Messenachbericht Cersaie 2015

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Mischen, kombinieren und Neukompositionen von Formen, Farben und Strukturen

Wie jedes Jahr im Herbst traf sich auch 2015 die Keramikbranche zur internationalen Fliesenfachmesse Cersaie in Bologna. Unser Autor Michael Spohr war vor Ort und berichtet nachfolgend über Trends und neue Produkte.

Die augenfälligsten Trends kamen diesmal aus Mailand. Die Material-Mix-Kompositionen etwa, die im Frühjahr auf der Möbelmesse Salone del Mobile vorherrschten, veranlassten auch die Fliesen- und Sanitärkeramik-Hersteller, ihre Oberflächen zu mixen und zu matchen. Geht es nach den Vorstellungen der Produktdesigner sollen insbesondere Holz- und Marmoroptiken miteinander verknüpft werden: Entweder Holzanmutungen in Dielenform am Boden und möglichst großflächige Marmorrepliken an den Wänden oder beide Oberflächentexturen in einer Fliese vereint. Vergleichbares findet sich bei den Badezimmer-Ausstattungen, die neben den keramischen Fliesen den zweiten Ausstellungsschwerpunkt der Cersaie bildeten.

Der Mosaikhersteller Bisazza beispielsweise, der schon im letzten Jahr durch spektakuläre Materialzusammenstellungen aufgefallen war, stellte unter anderem Keramikwaschbecken mit Holzuntergestell und Holzeinlagen vor. Für Boden und Wand zeigten Messestand-Überschriften wie „Mixmatch“ bei Fioranese oder „Mix Surfaces“ bei Impronta, dass die Fliesenhersteller zu Kombinationen aufgelegt sind. Und selbst einer der immer zahlreicher vertretenen Holzanbieter, das italienische Unternehmen Garbelotto, präsentierte Kreationen aus Parkett mit Keramikeinlegern.

Der zweite Trend aus Mailand rührt von der Expo 2015 her, dessen Thema „Feeding the planet, energy for life” sich auf etlichen „Tiles and Food”-Messeständen in Bologna wiederfand. Ein Beispiel hierfür: der Messestand von CIR aus der italienischen Serenissima-Gruppe, auf dem mit mehreren nachgestellten Lebensmittelläden die „Back-Steinzeit” eingeläutet wurde – mit diversen Wand- und Bodenfliesen in der Optik von handgebrannten Backsteinen.

Riesenformate und kein Ende

Schwieriger als gedacht scheint sich die Herstellung der dünnen XXL-Feinsteinzeugfliesen zu gestalten. Die bereits im letzten Jahr von namhaften Herstellern wie die Florim-Gruppe, mit ihren Marken Casa dolce Casa, Floorgres, Rex und Cerim, vollmundig angekündigten Riesenformate von bis zu 3,20 x 1,60 m Größe sind bislang noch nicht erhältlich. Da der Gemeinschaftsstand der Gruppe dennoch auch in diesem Jahr das ausschließliche Thema Magnum-Formate hatte, darf mit der Markteinführung in Kürze gerechnet werden.

Die Norddeutsche Steingut, die für die Steuler Fliesen-Gruppe in Bremerhaven in diesem Jahr das derzeit fortschrittlichste Feinsteinzeugwerk Deutschlands in Betrieb genommen hat, ist bereits einen Schritt weiter, stellt vorerst indes maximal 120 x 120 cm (Nordceram Tecno Stone) und 25 x 150 cm (Steuler Patchwood) große Fliesen in 9 mm Stärke her, obgleich die Produktionsanlage (Sacmi Continua+) zu größeren Formaten ohne weiteres in der Lage wäre. Die neue Anlage könne bei voller Auslastung 14.000 Quadratmeter Fliesen pro Tag produzieren und damit zwei Ofenlinien füllen. „Heutzutage begrenzen die Öfen die Kapazität eines Werkes”, so der Vertriebsleiter.

