Messenachbericht Cersaie 2011 – international

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Dünnere, größere und perfektere Fliesen

Einen umfassenden Überblick über die Vielfalt keramischer Erzeugnisse in Form neuer Produkte, Oberflächen, Technologien und Formate bietet Jahr für Jahr die Messe Cersaie im italienischen Bologna. Allerdings ist es bekanntlich schwer, das Rad neu zu erfinden. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Konkurrenzdrucks keramischer Billigware aus Fernost, fehlenden Marktwachstums in Europa und USA sowie einbrechender Märkte wie in Griechenland, Irland, Spanien und Portugal setzen die italienischen, spanischen, deutschen und sonstigen europäischen Fliesenhersteller auf die vermeintliche Trumpfkarte Innovation. Da wirkliche Neuheiten kaum mehr möglich sind, werden vorhandene Trends immer weiter getrieben, ohne dass die Firmen merken, wie sie sich mit ihrer Trendüberzeichnung zunehmend von den wirklichen Marktanforderungen und -bedürfnissen entfernen.

Trend dünn/dick
Bestes Beispiel hierfür ist der Trend zu immer dünnerem Material. Zwar erwarten sich die Anbieter im Renovierungsmarkt Vorteile – geringere Aufbauhöhen, schnellere Verlegung ohne Lärm und Schmutz sowie Gewichtseinsparungen vom Transport des Materials bis zum Statiknutzen –, ganz ohne Tücken ist der Minimalismus in Sachen Fliesenstärke indes nicht: Allein das Problem, die Materialien unbeschadet bis an die Baustelle zu bekommen, hat viele Hersteller, Händler und Fliesenleger Lehrgeld zahlen lassen. Hinzu kommen die weitaus höheren Anforderungen an die Ebenheit des Untergrundes, die im Vergleich zur „normalen“ Fliese schlechteren technischen Eigenschaften und die aufwändigere sowie problematischere Materialbearbeitung.

Dennoch präsentierten auf der Cersaie 2011 (wie bereits in 2010 und 2009) noch mehr Hersteller dünne Fliesen. Ein Beispiel hierfür: die neue Fliesenkollektion Maximum von Graniti Fiandre (siehe Abb.1), die aus 3 und 6 mm dünnen Fliesen in den Standardgrößen 300 x 150 cm und 300 x 100 cm sowie zahlreichen Sonderformaten besteht und auch bei weiteren Firmen der Gruppe, Ariostea sowie Fabbrica Marmi e Graniti unter anderen Namen präsentiert wurde. Laut Herstellerangaben handelt es sich hierbei um eine neue Technologie der Feinsteinzeugherstellung; das Material soll keine Porzellankeramik sein, wie sie vor einigen Jahren von Laminam präsentiert wurde und sich mittlerweile bei zahlreichen anderen Anbietern im Programm befindet (Maximalmaß hier 360 x 120 cm). Auf der Cersaie 2011 jedenfalls gab es kaum mehr einen namhaften Aussteller, der nicht entweder die ganz dünnen, 3 mm starken Porzellankeramik-Fliesen oder dünnes Feinsteinzeug präsentierte. Die „echten“ Feinsteinzeugfliesen in 5 mm Stärke oder knapp darunter stellen jedoch lediglich dünnere Versionen der trocken gepressten, normalerweise 9 bis 12 mm starken Fliesen in denselben Abmessungen sowie meist auch aus den vorhandenen Serien dar. Wichtigster Vertriebsansatz hierfür: die Zeit, Schmutz und Aufbauhöhe bei der Renovierung sparende Fliese-auf-Fliese-Verlegung.

In diesem Jahr schnellte die Zahl der Anbieter von dickeren Fliesen für den klebstofffreien Außeneinsatz signifikant empor; vermutlich angestachelt durch die Erfolge der Firma Mirage, die im letzten Jahr erstmals eine solche Terrassenfliese vorgestellt hatte (siehe Abb.7 und 8). Wer keine dickeren Fliesen herstellen kann, setzt auf modulare Systeme, wie etwa Gigacer mit einem Aufständerungssystem oder Casalgrande padana durch eine Kooperation mit Ars Ratio und deren Klick-System. Neben dem Galabau-Markt zielen die Anbieter derartiger Systeme auch auf das riesige Absatzfeld des Messe- und Ausstellungsbaus, in dem keramische Fliesen bislang kaum in nennenswertem Umfang zum Einsatz kamen. Ein weiteres Indiz hierfür ist die zunehmende Anzahl von Formaten im klassischen Messebauraster 100 x 100 cm sowie allen sich daraus zu schneidenden Unterformaten.

