Baualtersstufe: Gründerzeit/Jahrhundertwende (ca. 1850–1918)

Die Häuser der Jahrhundertwende sind die charakteristischste Gruppe der innerstädtischen Altbauten. Stadtquartiere mit Gründerzeithäusern zählen zu den bevorzugten innerstädtischen Wohnlagen mit besonderem Flair. Die oft reichhaltige Ausstattung der Häuser mit Stuck und ihre großzügigen Raumzuschnitte machen sie besonders begehrt.

Galerie

Die Zeit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war geprägt durch ein starkes Bevölkerungswachstum in den Städten. Um den damit verbundenen Bedarf an Wohnungen und Infrastrukturen zu decken, entstanden vor allem in den schnell wachsenden Metropolen große, oft rasterförmig angelegte Stadtquartiere. Die Gebäude wurden in der Regel in geschlossener Blockrandbebauung errichtet und mehrgeschossig ausgeführt. Auch Sozial-, Verwaltungs- und Bildungsbauten sind in dieser Zeit zahlreich entstanden. 

Die Fassaden zeugen von historistischen Stilrichtungen, die sich an Gotik, Renaissance oder Klassizismus orientierten. Im Inneren war die Grundrissgestaltung meist hierarchisch gegliedert – von repräsentativen Vorderhäusern mit größeren Wohnungen und aufwändiger Ausstattung bis zu rückwärtigen Seitenflügeln oder Hinterhäusern mit kleineren, einfacheren Wohneinheiten.

Bautechnik und Konstruktion

Gebaut wurde vorwiegend mit massiven Ziegelmauerwerken, Holzdecken und – je nach Bauperiode – Guss- oder Stahlstützen in Treppenhäusern, Kellern und Dielenbereichen. Tragende Innenwände aus Vollziegeln, massive Holztreppen und Stuckdecken sind typisch für diese Epoche. Fensteröffnungen wurden in der Regel segment- oder rundbogig ausgebildet und mit Naturstein- oder Ziegelgewänden gefasst.

Decken bestehen in der Regel aus Holzbalkenlagen mit Einschubdecken aus Schlacke oder Lehm. Fußböden waren vielfach aus Dielen, im Eingangsbereich oder in Küchen aus Zementfliesen. Die Dächer wurden meist als Satteldach oder Mansarddach mit Tonziegeldeckung ausgebildet, bei repräsentativen Bauten auch mit Gauben und Ziergiebeln.

Viele dieser Bauten verfügen über großzügige Raumhöhen, große Fensterflächen und solide handwerkliche Details – gleichzeitig aber auch über technisch überholte Installationen, ungedämmte Hüllflächen und komplexe Schallschutzprobleme.

Mittlerweile befinden sich Bäder in den Wohnungen, vereinzelt gibt es aber auch noch WCs auf dem Treppenpodest und Einzelofenheizungen. In vielen Städten stehen Gründerzeitbauten unter Denkmalschutz oder in Milieuschutzgebieten – entsprechende Genehmigungsauflagen und Abstimmungen mit den Denkmal- oder Bauaufsichtsbehörden sind daher bereits in der Planungsphase zu berücksichtigen.

Aufgrund des vergleichsweise großen Bestands aus dieser Zeit spielt das Thema Umnutzung eine gewichtige Rolle. Das gilt nicht zuletzt für die zahlreichen Industriebauten dieser Zeit, deren ursprüngliche Nutzung entfällt. Mit einer Umnutzung gehen meist aufwendige Umbauten einher, etwa um aktuelle Anforderungen an Brandschutz und Barrierefreiheit zu erfüllen.

Galerie

Was muss besonders beachtet werden?

