Messenachbericht Cersaie 2012

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Viele, viele bunte Fliesen: große, kleine, manchmal rutschhemmend

Die Cersaie in Bologna zählt zu den wichtigsten Fachmessen der Welt, zumindest was Fliesen- und Bad-Design angeht. Jahr für Jahr werden hier die neuesten Produkte und Trends im Bereich Keramik und Badezimmerausstattung gezeigt. Doch diese Veranstaltung ist weit mehr als nur eine Industriemesse. Auch in ihrer diesjährigen 30. Auflage vom 25. bis 29. September 2012 war sie wieder ein Gradmesser für die Lage der Branche sowie die aktuelle Entwicklung. Unser Autor Michael Spohr hat die Messe besucht und berichtet nachfolgend über die neuen Trends.

Längst vorbei sind die Zeiten der scheinbar unendlichen Zuwachsraten; seit Langem schon weht auch den Keramikherstellern der raue Wind der internationalen Wirtschaftskrise ins Gesicht. Dies gilt ganz besonders für die italienischen Aussteller – die mit Abstand größte Gruppe auf der Messe – sowie die zweitgrößte spanische Ausstellerfraktion. Infolge der Krise sind ihre Heimatmärkte zusammengebrochen, was auch die deutsche Industrie schmerzhaft zu spüren bekommt: Besonders markant ging für die deutschen Exporteure die Zahl der Aufträge aus Südeuropa zurück. Neben Portugal gingen vor allem die Ausfuhren nach Spanien, Griechenland und Italien deutlich zurück. Und selbst China leidet mittlerweile unter der Krise in Europa.

Vor diesem Hintergrund überraschen die gestiegenen Investitionen der italienischen Fliesenindustrie, die gegenüber dem Vorjahr um mehr als zehn Prozent wuchsen. Dies war denn auch auf der Messe deutlich erkennbar. Während spanische, deutsche und selbst chinesische Anbieter eher Zurückhaltung übten, sich teilweise kleiner setzten oder zumindest nicht mit spektakulären Neuheiten auffielen, brannten die italienischen Fliesenkonzerne auf ihren Markenständen in diesem Jahr ein wahres Feuerwerk an Neuheiten-Präsentationen ab. Da es dem italienischen Machismo entspricht, gerade beim Heimspiel in Bologna die Muskeln spielen zu lassen, bleibt allerdings abzuwarten, ob viele der neuen Serien wirklich ihre Markteinführung erleben werden.

XXL-Fliesen
Gelungen scheint dies bei den im letzten erstmals vorgestellten Riesenfliesen mit einem Format von 3 x 1,50 m. Die vom Maschinenhersteller Sacmi exklusiv für die Fiandre-Gruppe gebaute Produktionsanlage hat ihre Fertigung aufgenommen, so dass an allen Messeständen der Gruppe, Graniti Fiandre, Eiffelgres, Iris/FMG, Ariostea und Porcelaingres XXL-formatige Feinsteinzeugfliesen mit zum Teil unterschiedlichen Dekoren und Farben präsentiert wurden.

Während der Fachverband Fliesen und Naturstein immer noch vor der Halbverbandverlegung von 30 x 60 cm großen Fliesen warnt und die weitaus meisten Fliesenleger bereits ab einem Format größer 60 x 60 cm Schwierigkeiten bekommen, setzen die Hersteller unbeirrt weiter auf immer größere Fliesen. Die Florim-Gruppe etwa zeigte bei ihrer Marke Flor Gres in der neuen Serie „Industrial“ ebenfalls ein 6 mm dünnes und mit 3 x 1,20 m fast ebenso riesiges Format. Da Flor Gres auf die Projektanforderungen der Architektur ausgerichtet ist, scheint sich eine Rücksichtnahme auf Verbände, Handel und Handwerk zu verbieten. Bis zu 80 x 180 cm große Fliesen weiterer neuer Serien bei Rex, Casa dolce Casa und Flor Gres untermauern diesen Trend.