Erfinder der Continua-Fertigungstechnologie, die dem Markt dünne keramische Großplatten in bis zu 160 cm Breite sowie theoretisch unbegrenzter Länge beschert hat, war der italienische Anlagenbauer Sacmi, der als neuesten Entwicklungsschritt die sogenannte Continua+-Technologie folgen ließ, mit der variable Fliesenstärken zwischen 6 und 20 mm Stärke möglich sind. Werke, die über eine derartige Großplatten-Endlosfertigung verfügen, präsentierten in Bologna stolz ihre gigantischen Neukreationen. Nach der Fiandre-/Iris-Gruppe, The Size, Inalco, der Florim-Gruppe, der Nordceram, RAK und Fondovalle waren dies insbesondere der spanische Anbieter Peronda mit 3,00 x 1,50 m großen und 6 mm dünnen Platten sowie AVA, die Luxusmarke der italienischen Dafin-Gruppe mit 3,20 x 1,60 m großen Platten in ebenfalls 6 mm Stärke. Bei Ava legte man allerdings zusätzlich ein neues Dekorprogramm speziell für die Großplatten auf – mittels Wasserabrasivstrahl aufgeschnittene und rückseitig aufeinander geklebte Platten mit geometrischen Rastern, die als dann 13 mm starke Paravents oder feststehende Raumteiler im Format 235,5 x 115 cm eingesetzt werden können. Außerdem ergänzte man bei Ava das Keramik-Portfolio erstmals um eine Tapetenkollektion für die Wandgestaltung, passend zu den jeweiligen Bodenfliesen.

An dieser Stelle sei am Rande erwähnt, dass sich ein Messestand mit besonders gewaltigem Besucherandrang als der des einzigen vertretenen Tapetenherstellers Wall & Decò entpuppte – unter anderem mit einer Tapete für Nasszonen und einer anderen für den Außeneinsatz.

Was die Riesenformate angeht, wird die Billigkonkurrenz aus Fernost nicht mehr lange auf sich warten lassen. Als erste Speerspitze betrat schon das indische Unternehmen Qutone die europäische Bühne mit bereits überraschend westlich orientierten Labormustern der im Entstehen begriffenen indischen Sacmi-Continua-Produktionsanlage – angetrieben von zwei Inkjet-Drucksystemen des deutschen Herstellers Durst, dem führender Hersteller digitaler Druckmaschinen für die Dekoration von keramischen Oberflächen. Die Platzhirsche sind also gefordert, ihren Pioniernutzen mit Weiterentwicklungen abzusichern.

Bestes Beispiel dafür, dass sie dies tun ist die italienische Fondovalle, die sich eine Selbstbeschränkung auf das leichter zu transportierende und zu verlegende Maximalformat 240 x 120 cm auferlegt hat, dafür aber enorm innovationsfreudig auftrat und zugleich bei ihren Neuentwicklungen den auf Märkten wie Deutschland herrschenden technischen Anforderungen Rechnung getragen hat: Sämtliche neuen Großplatten besitzen die Rutschhemmklasse R 10, die weitaus meisten dazu die Barfuß-Klassifikation B (nur die Metalloptiken sind bei A eingestuft), was für die Produkte die Eintrittskarte in den heiß umkämpften deutschen Objektmarkt bedeuten könnte, wo Rutschhemmungs-Zertifikate unerlässlich sind.

Zudem bediente Fondovalle die beiden eingangs erwähnten Mailänder Trends: In punkto Nahrungsmittel-Produktion hatte sich auch das italienische Familienunternehmen für die Kunst des Brotbackens entschieden und je eine Farbe der neuen Metall- sowie Betonoberflächen Acidic und Simplicity in einer Backstuben-Stand kombiniert. Nach den Worten von Inhaberin Lidia Baraldi wurden sämtliche neuen Serien nach dem Mixmatch-Prinzip entwickelt, so auch die Marmor- und Holznachbildungen. Beim Holz orientierte man sich an uralten Bäumen aus dem Ural und kaufte für die Farb-, Textur- und Strukturentwicklung 5,00 m lange Originalbohlen in 120 cm Breite. „In Italien liegt der Anteil der Holzoptik-Fliesen bei 30 Prozent“ begründet Lidia Baraldi die Auflage der 6,5 mm dünnen vierfarbigen Holzfliesen-Serie Komi in Formaten bis zu 40 x 240 cm. Und im Beiprogramm von Infinito 2.0, der neuen Marmorimitation, gibt es sogar dekorative Holz- und Marmoroptik-Mosaike.