  • Sanierungsschwerpunkte dieser Gebäude sind die Erneuerung der Haustechnik, die Sanierung von Feuchtigkeitsschäden im Keller- und Sockelbereich, die Fassadensanierung, die Erneuerung der Dacheindeckung, die Verbesserung von Wärme- und Schallschutz sowie die Neugestaltung der Wohnungszuschnitte.
  • Die Sanierung der Wohnungszuschnitte kann zum Problem werden, wenn versucht werden muss, zeitgemäße, kleinere Wohnungen zu schaffen. Hier hängt es entscheidend von der Lage des Treppenhauses ab, wie gut sich kleinere Wohneinheiten realisieren lassen. 
  • Besonderes Augenmerk ist auf die Sanierung der Decken zu legen, da die Holzbalkendecken häufig durch Schädlinge befallen sein können; bei den Trägern der Kellerdecke besteht Korrosionsgefahr, vor allem im nicht einsehbaren Bereich der Wandanschlüsse.
  • Bei schadhafter Dacheindeckung kommt es vor allem direkt unterhalb des Traufbereichs verstärkt zu Schädigungen der tragenden Holzteile. 
  • Auch bei Gründerzeitgebäuden lassen sich – selbstverständlich unter Beibehalt der historischen Fassade – erhebliche Verbesserungen des Wärmeschutzes erzielen: Rückfassade, Fenster, Dach und Kellerdecke lassen sich gemäß den Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG 2024) energetisch ertüchtigen. Bei denkmalgeschützten Objekten oder Gebäuden mit erhaltenswerter Bausubstanz greifen dabei teils Ausnahmen (§ 105 GEG).
  • Aufwändige vorhandene Ausstattungsdetails wie Stuck, Kaminöfen oder Holzvertäfelungen können zu hohen Sanierungskosten führen – sind aber oft erhaltenswert und tragen wesentlich zum Gebäudewert bei.

Galerie

Typische Merkmale

  • Außenwände aus Vollziegelmauerwerk mit Wandstärken von 30 – 90 cm
  • Aufwändig gestaltete Straßenfassaden, häufig mit Stuckornament
  • Große Geschosshöhen ( bis 4,00 m)
  • Geschossdecken als Holzbalkendecken
  • Massivdecken über dem Keller (Gewölbe oder preußische Kappen)
  • Holzfenster als Einfach- oder Kastenfenster
  • Mehrflügelige Fenster mit Profilierung
  • Große Wohnungen mit großen Räumen

Typische Schadensbilder und Mängel

Außenwände

  • Durchfeuchtung der Kellerwände bei fehlender Vertikalabdichtung
  • Durchfeuchtung der Keller- und der Erdgeschosswände durch fehlende Horizontalabdichtung
  • Schlechte Wärmedämmung
Außenwandbekleidungen
  • Putzschäden in Form von Rissen, Hohlstellen und Abplatzungen
  • Beschädigungen von Stuck und anderen Fassadenapplikationen
  • Feuchtigkeitsschäden durch ungenügende Abdeckung von Wandvorsprüngen – Fehlende Metallabdeckung
Fenster, Außentüren
  • Fäulnis- und Witterungsschäden an Blend- und Flügelrahmen
  • Ungenügender Schall- und Wärmeschutz durch Einfachverglasung
  • Defekte Fensterbankabdichtung
Dach
  • Undichtigkeiten durch schadhafte Eindeckung, schadhafte Dachrinnen und Fallrohre
  • Tierischer und pflanzlicher Schädlingsbefall an tragenden Holzteilen
  • Ungenügende Wärmedämmung
Geschossdecken
  • Durchbiegung von unterdimensionierten Holzbalkendecken
  • Befall durch Holzschädlinge vor allem in Bereichen, an denen Feuchtigkeit eindringen kann
  • Korrosionsschäden an Stahlträgern, vor allem auch an auskragenden Balkon- und Erkerkonstruktionen
Fußböden
  • Ausgetretene Bodenbeläge
  • Ungenügender Schallschutz
  • Durchfeuchtung des Kellerbodens
Geschosstreppen
  • Ausgetretene Holztreppenstufen
  • Fäulnisschaden an Holztreppen im Erd- und Kellergeschoss und bei Podesten
  • Ungenügender Brandschutz der Treppen
Sanitärinstallation
  • Unzureichende Installation in technisch schlechtem Zustand
  • Verstopfte Abflussleitungen
  • Ungenügende Ausstattung der vorhandenen Wohnungen mit Bädern und WCs
Heizung
  • Fehlende Zentralheizung
  • Versottete Kaminzüge
  • Unsachgemäß aufgestellte Einzelöfen
Elektroinstallation
  • Technisch unzureichende Elektroinstallation, oft ohne notwendigen Schutzleiter
  • Ungenügende Absicherung und Unterverteilung
  • Gering dimensionierte Hausanschlüsse