Holzimitatfliesen
Bei den Holzimitaten sind es die Dekore, die dank der technischen Weiterentwicklung dem „keramischen Parkett“ zu Höhenflügen verhelfen. Allerorten waren in diesem Jahr Holzoptiken mit nachgestellten Bearbeitungsspuren zu sichten. Eine verblüffend realitätsnahe dreidimensionale Optik ist die Folge. Ein treffendes Beispiel unter vielen: die ABK-Serie „Soleras – unusual Wood“ in sechs Farbstellungen mit wellenartigen Strukturen, die einen rustikalen und dabei dennoch wohnlichen Holzeindruck vermitteln. Auch der Hersteller Cerdomus setzt auf Holzimitate, unter anderem mit dem neuen Format 50 x 100 cm (zusätzlich zu 10 x 100 und 20 x 100) und präsentiert dabei beispielsweise in der Over-Kollektion Fliesen mit einem industriellen Holz-Effekt sowie einem extrem lebhaften Farbspiel, welches selbst natürliches Holz in den Schatten stellt. Noch einen Schritt weiter geht der deutsche Hersteller Nordceram mit seiner neuen Kollektion „Fossil-Wood“, die nicht etwa ein bereits bestehendes „hölzernes Vorbild" möglichst originalgetreu nachbilden soll, sondern – wie der Name bereits verrät – Strukturen von versteinertem Holz keramisch umsetzen. Die Kollektion wird in zwei warmen Farbtönen: Beige und Marone sowie in zwei kühlen: Smoke und Grafit in den Fachhandel kommen. Nordceram bietet die Serie in den beiden Formaten 30 x 60 und 45 x 90 cm mit rutschhemmender R10-Oberfläche an.

Eine andere Richtung beschreitet Tagina mit seiner neuen „Woodays“-Kollektion: Aufwendige Intarsien mit floralen und geometrischen Mustern im Format 61 x 61 cm können zu den Grundformaten (15, 20 und 61 x 92 cm) der siebenfarbigen Serie hinzugefügt werden, so dass sich beispielsweise teppichartige Inseln im Belag bilden lassen. In punkto Größe und Stärke eine herausragende Holzinterpretation stellen die 2,40 m langen und nur 6 mm dicken Planken dar, die Graniti Fiandre, Eiffelgres sowie Iris/FMG neu vorstellten. Diese Riesendielen entstammen derselben neuen Produktionsanlage wie die bereits oben erwähnten neuen XXL-Fliesen. Da über die Steuerung des Glasurauftrages Oberflächenbilder endlos variiert werden können, gibt es keine Wiederholfrequenzen bei diesen Produkten mehr.

Auch noch unverhältnismäßig groß, dabei allerdings 10 mm dick, sind die Neuheiten beim bereits im letzten Jahr vorgestellten, aber immer noch einzigartigen kalt extrudierten Feinsteinzeug von Nuovocorso. Die leicht konvex hergestellten Fliesen mit außerordentlichen plastischen und kohäsiven Fähigkeiten nivellieren sich beim Verlegen durch ihr Eigengewicht. Ebenso wie bei den 6 mm starken Holzfliesen der Fiandre-Gruppe sind auch bei den Nuovocorso-Hölzern die Abmessungstoleranzen so gering, dass selbst eine fugenlose Verlegung möglich wäre, in jedem Fall aber Verbandsverlegungen aller Art. Die Holzdekore der neuen Serien „Essenze“ und „Fossil“ gibt es in den Formaten 20 und 30 x 180 cm, bei „Canadian“ und der Betonoptik „betontech“ kommt das Format 60 x 180 cm hinzu.

Da sich Fliesen dank ihrer hervorragender Wärmeleit- und Speicherfähigkeit bestens zur Kombination mit einer Fußbodenheizung eignen, haben insbesondere die Holzoptik-Fliesen in den letzten Jahren die größten Zuwachsraten erzielen können und durchaus dem echten Parkett Marktanteile abgenommen.

Natursteinimitatfliesen
Neben Holz die prägende Dekorform auf der diesjährigen Cersaie waren erneut Natursteininterpretationen, die dank der nochmals weiter perfektionierten digitalen Drucktechnologie an optischer Überzeugungskraft gewinnen konnten. Neu beispielsweise ist das Aufbringen digitaler grafischer Gestaltungen mit höchster Auflösung in der Tiefe des Scherbens in Verbindung mit einer hochglänzend polierten Schicht Glaskörnung auf der Oberfläche, die es dem Licht erlaubt, in die Tiefe des Materials einzudringen, bevor es reflektiert wird. So entsteht eine dreidimensionale Wirkung der Äderungen vergleichsweise der im echten Naturstein. Dem Hersteller Coem ist es in seiner neuen Feinsteinzeug-Serie „Pietra Splendente“ mit Hilfe dieser neuen Glasauflage-Technik gelungen, Palissandro-Marmor täuschend ähnlich nachzubilden. Bei gleicher Tiefenwirkung wie beim echten Stein bleibt allerdings die Oberfläche vollständig geschlossen. Besonders Highlight dabei: Wie bei den historischen künstlerischen Flächendekoren mit echtem Marmor lassen sich aus jeweils 8 bzw. 24 Fliesen kaleidoskopartige Kompositionen zusammenstellen. Vier Marmortypen interpretiert die neue Coem-Kollektion in den Formaten 60 x 60, 60 x 30 sowie 30 x 30 cm.