Ebenfalls bei 2,40 m enden die neue kontemporäre Light & Ice Kollektion (in 6 mm Stärke) von DSG, der Feinsteinzeug-Division des italienischen Anbieters Decoratori Bassanesi sowie die neue Slate Recall Kollektion Wide von Refin. Die Serie, die an Schiefer erinnern soll, aber den monochromen Schiefereindruck mit Flecken, Marmoreffekten und kleineren Kratzern durchbricht, wird nicht auf einer Continua-Anlage gefertigt und ist selbst im Format 240 x 120 mm 9 mm stark und daher mit gut 75 kg pro Platte ein echtes Schwergewicht für eine Keramikfliese.

Als erstes hatte vor mittlerweile vier Jahren Graniti Fiandre die nur 6 mm starken und 3,00 x 1,50 m Größe erreichenden Maximum-Platten in den Markt eingeführt. Neueste Innovationen im Rahmen der Materialentwicklung bildeten in diesem Jahr Sapien Stone, ein mit biegefähiger Leichtzementunterlage wie mit einer zweiten Haut ausgestattetes Großplatten-Upgrade sowie neue Marmorinterpretationen, bei denen Maserung und Aderung sich in der Breite über vier Platten fortsetzen, sodass entsprechende Wandabwicklungen mit einem durchgängigen Bild möglich werden. Außerdem ist es dem Unternehmen gelungen, seine antibakterielle – auf Photokatalyse basierende – Active-Oberflächenbeschichtung mittels Digitaltechnologie auch auf die dünnen Großplatten aufzubringen. Hoch interessant ist zudem das neue Aqua-Maximum Programm von Fiandre mit einer eigenen Waschtisch- und Duschanwendungs-Linie in Massivoptik, für die sämtliche dünnen Maximum-Platten des Unternehmens ausgewählt werden können. Das Format 3,20 x 1,60 m steht bei der Firma wie bei zwei weiteren Unternehmen der Gruppe, FMG und Ariostea, neuerdings ebenfalls als Option zur Verfügung. Neu hier außerdem: eine 6 mm dünne Holzfliesenimitatserie im Format 180 x 21,5 cm.

Neolith, die Großplatten-Marke des spanischen Unternehmens The Size, überraschte am Cersaie-Messestand mit total durchgefärbtem 12 mm-Material in 3,20 x 1,50 m Größe sowie einem ersten Prototypen einer 20 mm starken Küchenarbeitsplatte. Hier geht es in erster Linie um die Marktdurchdringung bei Fassaden, Küchenarbeits- und Waschtischplatten. Ebenso wie bei der von Breton gegründeten italienischen Lapitec; dort gehört die Stärke von 20 mm im Format 3,365 x 1,50 m seit Langem zum Standard. Und Lapitec wirbt ebenfalls damit, dass Oberflächenmuster sich durch das gesamte Material hindurch fortführen, damit massive Kantenausführungen sowie Ausschnitte aussehen wie bei Naturstein. Kein Wunder also, dass sowohl Neolith als auch Lapitec neben ihrer Cersaie-Präsenz mit Messeständen auf der parallel stattfindenden Natursteinmesse Marmomacc in Verona ausstellten.

Gar nicht auf der Cersaie, sondern nur auf der Marmomacc vertreten war das vom italienischen Anlagenhersteller System gegründete Unternehmen Laminam; in diesem Bericht verdient es jedoch ob einer besonderen Innovation Erwähnung: 12 mm starke und 3,20 x 1,60 m messende Porzellankeramik-Platten, die in Deutschland exklusiv über die Firma Rossittis vertrieben werden sollen.

Unter 120 Zentimeter ist klein
Auch bei den normal starken Fliesen hält der Trend zu immer größeren Formaten unverändert an. Wer keine außergewöhnliche Nische besetzt – wie etwa die handgefertigten Stein-Glas-Keramik-Kompositionen von Cottoveneto – muss heutzutage mindestens eine Serie mit der Kantenlänge 120 cm im Programm haben, um mithalten zu können.

