Nachlese: Diskussionsrunde Super Green
Menschliche Bedürfnisse als zentraler Aspekt der Nachhaltigkeit
Ob Architektur gut oder schlecht ist, hängt von vielen Faktoren ab. Architekten beurteilen Gebäude oft nach räumlichen und ästhetischen Qualitäten, während Stadtplaner auf die Einbindung in den baulichen Kontext und Ingenieure auf die technische Ausführung achten. Solche Einzelbetrachtungen liegen in der Natur der Berufe, sind aber nicht zeitgemäß: Seit einigen Jahren bestimmt das Thema Nachhaltigkeit die Architekturdiskussion und um sie zu erreichen, ist eine enge Zusammenarbeit aller am Bau Beteiligten unabdingbar. Aber was bedeutet der inzwischen inflationär benutzte Begriff der Nachhaltigkeit?
Im Rahmen des Fassadensymposiums Super Green haben sich am 24. November 2011 Architekten, Ingenieure, Forscher und Lehrende sowie Vertreter der Bauindustrie mit dieser und anderen Fragen beschäftigt. Die Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur organisiert diese Veranstaltung einmal im Jahr und widmet sich damit unterschiedlichen Schwerpunkten der Fassadenplanung. In diesem Jahr ging es um das „grüne Bauen“, mit dem sich die Teilnehmer auf unterschiedliche, bisweilen überraschende Weise auseinandersetzten: In einer Diskussionsrunde am Vorabend des Symposiums sprachen die Anwesenden weniger von Energiekennwerten und Bewertungssystemen als von menschlichen Bedürfnissen.
Kommunikation mit den Nutzern
Die zu Beginn des Abends von Ulrich Knaak (Hochschule Ostwestfalen-Lippe/TU Delft) gestellte Frage „Sind wir grün genug?“ führte zu einer Diskussion darüber, warum die Umsetzung von energieeffizienten und ökologischen Baukonzepten häufig scheitert. Bei der Antwort waren sich die Teilnehmer einig: Es mangelt an der Kommunikation mit den Nutzern und nicht zuletzt an der Erfüllung ihrer Bedürfnisse. So lässt sich laut Martin Haas (Behnisch & Partner) nachhaltiges Bauen nur mit Visionen, Bildern und Ideen verkaufen, nicht aber mit Zahlen. Denn für die Verbesserung eines Energiewertes wird ein Bauherr in den seltensten Fällen mehr Geld ausgeben – es sei denn, die zusätzlichen Kosten bringen ihm einen emotionalen Mehrwert. Für Marcel Bilow von der TU Delft bedeutet das vor allem eins: „Architecture needs to be more fun“. Zur Untermauerung seiner These zieht er den Vergleich zwischen einem Hybrid-Auto und einem herkömmlichen Wagen heran: Das Hybrid-Auto ist zwar umweltfreundlicher, aber es beschleunigt auch schneller, und das ist es, was viele Leute zum Kauf verführt. Die Mehrkosten spielen plötzlich keine Rolle mehr und das Gefühl, umbeweltbewusst zu handeln, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Es geht also im Wesentlich um die Geisteshaltung der Nutzer. Aber wo und wann wird diese in Deutschland im Hinblick auf die Architektur geprägt? Die von Uta Pottgiesser (Hochschule Ostwestfalen-Lippe) gestellte Frage führte zu einer nüchternen, wenn auch nicht neuen Antwort: Architektur und Kunst stehen in unseren Schulen nur selten auf dem Stundenplan und auch im täglichen Leben sind sie leider kein großes Thema.
Nachhaltigkeitszertifikate als Marketing-Instrument
Wie bei den Hybrid-Autos geht es auch bei Nachhaltigkeitszertifikaten wie DGNB und LEED nicht allein um Umweltbewusstsein. Sie sind Marketinginstrumente, sogenannte Label, welche die Unternehmen gerne zur Selbstdarstellung nutzen. Zu bemängeln ist, dass eine solche Zertifizierung überwiegend auf quantifizierbaren Kriterien basiert, außerdem zusätzliche Kosten für den Bauherrn verursacht und ein zertifiziertes Gebäude nicht notwendigerweise nachhaltiger ist als ein nicht zertifiziertes. Trotzdem sind Label nicht unbedingt schlecht, denn sie bringen das Thema Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit mit Behaglichkeit und Nutzerkomfort in Verbindung.
Kommunikation mit allen am Bau Beteiligten – und der Regierung
Was bedeutet all das für den Architekten? Mikkel Kragh, Fassadeningenieur bei Arup, ist überzeugt, dass eine bessere Kommunikation auch für die Zusammenarbeit aller am Bau Beteiligten essentiell ist. Komplexe und gleichzeitig nachhaltige Fassadensysteme bzw. Gebäude lassen sich seiner Meinung nach nur durch die „transdisziplinäre“ Arbeit von Architekten, Ingenieuren und Vertretern der Industrie erreichen. Dafür müssten allerdings Gesetze geändert werden, denn der Zusammenarbeit stehen oft Fragen nach Verantwortlichkeit und Risikomanagement im Weg. Eine bessere Kommunikation müsste sich also auch auf die Politik erstrecken.
Gestaltungsspielräume für den Architekten
Wo zwischen energetischen, kommunikativen und ökologischen Herausforderungen Raum für Kreativität bleibt, fasste Tillmann Klein von der TU Delft sehr schön zusammen: Architekten und Ingenieure sollten alle Bestandteile eines Gebäudes wie ein Orchester koordinieren. Auf diese Weise hätte jeder Bestandteil seine Aufgabe und nichts wäre Dekoration. So könnte beispielsweise ein künstlich angelegter Teich als Kühlelement und ein begrüntes Dach gleichzeitig als Terrasse funktionieren. Die Mehrfachfunktion solcher Einzelelemente führt in der Kombination zu einer höheren architektonischen und baulichen Qualität.
Auch wenn im Rahmen der Diskussionsrunde unzählige Aspekte gestreift wurden, zeigten sich am Ende vor allem zwei Dinge: Dass Nachhaltigkeit nicht allein an Zahlen festgemacht werden kann und dass Architekten, Ingenieure, Forscher, Lehrende und Vertreter der Industrie – entgegen allen Stereotypen – durchaus an einem Strang ziehen können. -cr
Moderation: Uta Pottgiesser (Hochschule Ostwestfalen-Lippe) und Ulrich Knaack (Hochschule Ostwestfalen-Lippe/TU Delft) Diskussionsrunde: Steve Lo (Univeristät Bath), Martin Haas (Behnisch und Partner/DGNB), Wilhelm Hachtel (Clauss Markisen), Klaus Kleher und Andreas Luible (Universität Luzern), Josemi Rico (Universität San Sebastian), Marcel Bilow und Tillmann Klein (TU Delft), Mikkel Kragh (Arup Mailand)