Ebenfalls der Natur perfekt abgeschaut sind die vier Farben der neuen Jura-Interpretation von Coem, wenngleich sie noch der alten Digitaldruck-Generation entstammt und daher mit Salzsäure-Pigmenten hergestellt, dafür aber unglasiert ist. Der Hersteller ist stolz darauf, das Farbspiel der vier Grundfarben der Kollektion „Pietra Jura“ exakt den Farbtönen nachgestellt zu haben, die er auf deutschen Jura-Steinbrüchen vorgefunden hatte. Die Formate – in drei Oberflächen – reichen von 10, 20, 40 und 60 x 60 bis zu 45 x 90 cm.

Der Hersteller Atlas Concorde, der gleich mit fünf neuen Serien durchstartete, sieht ein exponentielles Wachstum in hochwertig gestalteten Empfangsbereichen von Flughäfen, Hotels und im Gastgewerbe. Das Unternehmen zeigte mit „Marvel“ eine neue Kollektion, die die Oberfläche begehrter Marmorarten reproduziert und ebenfalls mit realistischen Effekten überraschte. Die Serie besteht aus durchgefärbtem Feinsteinzeug für den Boden sowie weißscherbigen Wandfliesen in insgesamt sechs Farben und den Formaten 75 x 75, 45 x 90, 60 x 60 sowie 30 x 60 cm. Stellvertretend für einen weiteren diesjährigen Cersaie-Trend steht die neue Atlas-Concorde-Kollektion „Ever“: Sechs aufeinander abgestimmte Greigetöne (eine Mischung aus Grau und Beige) mit integrierten Mikrosplittern unterschiedlicher Größe reproduzieren die charakteristische Schichtung eines Natursteins, während der Effekt von leicht gerichteten Nuancierungen jedes Stück einzigartig wirken lässt. Formate von 20 x 60 bis 60 x 120 betonen die Weitläufigkeit des Raumes in allen Dimensionen und bieten große Gestaltungsfreiheit, womit raffinierte Modullösungen geschaffen werden.

Noch stärker auf die aktuellen Farb- und Oberflächenanforderungen im Objektgeschäft ausgerichtet ist die neue Eiffelgres-Kollektion „Greigetone“, die eine lebhafte Synthese aus einem feinen Kalkstein und einem feinkörnigen Zement darstellt. Auch sie besteht aus sechs farblich aufeinander abgestimmten Greigetönen in einem enormen Formatspektrum von 5 x 60 über 45 x 90 bis hin zu 60 x 120 cm. Und während Atlas Concorde seine Greigetöne in den drei Oberflächen geläppt, matt (R10 A) und strukturiert (R11 A+B+C) ins Rennen schickt, beschränkt sich Eiffelgres auf eine naturraue und eine strukturierte Oberfläche (R11 A+B+C), schafft dabei aber ein R10 A+B in der naturrauen Oberfläche, die dennoch erstaunlich glatt und weich wirkt.

Rutschhemmung
Während Greigetöne, meist in Verbindung mit Sichtbeton-Optiken in verschiedensten Varianten dem Messebesucher in diesem Jahr auf Schritt und Tritt begegneten, halten es doch fast alle Hersteller nach wie vor nicht für nötig, die Rutschfestigkeitsklassen ihrer Fliesen den berufsgenossenschaftlichen Regeln (BGR) entsprechend anzulegen. Da es erfahrungsgemäß besonders häufig an den Übergangsstellen zwischen Bodenbelägen mit unterschiedlicher Rutschhemmung zu Sturzunfällen kommt, verlangt die BGR 181 „Fußböden in Arbeitsräumen und Arbeitsbereichen mit Rutschgefahr“, dass die Bodenbeläge entweder der gleichen oder aber maximal jeweils zwei benachbarten Bewertungsgruppen zugeordnet sind (also bspw. R10 und R11, nicht aber R9 und R11). Dies aber ermöglicht nahezu keine der vorgestellten Fliesenkollektionen (mit Ausnahme der oben aufgeführten beiden Neuheiten).

Kunststeine
Ein innovatives neues Keramikprodukt, welches in Kürze produktionsreif sein soll, sind die Unmaßplatten von Lapitec, die aus einer durchgehenden Steingutgießmasse nach einem von den
Engineered Stones bekannten Bretonverfahren hergestellt werden. Lapitec ist im Standardformat von 1,50 x 3,40 m in Stärken zwischen 10 und 30 mm in vier Oberflächen geplant. Das Material eignet sich gleichermaßen als Fassadenplatte wie als Küchenarbeitsplatte oder als Boden- und Wandbelag.