Ein aussagekräftiges Beispiel hierfür gibt der Hersteller Nuovocorso ab – mit folgenden Neuheiten in diesem Jahr: 20 x 180 cm (10 mm) Holzoptik Shelby in sechs Farben, 60 x 180 cm (10 mm) Travertinoptik Trek in vier Farbtönen, 120 x 120 cm (12 mm) Steinoptik Oxena in sechs Farben, 120 x 120 cm (12 mm) Betonanmutung Trendy in fünf Farben, 120 x 120 cm (12 mm) Serie Wet im Aussehen eines nassen Zements in drei Farben, 120 x 120 cm (12 mm) Betonwerkstein-Optik Loft in drei Farben, 120 x 120 cm (12 mm) Multicolorschiefer-Optik Shade in zwei Farbstellungen sowie 120 x 120 cm (12 mm) Marmoroptik Oxena ebenfalls in zwei Farbstellungen.

Aber auch andere Hersteller wie etwa Leonardo von der italienischen Cooperativa Ceramica d’Imola erweiterten ihr Portfolio um die Kantenlänge 180 cm (Holzserie 3Wood) und präsentierten Materialien in 120 x 120 cm (Serie Update), einem Format, das ursprünglich einmal Differenzierungsmerkmal von Gigacer war, für dessen Name zu dem Zeitpunkt noch nomen est omen galt.

Rückkehr des Stein-Zeitalters
Hinsichtlich der Oberflächengestaltung beherrschten in diesem Jahr Naturstein-Interpretationen das Bild, während sich die in den letzten Jahren extrem boomenden Holzoptiken sowie Sichtbeton- und Cotto-Anmutungen nicht noch stärker ausbreiteten. Insbesondere der weiterhin rasant verlaufenden Entwicklung der Digitaldruck-Techniken ist es zu verdanken, dass jeder x-beliebige Naturstein inklusive seiner typischen Maserungen und Adern perfekt nachgestellt werden kann. Und wegen der aktuell guten Nachfragesituation – Verluste auf dem russischen Markt konnten durchweg in anderen Wachstumsmärkten wie Nordamerika, Australien, Frankreich, Belgien und auch Deutschland mehr als ausgeglichen werden – haben auch viele italienische und selbst spanische Unternehmen in moderne Digitaldruck-Anlagen investiert.

Den südeuropäischen Herstellern haben es besonders die weichen und teuren Marmorgesteine angetan, die sie als Fliese imitieren. Beispiele hierfür waren Atlas Concorde mit der Kollektion Marvel sowie Fap mit der Kollektion Roma, wobei die vorherrschende Farbe Braun war. Zu sehen waren darüber hinaus bei gleich mehreren Anbietern – neben den klassischen weißen und schwarzen Marmoren Carrara, Thassos, Calacatta, Statuario, Nero Marquina und Fossil Black – Fliesen im Aussehen des grauen iranischen Marmors mit weißen Adern Pietra Grey.

Außer den perfekten Marmor-Repliken überzeugten 2015 besonders Travertin-Nachbildungen in Farbstellungen von nahezu weiß über gelblich bis braun. Coem, seit Jahren einer der Vorreiter in Sachen Naturstein-Interpretationen stellte die neue Travertin-Fliesenserie Reverso mit einer hybriden Oberfläche aus der weniger stark texturierten Rückseite des Natursteins sowie einer Betonoptik vor; der typische Travertin-Look verblasst dabei und wirkt wie mit einem feinen weißen Pulver bedeckt. Auch bei Coem sowie der Schwesterfirma Fioranese lautete ansonsten das Motto: Mischen, kombinieren und Neukomposition von Formen und Strukturen.

Zwei weitere erwähnenswerte Travertin-Fliesenreproduktionen wussten zu gefallen: Zum einen die Serie Orobianco von Lafaenza, die dank ungewöhnlicher Vorbilder, die in kleinen, nahezu unbekannten Brüchen aufgefunden wurden, in überraschenden Farbtönen von weißem Oniciato-Travertin, über grau und erdfarben bis zu Luce di Siena-Havanna und dunklem Mokka-Braun angeboten wird. Zum anderen fiel die die neue Tagina-Serie Travertini ins Auge – in ihren vier Farbstellungen mit einer akuraten Nachbildung der kalkhaltigen Gesteinsvenen und dennoch modernem Charme.

