Bundeskanzleramt Berlin
Konvexe Treppenpyramiden
Viel Kritik und Tadel mussten die Architekten für dieses, neben dem Reichstag wichtigsten Regierungsgebäude einstecken. Dass dies nicht allein auf den Architekten abzulasten ist, sondern auch den Vorgaben und Wünschen des ehemaligen obersten Bauherrn, dem Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl wird erst als Nebensatz erwähnt.
Nach dem preisgekrönten Entwurf für das - über die Spreeschleife hinweg - "Band des Bundes", waren sich noch viele einig gewesen, dass die Ost-Westorientierung der jüngst zusammengefallenen Teile Berlins und Deutschlands, als Klammer fungieren würde.
Es ist den Architekten gelungen, mit viel geschmähter, fast schon "out-of-order" Architekturplastik auf die großvolumige Gebäudemasse zu antworten. Ob die ondulierten Säulen und Baukörpereinschnitte richtig oder falsch sind, ist wohl zweitrangig. Ob das Gebäude als Symbol des "Weissen Hauses" dagegen eine tragfähige Wirkung ausstrahlen kann, wird die weitere Geschichte zeigen und wird nicht nur vom weißen Beton bestimmt.
Die Innenräume sind sehr großzügig gestaltet, sodaß das Gebäudevolumen in seiner Mächtigkeit auch im Inneren spürbar bleibt. Die Raumfluchten und die Bewegungsführung der öffentlichen Bereiche bis hin zu den versteckteren Regierungsbereichen und dem Kanzlerbüro haben fast theatralische Wirkung und geben dem Gebäude ein offenes und positiv selbstbewusstes Image, das der dort konzentrierten Staatsmacht und seinem obersten Repräsentanten die entsprechende szenische Plattform bietet.
Treppe
Wie schon im bereits 1992 fertiggestellten Kunstmuseum in Bonn haben sich die Architekten mit großen zylinderförmigen Treppenpyramiden beschäftigt.
Um auf die sogenannte "Skylobby" - mit dem Aussichtsbalkon und einem imposanten Panorama über den Tiergarten - zu gelangen, führen vom darunterliegenden Geschoss zwei konvexe Treppen auf eine runde Zwischenplattform, wovon zwei ebenso konvexe Treppen - im Grundriss annähernd halbkreisförmig - im rechten Winkel zu den vorherigen Stufenfluchten auf die Zielebene ansteigen. Dies wiederholt sich im nächsten Geschoss.
Ob die Form nun dem barocken Baumeister Bramante entlehnt ist oder nicht, sie verdeutlicht allemal die kapriziöse Bewegungsführung im Schwerpunkts-Zentrum des Gebäudes. Wie ein kunstvolles Origamifaltwerk spielt die Treppe mit den umliegenden Ebenen und den Wandplastiken. Die Treppen im Bundeskanzeleramt sind sicherlich eines der besten Beispiele in der bundesrepublikanischen Architekturlandschaft für eine gelungene vertikale Bewegungsführung im Baukörper.
Bildnachweis: Werner Huthmacher, Stefan Müller
Bautafel
Architekt: Schultes Architekten – Axel Schultes, Charlotte Frank, Christoph Witt, Berlin
Projektleitung: Christoph Witt, Philipp Heydel
Projektsteuerung: Viterra Gewerbeimmobilien GmbH Frankfurt/Berlin
Generalfachplaner: Ingka Ingenieure Kanzleramt GbR, Berlin
Bauleitung: Diete + Siepmann GmbH, Berlin
Tragwerk: GSE Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin; Saar, Enseleit und Partner; Schlaich, Bergermann + Partner, Stuttgart (Vordach)
Techn. Gebäudeausrüstung: Schmidt Reuter Partner, Berlin/Köln
Bauherr: Bundesbaugesellschaft Berlin mbH (im Autrag für die Bundesregierung)
Standort: Willy-Brand-Str. 1, Berlin
Fertigstellung: Mai 2001
Treppentyp: mehrläufige Treppenanlage aus konvexen, konkaven und geraden Läufen