Materialexperimente mit recycelbaren Rohstoffen
Das Planungsbüro Ro&Ad Architecten
Die beiden niederländischen Architekten Ro Koster und Ad Kil sagen über sich selbst, dass sie selten einfach geradeaus denken, sondern - stattdessen - viele Dinge richtig tun wollen. Der gemeinsame Nenner ihrer Entwürfe ist das Thema Nachhaltigkeit, dem sie sich schon früh verschrieben. Einen besonderen Einfluss auf diese Entwürfe übte die „Cradle to Cradle“-Philosophie aus. Sie stützt sich auf den Grundgedanken, dass der geschlossene Stoffkreislauf in der Natur zum Vorbild für den Menschen und dessen künstlich hergestellte Produkte werden müsse. Der Abfall, der entstehe, müsse als Nahrung wiederverwertet werden, z. B. durch „Rückbau“ statt Abriss eines alten Gebäudes und die Verwendung der vorgefundenen Baumaterialien an einer anderen Stelle. Auf diese Weise könne sogar eine Wertsteigerung stattfinden.
Ganz dieser Philosophie verpflichtet, kreierten die beiden Planer im Jahr 2005 ein Bürointerieur, mit dem sie überregionale Aufmerksamkeit erlangten. Arbeitstische, Regale und Trennwände eines Grafikbüros in Eindhoven bestehen komplett aus Karton-Waben-Platten mit einer Dicke von ein bis zwölf Zentimetern. Mit dem billigen, kurzlebigen und recycelfähigen Material entstand eine außergewöhnliche und gleichzeitig sehr atmosphärische Bürowelt, die den Anforderungen des Auftraggebers nach einem temporären Büro erfüllte, das mit einem kleinen Budget ermöglicht werden konnte (Abbildung 1-4).
Ro&Ad Architecten deuten Materialien jedoch nicht nur um, sondern erfinden sie auch neu. So entwickelten sie einen Verbundwerkstoff aus Bambusfasern, mit dem sie einen Sarg entwarfen, der sowohl sehr ästhetisch wirkt und zugleich dem Wunsch nach dem rückstandsfreien Verrotten unter der Erde nachkommt (Abbildung 5).
Derzeit arbeitet das Büro an dem Entwurf für ein Schulungszentrum der Fluglinie Qatar Airways, das komplett aus Naturmaterialien bestehen soll: Die Schulungsräume im Inneren werden in Lehmbauweise errichtet, eine Gitterschale aus Holz trägt das begrünte Dach. Formal orientieren sich die Planer an einem vogelähnlichen Körper (Abbildungen 6-7). Auch für die Zukunft haben Koster und Kil Großes vor: In einem Forschungsprojekt untersuchen sie die Möglichkeit einer Konstruktion eines biologisch abbaubaren Hochhauses mit einer Höhe von 150 Metern.
Bildnachweis: Ro&Ad Architecten, Bergen op Zoom/NL
