Hauptbahnhof in Berlin
Sichere Karusselltüranlagen
Kaum ein Bauwerk hat wohl in den letzten Jahren so viele Schlagzeilen gemacht, wie der Berliner Hauptbahnhof: Das Prestigeprojekt von Bahnchef Mehdorn und Architekt Meinhard von Gerkan wurde erst zum Präzedenzfall in Sachen Architekten-Urheberrecht, dann stritt man um den Schuldigen von abstürzenden Stahlträgern bei Sturmstärke neun. Allen Unglücken zum Trotz ist der Bahnhof ein Projekt der Superlative: Der größte Kreuzungsbahnhof Europas bildet seine unterirdische Infrastruktur im Außenraum ab, indem zwei so genannte Bügelbauten die kreuzende unterirdische Nord-Süd-Verbindung der Bahn als 'Hochhäuser' auf parallelogrammförmigem Grundriss symbolisieren.
Die geschwungene, filigrane Glas-Stahl-Konstruktion, die als Überdachung der Ost-West-Strecke der Berliner S-Bahn dient, wurde dagegen kurzerhand an beiden Enden gekürzt, so dass Kritiker schon von der "abgebissenen Bratwurst" im Stadtgrundriss sprechen.
Der Berliner Hauptbahnhof, dessen Vorgänger vor dem Krieg der Kopfbahnhof "Lehrter Bahnhof" war, wurde im Bezirk Tiergarten westlich vom Humboldthafen neu errichtet. Das Großprojekt weist eine Objektfläche von 58.000 m² auf fünf Ebenen auf. Hier nutzen täglich bis zu 300.000 Fahrgäste den Bahnhof mit 164 Fernzügen und 324 Regionalzügen. Die Züge fahren im 90-Sekunden-Takt in alle Himmelsrichtungen.
Türautomation
Die Eingangsbereiche zum Hauptbahnhof befinden sich an den 27 m hohen Portalen: Zehn automatische Karusselltüranlagen des Typs K 21-S sind hier integriert, vier am Süd-, sechs am Nordportal. Der Buchstabe "S" steht dabei für die Einhaltung hoher Sicherheitsanforderungen. Dazu wurde vom Hersteller ein so genannter "Schutzschiebeflügel" eigens neu entwickelt, der am Berliner Hauptbahnhof erstmals zur Anwendung kam und mittlerweile zum Patent angemeldet ist: Stoppt die Anlage in der denkbar ungünstigsten Position, in der der Aus- und Zugang verstellt ist, kann durch Betätigung einer der beiden Schutzschiebeflügel eine ausreichend breite Türöffnung geschaffen werden, um die Anlage zügig zu räumen.
Der Sicherheit dient auch eine integrierte Schiebetüranlage, durch die ein lichter Durchgang von 2,40 m geschaffen werden kann. Dadurch wird im Notfall die Durchlaufkapazität erhöht und Rettungsdiensten der Zugang erleichtert. Selbst Fahrzeuge können so durchgeschleust werden. Durch die integrierte Flucht- und Rettungswegfunktion konnte auf zusätzliche separate Fluchtwegtüren verzichtet werden. Zudem verfügen die Türanlagen über eine so genannte "SSM-Techologie", die ebenfalls patentiert wurde: Tritt plötzlich ein bewegliches Hindernis auf, bremst der betroffene Türflügel unabhängig vom anderen ab, um dann wieder in seine Ausgangsposition zurück zu schwingen. Bei konstantem Hindernis stoppt die gesamte Anlage. Ein optoelektronischen Überwachungssystem ergänzt die Sicherheitstechnik. Schließlich sind die Türen innen und außen mit Schaltern zur Reduzierung der Drehgeschwindigkeit ausgestattet, um langsameren Menschen die Nutzung zu erleichtern.
Die Karusseltüren haben einen Durchmesser von 4,20 m und eine Höhe von 2,70 m. Bis zu 140 Personen können hier pro Minute hindurchgehen. Filigrane Profile korrespondieren mit der schlanken Structural-Glazing-Fassade des Eingangsbereichs. Bewegt werden die Karussell-Türanlagen von einem Antrieb, der ein sehr leises Gleiten ermöglicht.
Bautafel
Projektbeteiligte: Schlaich Bergermann und Partner (Statik); Blasi GmbH, Mahlberg (Automatiktüren); Ingenieurgesellschaft Höpfner, Köln (Haustechnik); Lodewick, Herzberg (Heizung, Kälte, Sanitär, Brandschutz), D+H Mechatronic AG, Ammersbek (Antriebstechnik und NRWG)
Bauherr: Deutsche Bahn AG, Berlin
Fertigstellung: Mai 2006
Standort: Invalidenstraße 53, Berlin
Bildnachweis: Deutsche Bahn AG (1), Blasi GmbH (2-4)