Fassadenprojektionen - Virtuelles überspielt Reales

Bildergalerie | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |

Installationen des Büros Immersif

Der Putz bröckelt von der Fassade, jeder Blitz scheint tiefere Risse zu schlagen, dann setzt der Regen ein. Riesige Tropfen wandern an der Gründerzeitfassade hinunter und waschen sie rein. Nach und nach tritt der Glanz der glorreichen 20er-Jahre hervor, zeigen sich Stuckverzierungen und leuchtende Farben. Doch der Regen hört nicht auf. Das Wasser erreicht das Innere des Gebäudes und lässt es zu sanften Klängen von Debussy langsam voll laufen. Eine Viertelstunde dauert das Theater Rainwashed auf der Fassade der Neuköllner Oper, einer Kultureinrichtung, die in einem Hinterhof des Berliner Problembezirks eigentlich in zweiter Reihe steht. Doch an diesem Abend rückt der Bau in den Fokus von Anwohnern und Passanten, und das Büro Immersif ist zufrieden. Mit seinen Projekten lädt das Team um Beleuchtungstechniker Nikolaus Vögele und Interior Designer Markus Tiggemann Menschen zum Betrachten und Verweilen ein. Es verwischt die Grenze zwischen Virtualität und Realität, lässt großformatige temporäre Projektionen Geschichten erzählen. Fassaden lösen sich aus ihrer Erstarrung, erwachen zum Leben, indem Reales mit Virtuellem überspielt wird.

Anders als das Projekt Rainwashed bezieht das Projekt Fotoboooz den Betrachter direkt mit ein, denn die Projektion auf einer zeitgenössischen Kaufhausfassade entsteht durch Interaktion mit dem Betrachter. Ein Beamer mit 15.000 Ansi-Lumen projiziert Gesichter aufgereiht auf einen Filmstreifen, auf jedes Schaufenster eines. Die Bilder kommen aus einem Fotoautomaten, der auf dem Gehweg steht. Passanten verschwinden hinter dem Vorhang und wenn sie wieder hervorkommen, verschwindet das letzte projizierte Gesicht in der Reihe. Die übrigen rücken einen Platz auf und an erster Stelle erscheint das Gesicht desjenigen, der sich soeben hat ablichten lassen. 365 Passanten lassen sich im Laufe eines Abends portraitieren und werden damit Teil der medialen Installation. Fast immer fotografieren sie später das 3 x 4 Meter große eigene Portrait und so schlägt das interaktive Projekt die Brücke zu den sozialen Netzwerken.

Je nach Projekt wird das Immersif-Team um Experten erweitert: Bei Rainwashed war es ein Video- und Soundkünstler, bei Fotoboooz ein Programmierer. Weitere Projekte hat das Büro bereits geplant. Bisher verraten Nikolaus Vögele und Markus Tiggemann nur, dass die Auswertung und Uminterpretation sensorischer und internetbasierter Daten zum Tragen kommen sollen, die Bewegungen, Kontraste, Helligkeiten und Wärme messen und direkten Einfluss auf die Projektion nehmen. Dadurch können Passanten und Betrachter mit dem Gebäude sozusagen kommunizieren.