Modernisierungsschwerpunkte

  • Abdichtung von Kelleraußenwänden und Kellerböden gegen eindringende und aufsteigende Feuchtigkeit
  • Verbesserung der Raumaufteilung und der Wohnungszuschnitte
  • Verbesserung des Schallschutzes, vor allem im Innenbereich
  • Verbesserung des Wärmeschutzes von Fassade, Dach und Keller
  • Reparatur von Deckenbalken
  • Reparatur bzw. Erneuerung der Fenster
  • Reparatur bzw. Erneuerung der Dacheindeckung und Teilerneuerung des Dachstuhls
  • Reparatur und Erneuerung von Innenbauteilen
  • Erneuerung der Haustechnik

Fachwissen zum Thema

Umbau: Ein zuvor wenig genutztes und unscheinbares Bürogebäude bauten MVRDV und Hirschmüller Schindele Architekten für das Veranstaltungszentrum Atelier Gardens in Berlin um.

Umbau: Ein zuvor wenig genutztes und unscheinbares Bürogebäude bauten MVRDV und Hirschmüller Schindele Architekten für das Veranstaltungszentrum Atelier Gardens in Berlin um.

Grundlagen

Bauen im Bestand: Definition, Chancen, Herausforderungen

Sanieren, umbauen, weiterdenken: Bauen im Bestand ist technisch komplex, politisch relevant und entscheidend für das Erreichen der Klimaziele. Eine Einführung

Die Förderlogik folgt verschiedenen Kategorien.

Die Förderlogik folgt verschiedenen Kategorien.

Grundlagen

Förderlandschaft für das Bauen im Bestand

Sanieren, umbauen, erhalten: Ein Überblick über Förderarten, Programme und Zuständigkeiten und wie sich Vorhaben im Bestand finanzieren lassen.

Kontakt Redaktion BauNetz Wissen: wissen@baunetz.de

BauNetz Wissen Partner:
Schüco International KG 
Karolinenstraße 1-15
33609 Bielefeld
Kontakt +49 521 783-0 | www.schueco.com
Zum Seitenanfang

Baualtersstufe: Vorindustrielle Mauerwerksbauten (Mittelalter bis ca. 1850)neu

Schloss Charlottenburg, Berlin, Bj. 1699. Architekt: Johann Arnold Nering / Martin Grünberg.

Schloss Charlottenburg, Berlin, Bj. 1699. Architekt: Johann Arnold Nering / Martin Grünberg.

Massiv, diffusionsoffen und langlebig: Vorindustrielle Mauerwerksbauten erfordern bei der Sanierung ein genaues Verständnis von Material und Konstruktion.

Baualtersstufe: Bauten der NS-Zeit 1933–1945

Im KdF-Seebad Rügen (Prorar) sollten rund 20.000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen. Der Koloss wurde 1936 bis Kriegsbeginn gebaut und nie vollends fertiggestellt. Seit 2004 werden die Blöcke einzeln veräußert und zu Wohn- und Hotelanlagen umgestaltet.

Im KdF-Seebad Rügen (Prorar) sollten rund 20.000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen. Der Koloss wurde 1936 bis Kriegsbeginn gebaut und nie vollends fertiggestellt. Seit 2004 werden die Blöcke einzeln veräußert und zu Wohn- und Hotelanlagen umgestaltet.

Zwischen Standardisierung, Materialmangel und Ideologie: Bauten der NS-Zeit erfordern besondere Sorgfalt bei Sanierung, Umnutzung und denkmalgerechter Aufarbeitung.