Erwähnenswert sind zudem erfrischende Fantasiedekore wie etwa die neue Lea-Kollektion Cliffstone, eine Interpretation von nicht existierendem Felsgestein oder die Agrob Buchtal-Neuheit Quarzit mit einem breiten Angebot an Farben und Formaten sowie den Trittsicherheits-Einstufungen R10/A plus R11/B. Dies gestattet deutschen Planern eine einheitliche Gestaltung von unterschiedlichen Raumzonen in nahezu jedem gewerblichen Anwendungsfall bis hin zur bodengleichen Dusche. Projektspezifisch ist zudem sogar eine Oberfläche zu bekommen, die in Barfußgruppe C eingestuft ist. Aufgrund des Zusatzes von Glasgranalien erreichen die Fliesen nach Angaben des Herstellers eine unvergleichliche Härte von 8-9 Mohs.

Wer noch neue Holztexturen oder Betonstrukturen präsentierte, tat dies massiv. Für die Distanzprofilierung in einem längst verteilten Markt bedarf es schon besonders grober Strukturen, heftiger Abnutzungsspuren und/oder auffälliger Farbstellungen. Holzoptik-Beispiele hierfür: Die an französisches Fischgrät oder Parkettböden erinnernden Fliesen der Nostalgieserie Chevron im Format 37,5 x 150 cm von Refin in einem warmen Holzton sowie einem kühlen fast-Weiß und die künstlich gealterten rustikalen „Hölzer” der Serie Dolphin von ABK im Dielenformat 20 x 170 cm. Eine Vintageserie in Betonanmutung zeigte beispielsweise Villeroy & Boch mit Cosmo Vision. Zu den 120 cm langen Fliesen in vier verschiedenen Breiten, die einem Beton mit grober Schalenstruktur nachempfunden sind, gesellen sich Dekore, die die Schalenbeton-Idee mit Holzbasis fortführen sowie Holz- und Betonoptiken direkt miteinander kombinieren.

Linien- und rillenförmige Wandreliefs
Im Wandfliesensegment fielen insbesondere dreidimensionale Rillen- und Linienstrukturen zur Oberflächengestaltung auf. So gewann etwa die Wandfliesenserie Materika mit unregelmäßig verlaufender Linienführung von Marazzi die diesjährige zweite Ausgabe des ADI Ceramics Design Award (ADI = italienischer Fachverband für Industriedesign) für besonders innovative Produkte.

Als absolute Neuheit feierte die italienische Fap ihre Einführung einer weißscherbigen Wandverkleidung im Format 50 x 110 cm – natürlich reliefartig mit Rillen angelegt. Zusätzlich zu der Line genannten 3-D-Struktur gibt es mit Diamante eine weitere. Ähnlich verfährt Tagina mit seinen diamant- und rillenförmigen Wandfliesen der bereits 2014 als Preview vorgestellten und jetzt fertigen DeTails-Serie. Hier ebenso wie bei der neuen Wandfliesenserie Spa von Ascot stachen matt schimmernde Metalloptiken mit dreidimensionalen Strukturen heraus. Bei Tagina kam in der Travertini Serie noch eine – gerade bei diesem Material sehr authentisch aussehende – wie scharriert wirkende plastische Oberflächenvariante hinzu. Die italienische ABK führte zudem speziell für Wandfliesen ein neues Wall & Porcelain genanntes poröseres Material ein, das nach Herstellerangaben bei nur 7 mm Stärke absolut eben ausfallen soll. Mit Do Up stellte ABK eine erste umfangreiche Serie daraus vor, die unter anderem in Maueroptik erscheint.

Ausgedient hat hingegen die barocke Opulenz bei Wandfliesen vergangener Jahre – mutmaßlich unter anderem wegen dem enorm rückläufigen russischen Markt. Stattdessen hält bei immer mehr Herstellern der raue Stil alter Industrieanlagen Einzug – mit Fliesen in Form und Farbe handgemachter alter Ziegel oder wie unverputzt gemauert wirkender Wände. Die Vintage-Serie Bricklane von Coem beispielsweise vermittelt mit einer Vielfalt an Strukturen und ihren verwässerten, staubigen Farben – verbunden mit der Ästhetik des Retrostils – den speziellen Reiz eines Ziegelbodens.

Zu guter Letzt
Nicht weiter verwunderlich war der weitere Ausbau zahlreicher Terrassenfliesen-Serien in zumeist 2 cm Stärke; mit der Stoßrichtung Garten- und Landschaftsbau, tragen diese Produkte nicht unwesentlich zum Absatzaufschwung der Hersteller bei. Und selbstverständlich bemühen sich auch immer mehr Anbieter um eine möglichst exakte Anpassung ihrer Fliesen für den Innenbereich an die für den Außenbereich, um den gefragten Inside-Out-Effekt gekonnt bedienen zu können.

