverständige, Leinfelden-Echterdingen und 5 plus ingenieurgesellschaft für brandschutz, Balingen (Brandschutz); Licht Kunst Licht, Bonn/Berlin (Lichtplanung); Foamglas, Hilden (Schaumglasdämmung)
Bauherr:
Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Stuttgart
Fertigstellung:
2016
Standort:
Konrad-Adenauer-Str. 3, 70173 Stuttgart
Bildnachweis: Marcus Ebener, Staab Architekten

Baunetz Architekten

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