Trend riesig
Eine weitere Trendüberzeichnung zeigt sich im „Fliesengigantismus“. Galten noch vor kurzem die Formate 90 x 90 cm sowie 60 x 120 cm bei Fliesen als außerordentliche Großformate, so überboten sich die Fliesenhersteller auf der diesjährigen Cersaie mit ihren Superlativen. Beispiele hierfür sind bei den Quadraten die 120 x 120 cm messenden Gigacer-Fliesen, in 4,8 mm, 12 mm und 24 mm Stärke, (siehe Abb.3) sowie deren Übertreffen bei Nuovocorso mit 130 x 130 cm in der Serie „Inimitabile“ (siehe Abb. 4) – was auf deutsch „unnachahmlich“ heißt, aber wohl nur für dieses Jahr gelten dürfte.

Bei den Längsformaten setzte ebenfalls Nuovocorso die Extremmarke: mit 20 x 180 cm messenden Holzoptik-Fliesen der Serie Biolegni sowie 66,5 x 200 cm großen Inimitabile-Fliesen. Aber auch die etablierten Hersteller ließen ihre Muskeln spielen: Die Florim-Gruppe etwa zeigte bei ihren Marken Casa dolce Casa und Rex neue Serien in den Formaten 80 x 180 cm sowie bei Floor Gres darüber hinaus 26,5 x 180 cm und ebenfalls 20 x 180 cm (siehe Abb.6). Knapp unterhalb dieser derzeitigen Maximalmaße finden sich quer durch die gesamte Branche quadratische sowie rechteckige Gardemaße in den verschiedensten Abmessungen.

Trend Fassade/Wand
Auch die Fassade haben viele Hersteller als mögliches Medium für eine Verkleidung mit keramischen Fliesen wiederentdeckt. Insbesondere in Verbindung mit den extrem großformatigen sowie dünnen Fliesen zeigten sie auf den diesjährigen Messeständen Anwendungsbeispiele für vorgehängte hinterlüftete Fassadensysteme. Wer möglichst einzigartige Gestaltungsvielfalt offerieren kann, ist aber auch bei Fliesen und Platten in allen anderen Anwendungsbereichen dem Wettbewerb einen Schritt voraus. So präsentierte Eiffelgres mit seiner neuen Feinsteinzeug-Serie Pillart – einer Interpretation des norwegischen Natursteins Pillarguri in einem Ying und Yang ähnlichen Positiv-Negativ-Kontrast: Aus lediglich zwei 60 x 60 cm Fliesen in zwei Gegensatzfarben und Oberflächen, entstehen produktionsseitig Wasserstrahl geschnitten jeweils vier Elemente für verschiedene Gestaltungsvarianten (siehe Abb.9).

Trend Luxus/Maßanfertigung
Individuell gestaltbare Waschtische aus Feinsteinzeugplatten sind sicherlich ein Nischenprodukt, zeigen aber ebenfalls, dass Maßfertigungen ein probates Mittel darstellen um dem Preisvergleich zu entgehen. Graniti Fiandre etwa stellte sein Xtra-Plan-Programm vor, bei dem Waschbecken, Arbeitsplatten und Duschwannen individuell gestaltbar aus den Fliesen und Platten aller Kollektionen des Unternehmens herzustellen sind (Abb.10). Der spanische Fliesenhersteller Roca präsentierte mit dem Modehersteller Armani ein gemeinsam vermarktetes, elegantes und exklusives Badezimmer-Konzept: das Armani-Roca Badezimmer bietet eine komplette Innendesign-Lösung für den Sanitärbereich – inklusive Möbeln, Lichtkonzept, Boden-, sowie Flur- und Deckenbekleidung (Abb.11).

Trend gedeckte Farben
Was die Zielgruppen betrifft, haben immer mehr Hersteller – selbst reine Wohnkeramikproduzenten – die Gruppe der Architekten und damit das Objektgeschäft ins Visier genommen. Beschränkte sich dies bei den meisten Ausstellern noch auf sogenannte Architektenecken auf den Ständen, so haben einige doch immerhin ihr Produktportfolio aufgeräumt und ihren traditionellen Produktbroschüren und -katalogen „Colourboards“ hinzugefügt, in denen die bei Architekten favorisierten Grau- und Beigetöne dominieren. Generell war festzustellen, dass die Farbvielfalt und Opulenz der letzten Jahre Vergangenheit zu sein scheint. Bei Bodenfliesen ohnehin, aber auch bei Wandfliesen stellten Weiß, Grau, Beige und Schwarz die klar vorherrschenden Farbtöne. Gold und Glanz, im letzten Jahr angesichts der aus Osteuropa und der arabischen Halbinsel erwarteten neuen Umsätze noch allgegenwärtig, mussten in diesem Jahr schon gesucht werden.