Als neuer Aussteller fiel der Verlegechemie-Hersteller Kerakoll mit seinem Design House auf. Das Unternehmen präsentierte hier sein gleichnamiges Projekt, welches Materialien integriert, die innovativ kombiniert werden – Zement, Harz, manuell bearbeitetes Holz, Mikrobeschichtungen, Farben und Lacke – abgestimmt in einer einzigen Farbpalette. Was Architekten reizvoll erscheinen dürfte, ist der Albtraum der Fliesenhersteller: Ein ohne Keramik auskommender Interior-Designstil, in dem die Räume mit den Wänden verschmelzen: Materie, Texturen und Farben lösen sich auf, Boden- und Wandflächen, Fenster und Türen, ergänzende Einrichtungsgegenstände, Licht- und Heizkörper werden zu einer einzigen durchgehenden, fugenlosen Fläche.

Abgeebbt zu sein scheint sowohl der Zementfliesen-Boom vergangener Messen, als auch das Sechseck-Intermezzo des letzten Jahres. Besonders ansprechende Ausnahmen waren die von internationalen Designern wie Tom Dixon oder der mittlerweile omnipräsenten Patricia Urquiola für Bisazza kollektionierten Cementiles-Serien sowie die von Designerin Silvia Stanzani an Stoffoptiken der 1960er bis 1980er Jahre angelehnte Serie Cementine Evo Mix von Fioranese, eine moderne Variante einer Zementfliesenoptik im Format 20 x 20 cm. Und schließlich fielen auch die Zementfliesen des spanischen Anbieters Entic Designs aus dem Rahmen – speziell wegen ihrer erfrischenden Präsentationsform.

Messestände
Was auffällige Standgestaltung betrifft, lockte etwa der weißrussische Hersteller Keramin die Besucher mit einem Eingang in Form eines überdimensionalen Schlüsselloches an. Innen erklang Vogelgezwitscher, und eine Fliesenserie mit entlaubten Bäumen beherrschte die Wandgestaltung – ergänzt um Uhren in Schlüssellochform sowie Vogelhäuschen mit schlüssellochförmigen Einfluglöchern. Mitten darin waren fliesenverkleidete Figuren in Schlüssellochform mit Tiergesichtern aufgestellt – insgesamt ein positiv aus dem Rahmen fallender, wenn auch ziemlich verspielter Messestand.

Besonders einladend wirkte zudem das Shopdesign zahlreicher Messestände, die neben der Lebensmittel-Produktion in Anlehnung an das Expo-Motto häufig Concept-Stores vorstellten, da viele Hersteller ihre Fliesen gerne in den Raumbüchern international agierender Ketten wiederfinden würden. Exemplarisch sei hier die Emilceramica-Gruppe erwähnt, bei der die Marken Ergon, Provenza und Viva ihre jeweiligen Neuheiten unter anderm in mehreren Boutiquen, einer Bank sowie einer Weinbar präsentierten.

Völlig daneben hingegen ging die kitschig-pastellige Messepräsentation des spanischen Herstellers Peronda, der für mutiges Standdesign bekannt ist, dieses Mal mit dem Pop-Up-Hotel in Pappmaschee-Aufmachung aber eine Bauchlandung hinlegte.

Schlussbemerkung
Insgesamt hat die Cersaie in 2015 erneut ihre Bedeutung erhalten, was ein Plus von 0,8 Prozent bei den Besuchern auf 101.809 belegt. Und sie ist noch einmal internationaler geworden: Die Zahl der ausländischen Fachbesucher, die in diesem Jahr aus 150 Ländern kamen, stieg auf nun 48.231 um 3,9 Prozent, diese stellen damit bereits 47,4 Prozent (Vorjahr 46,14) aller Besucher. Allerdings nahm die Ausstelleranzahl – auch die der ausländischen Aussteller (- 20 auf insgesamt 319) aus 39 Ländern ab; insgesamt stellten nur noch 872 Unternehmen (- 73 gegenüber dem Vorjahr) aus.