Baualtersstufe: Fachwerkhäuser

Die Formensprache und Detailausbildung dieses Baustils ist regional sehr unterschiedlich

Die Formensprache und Detailausbildung dieses Baustils ist regional sehr unterschiedlich

Fachwerkhäuser sind charmant, aber komplex: Der Beitrag zeigt typische Schwachstellen, Sanierungstipps und Fördermöglichkeiten für die historische Bauweise.

Baualtersstufe: Gründerzeit/Jahrhundertwende (ca. 1850–1918)

Gebäude aus der Gründerzeit in Berlin

Gebäude aus der Gründerzeit in Berlin

Massiv gebaut, reich verziert, oft unter Denkmalschutz: Gründerzeithäuser zählen zu den begehrtesten Altbauten, stellen aber hohe Anforderungen an die Sanierung.

Baualtersstufe: Neues Bauen und Moderne (1919–1939)

Die für ihre kräftige Farbgebung bekannte Waldsiedlung "Onkel Toms Hütte" in Berlin Zehlendorf, Architektur: Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg, 1926-1931

Die für ihre kräftige Farbgebung bekannte Waldsiedlung "Onkel Toms Hütte" in Berlin Zehlendorf, Architektur: Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg, 1926-1931

Reduzierte Fassaden, kleine Grundrisse, neue Baustoffe: Gebäude der Zwischenkriegszeit erfordern bei Modernisierung und Energieeffizienz besonderes Fachwissen.

Baualtersstufe: Nachkriegsbauten der 1950er-Jahre

Dass in den 1950er-Jahren nicht nur schmucklose Bauten entstanden, zeigt das unter Denkmalschutz stehende Ignatius-Haus in Berlin-Charlottenburg. Es wurde 1956-57 nach einem Entwurf von Johannes Jackel als Ordenshaus errichtet und dient heute als Hotel.

Dass in den 1950er-Jahren nicht nur schmucklose Bauten entstanden, zeigt das unter Denkmalschutz stehende Ignatius-Haus in Berlin-Charlottenburg. Es wurde 1956-57 nach einem Entwurf von Johannes Jackel als Ordenshaus errichtet und dient heute als Hotel.

Sparsame Bauweise, geringe Dämmung, einfache Technik: Gebäude der 50er-Jahre stellen hohe Anforderungen an die energetische und konstruktive Sanierung.

Vorhangfassaden zwischen 1950 und 1980

Sprossenkonstruktion am Beispiel einer Schule aus den 1960er Jahren in Hannover

Sprossenkonstruktion am Beispiel einer Schule aus den 1960er Jahren in Hannover

Vorhangfassaden aus der Nachkriegszeit haben mit ihren geschichtlichen Vorläufern nur noch die Erscheinungsform gemeinsam. Im...

Baualtersstufe der 60er Jahre

Das Karstadt-Warenhaus in Celle aus dem Jahr 1964-65, Architektur: Walter Brune

Das Karstadt-Warenhaus in Celle aus dem Jahr 1964-65, Architektur: Walter Brune

Die Häuser der 60er Jahre zeigen neue Formen, neue Materialien und neue Konstruktionen. Die größte Wohnraumnot und der größte...

Industrialisierter Wohnungsbau der 70er Jahre/Plattenbauten

Sozialer Wohnungsbau aus den 1970er-Jahren in Berlin-Kreuzberg

Sozialer Wohnungsbau aus den 1970er-Jahren in Berlin-Kreuzberg

In den 1970er-Jahren gewinnt das industrielle Bauen ganz entscheidend an Bedeutung. In der Bundesrepublik entsteht eine ganze...

Baualterstufe der 80er Jahre

Die Architektur der 1980er Jahre ist noch stark geprägt von der Postmoderne und dem beginnenden Dekonstruktivismus. Ursprung der...

Schüco Value Up

Lösungen zur Minimierung des Planungsaufwands für die effiziente Umsetzung komplexer Bestandsprojekte.

Partner-Anzeige