Trend Holz-, Betonoptik und andere Dekore
Was die Oberflächen angeht, gibt es keinen ganz neuen Trend, allerdings haben die Fliesenhersteller ihre Holzoptiken derart perfektioniert, dass nurmehr die Fuge erahnen lässt, dass es sich nicht um das Original handelt. Und dank der immer perfekteren Fliesen­kalibrierung offerieren einige Hersteller gar eine fugenlose Holzfliesenverlegung – was sich allerdings allein schon aus hygienischen Gründen in Deutschland nicht durchsetzen dürfte. Die Weiterentwicklung der „keramischen Hölzer“ hat allerdings auch zu derart abstrahierten Holzoptiken geführt, die nicht mehr als einfaches Imitat gesehen werden können. Beispiele hierfür: die Rovere Tiles von Ariana (Abb.12) oder die Lodge-Kollektion von Settecento (Abb.13), die zudem auch noch in den Oberflächen „Hand Finish” und „Cross Cut” sowohl ein gehobeltes als auch ein gesägtes Finish wiedergeben. Auch die fünf neuen Holzsorten der E-Wood-Kollektion von Iris Ceramica (Abb.14) stehen mit einem Vintage-Effekt zur Verfügung, das heißt mit einer leichten „Läppung”, einer Bürstenbehandlung, dank der die Holzdielen an bestimmten Stellen glänzen, als wären sie wirklich aus im Laufe der Zeit abgenutztem Holz. Und schließlich haben die Fliesenhersteller sich für ihre Holzinterpretationen insbesondere die Holzarten ausgesucht, die als Parkett Probleme bereiten, etwa Olivenholz wegen seines hohen Harzgehaltes oder Buchenholz, welches als Massivparkett stark arbeitet oder auch besonders geschütztes Tropenholz. Die neue Etic-Serie von Atlas Concorde etwa enthält unter anderem sowohl ein Olivenholz-Dekor als auch eines aus Palisander und eines aus Ebenholz. Aber auch die in der Architektur derzeit besonders gefragten gekälkten und künstlich angegrauten Eichedielen finden sich in dieser Kollektion.

War es um die Betonanmutungen im letzten Jahr etwas stiller geworden, so warteten einige Cersaie-Aussteller in diesem Jahr mit beeindruckenden Optiken auf. Zwei Beispiele unter vielen: Ceramica Viva präsentierte eine neue Serie, bei der die Oberfläche den Negativabdruck einer Holzverschalung nachstellt, was den Fliesen einen sehr rohbetonähnlichen Ausdruck verleiht. Leider handelt es sich um glasiertes Feinsteinzeug der Abriebgruppe 4, was einen Einsatz am Boden im Objekt verbietet. Ebenfalls die Holzeinschalung darstellen soll die strukturierte Oberfläche der neuen Mirage-Serie Nolita (Abb.17). Die Oberfläche ist nicht ganz so gut gelungen, doch überzeugt die naturraue Oberfläche der Serie durch eine authentisch wirkende Sichtbeton-Optik. Weiterhin besonders daran: innerhalb der zehn (!) gedeckten Farbstellungen dieser Serie changieren die Tonalitäten, was den Rohzement-Eindruck noch weiter verstärkt. Noch besser gelungen ist dieser changierende Effekt Mirage bei den sechs Farben der ebenfalls neuen Serie Heritage (Abb.18), die an eine Cotto-Oberfläche erinnert (Abb.19), allerdings in Greige- und Grautönen sowie einem Braunton (Abb.20).

Um Metalloptiken und textile Strukturen, in den letzten Jahren noch allerorten anzutreffen, ist es indes merklich stiller geworden. Zu gering waren hier die Absatzergebnisse und zu groß die Reklamationen bei den metallisierten Oberflächen. Was schließlich das riesige Feld der glasierten (Wand-)Fliesen angeht, so haben die Digitaldruck-Verfahren den Keramiken fotorealistisches Niveau verliehen, und die Wanddekore sind insgesamt zurückhaltender geworden. Intensive Reliefdekore in natürlichen, gedeckten Farben und mit mattem Finish geben den Ton an.

Autor: Michael Spohr, Essen