Fliesen im Außenbereich
Was die Flieseneinsatzgebiete angeht, ist in der Branche nach wie vor der Außenbereich ein wichtiges Thema. Da fest verlegte Keramik in Gartenbereichen, auf Terrassen und Balkonen ein nicht unerhebliches Risiko darstellt, der Endverbraucher jedoch Großformate auch auf der Terrasse und möglichst noch passend zum Bodenbelag innen wünscht, hat sich die Zahl der Aussteller noch weiter vermehrt, die 2 cm starke Varianten ihrer Kollektionen speziell für die lose Verlegung im Außenbereich anboten. Der Vorreiter dieser Fliesen, die Firma Mirage, versucht mit neuen Formaten wie 60 x 120 und 30 x 120 cm bei seiner „EVO 2/E“-Kollektion Pioniernutzen auf diesem Anwendungsfeld zu erhalten. Ein Wermutstropfen indes bleibt: Im Unterschied zur Verbundkonstruktion können die lose verlegten Fliesen nicht verfugt werden.

Abhilfe verspricht hier die Feinsteinzeugfliese mit Kunstharz-Drainageträger aus Splitt. Zwar nicht mit eigenem Messestand auf der Cersaie vertreten, aber bei anderen Fliesenherstellern präsent war das deutsche Unternehmen Terrassone. Deren patentiertes System für die lose Verlegung von Fliesen in Außenbereichen ermöglicht die anschließende Verfugung mit einem drainagefähigen Fugenmaterial. Gleichermaßen raffiniert wie simpel ist die Idee, eine Splittschicht werkseitig mit Epoxydharz unter der Fliese anzubringen. Die derart vorbereiteten Terrassone-Platten werden einfach in ein Splittbett gelegt und verkrallen sich dort so stark, dass sie verfugt werden können. So lässt sich ein einheitlich großzügiger Gesamteindruck aus Innen- und Außenoptik erzielen.

Mosaikfliesen
Dass bei Mosaiken die Kreativität der Produktneuschöpfungen noch nicht erschöpft ist, zeigte der brasilianische Hersteller Mosarte, der Mosaikvarianten in Keramik, Naturstein, Holz und weiteren Materialien in den verschiedensten Formen präsentierte, darunter einige ausgefallene dreidimensionale Formen wie beispielsweise schuppenähnliche Elemente, die eine organische Wandflächen-Anmutung erzeugen lassen.

Handglasierte Fliesen
Wenn auch die Cersaie sich Jahr für Jahr als Schaulaufen der großen renommierten Fliesen- und Sanitärhersteller inszeniert, finden sich hier doch auch stets aufs neue kleine, innovative Anbieter mit interessanten Produkten. Ein Beispiel hierfür ist der italienische Hersteller handglasierter Keramikfliesen und Sanitärobjekte Pecchioli, gegründet 1896 von dem Künstler Galileo Chini, der als erster in Italien den Art-Deco-Stil einführte. 166 verschiedene Farben, darunter 26 Gold- und Metallglanz-Töne umfasst das aktuelle Sortiment aus 50 verschiedenen Fliesengrößen, die vom 2,5 x 2,5 cm Mosaik auf Netz bis zu Platten im Format 200 x 63 cm für Küche und Bad reichen.

Terrakottafliesen
Und schließlich verdienen auch die handgefertigten und handcolorierten Fliesen von Cotto Etrusco eine Erwähnung. Die Firmeninhaber erstanden einen alten Cottoofen, wie er bereits zu Zeiten der Etrusker bekannt war, restaurierten ihn und reaktivierten nach sorgfältiger Recherche der alten Fertigungstechniken die Herstellung von handgemachtem Terracotta. Herausgekommen sind Terracottaziegel in unkontrollierten Farbschattierungen mit nie vollkommen gleichen Formen und variablen Oberflächenrauheiten. Aber vermutlich macht gerade die Authentizität und Natürlichkeit des Unperfekten seinen besonderen Reiz aus – erst recht in einem Umfeld der Präsentation von immer perfekteren Produkten.

Antibakterielle Materialvergütungen
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass viele Hersteller weiter auf antibakterielle Materialvergütungen setzen. „Microban“ etwa oder „Active“ haben hier durchaus vorzeigbare Erfolge vorzuweisen, da sie nachweislich Mikroorganismen abtöten können. „Active“ ist sogar attestiert worden, dass es dank der kombinierten Wirkung von Licht und Titandioxid, mit dem das Material angereichert ist, nahezu 100% eines besonders methicillin-resistenten Krankenhauskeims abtötet.

Autor: Michael Spohr, Essen