Gestapelter Sichtbeton
Plastizität durch den Einsatz von Schalungsmatrizen
Ursprünglich als Waage- und Kaufhaus zwischen 1706 und 1712 errichtet, wurde das Erfurter Angermuseum nach vielen Nutzungsänderungen Ende des 19. Jahrhundert zum Städtischen Museum umfunktioniert. Für heutige Anforderungen bot das historisch bedeutende Gebäude allerdings nicht die notwendigen Präsentationsflächen und technischen Voraussetzungen für die auszustellenden Exponate. Hinzu kamen statische Probleme, mangelnder Brandschutz und die vom Schwamm befallene Bausubstanz. Dies alles machte eine Generalsanierung notwendig, dessen Planung das Erfurter Architekturbüro Worschek übernahm.
Das Angermuseum besteht aus mehreren Baukörpern, die um einen Innenhof gruppiert sind. Dessen zum Hof hin offener Südflügel wurde bei einem früheren Umbau im Jahr 1999 mit einer verputzten Stahlbetonwand geschlossen, in die drei große bogenförmige Fenster eingelassen waren. Diese ließen jedoch zu viel Tageslicht ins Innere des Gebäudes, wo Grafiken, Zeichnungen und Kunstdrucke aufbewahrt sind. Um die Exponate vor dem Licht zu schützen, änderten die Architekten die Öffnungsstruktur des Südflügels indem sie eine neue Wand vor die alte setzten. Nach einigen Experimenten mit unterschiedlichen Baumaterialien entschieden sie sich für strukturierten Sichtbeton, dessen Oberfläche an gestapelte Bilderrahmen erinnern soll.
Aufgrund der schwierigen Standortbedingungen wurde die zunächst in Ortbeton geplante 33 m lange und 12 m hohe Wand mit unkonventionellem, mehrschichtigen Aufbau ausgeführt. Sie besteht nun aus einer zusätzlichen Dämmschicht, einer Ortbetonschicht und vorgefertigten Betonplatten, die als Filigranelemente ausgebildet wurden. Aufeinander stehend wurden sie an der vorhandenen Wand justiert und rückverankert. Um den optischen Eindruck von Papierstapeln zum erzielen, war es wichtig, dass keine Betonplatte der anderen glich. Aus diesem Grund wurden die Platten zum Teil um 180 Grad gedreht montiert, wodurch sich die Zahl der Elementkombinationen erheblich erhöhte.
Hergestellt wurde die strukturierte Oberfläche mithilfe von drei unterschiedlichen Schalungsmatrizen aus Polyurethan. Als Vorlage diente ein Holzmodell mit den Originalabmessungen der Wand. Die Matrizen wurden mit der strukturierten Oberfläche nach oben in eine Schalung geklebt, dann mit Trennmittel behandelt, zum Schluss wurde der Beton eingefüllt. Das Trennmittel sorgt dafür, dass die Schalungsmatrizen bis zu einhundert Mal verwendet werden können.
Eine weitere Besonderheit der Betonfassade sind die in sie eingeschnittenen Lettern mit der Inschrift „Minima Maxima” die besagt, dass im Kleinen das Große sei.
Architekten: WPA Worschech Partner Architekten, Erfurt
Projektbeteiligte: Ebert Bau, Berga/Elster (Generalunternehmer); Hoffmann Beton, Gera (Betonwerk); NOE-Schaltechnik, Süssen (Schalungsmatrizen)
