Stromschaltzentrale Power Grid Control in Wien/A

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Alles im Fluss: Strom und flexibles Schließsystem für maximale Sicherheit

Durch die Liberalisierung der europäischen Elektrizitätsmärkte hat der Stromhandel stark an Bedeutung gewonnen. In Österreich wurde deshalb der Bau einer zentralen Schaltwarte für die landesweite Stromversorgung notwendig. Bauherr ist der größte Übertragungsnetzbetreiber des Landes, die Verbund Austrian Power Grid, kurz Verbund APG. Nach ihr ist auch das Gebäude der neuen Hauptschaltleitung benannt – die Power Grid Control. Von hier werden sämtliche Stromanlagen des Landes überwacht und gesteuert, Im- und Exporte elektrischer Energie abgewickelt und die Verbindung mit den europäischen Übertragungsnetzen sichergestellt. Geplant wurde die Schaltzentrale vom Büro Podivin und Marginter Architekten.

Neben der Warte mit der zentralen Netzsteuerung beherbergt der Neubau ein Informationszentrum sowie das sogenannte Safety and Security Center. Zu dessen Hauptaufgaben zählt der Objekt- und Brandschutz der Schaltzentrale, die Zutrittskontrollen sowie die Objektüberwachung aller 57 Umspannwerke des Netzbetreibers. Im Infocenter können Besucher einen Blick hinter die Kulissen der Stromversorgung werfen und an Führungen durch die derzeit größte und modernste Anlage Europas teilnehmen.

Das Gebäude liegt an der Wiener Außenringschnellstraße S1 Richtung Schwechat. Seine dynamische Form inklusive dem kantigen Aufbruch auf der Südseite, soll den Stromfluss als Bewegung darstellen, so die Architekten. Konstruktiv handelt es sich um einen Stahlbeton-Skelettbau mit aussteifenden Scheiben. Der markante Lamellengürtel um das Gebäude ist nicht nur gestaltbildend, sondern gleichzeitig ein starres Sonnenschutzsystem. Eine technische Besonderheit ist die mehrfach gekrümmte, aus Gründen der Abdichtung und Windbeständigkeit völlig glatte Aluminiumdachschale. Sie wurde als umgedrehter Bootsrumpf speziell für diese Anlage gemeinsam mit einem Bootsbauer entwickelt und sorgt für absoluten Blitzschutz – unabdingbar für eine Stromschaltzentrale. Zudem hält sie Strahlungen und Störenergien davon ab, die Innenräume und die empfindlichen Computeranlagen zu beeinflussen. Sogar den Absturz eines Kleinflugzeuges soll die metallene Haut aushalten können.

Eine klare, reduzierte Materialwahl bestimmt die Innenräume der Schaltzentrale. Zum Einsatz kamen keramische Wandplatten, die wie gebürstetes Metall anmuten, hinterleuchtete ovale Deckenpaneele, beleuchtete Stiegen, Metallhandläufe und rostige Wandtafeln, die den Verlauf der Zeit symbolisieren sollen. Der Eintritt erfolgt im Mittelteil des Gebäudes an seiner schmalsten Stelle.

Zum Energiekonzept gehört die Nutzung von erneuerbaren Energien für das Heizungs-, Lüftungs- und Klimasystem. So wird beispielsweise der Energiebedarf für die Heizung bzw. Kühlung durch 28 Tiefenbohrungen von je 120 m Tiefe (Solewärmepumpe) sowie über 2.700 m erdverlegte Luftleitungen abgedeckt. In der Übergangszeit erzielt eine Rückkühlanlage in Form einer Luft-Luft-Wärmepumpe den Mehrbedarf an Heizleistung. Auf dem Dach des Gebäudes ist eine Photovoltaikanlage installiert, deren elektrische Energie in Batterien gepuffert wird und damit die unterbrechungsfreie Stromversorgung gewährleistet.

Sicherheitstechnik
Für die Energieversorgung Österreichs nimmt die Power Grid Control eine Schlüsselposition ein: Von hier aus werden sämtliche Standorte des Strombetreibers gesteuert. Dazu gehören die vier regionalen Hauptstellen Ost, Süd, West und Mitte sowie zahlreiche Unterstellen. Insgesamt arbeiten mehrere Tausend Personen für das Unternehmen; die Schließtechnik für alle Standorte stammt von nur einem Hersteller. Nachdem die Ingenieure der Verbund APG einen Schließplan entwickelt hatten, wählten sie ein kopiergeschütztes mechanisches Schließsystem, das in Verbindung mit einem elektronischen System höchste Gebäudesicherheit gewährleistet.

Etwas mehr als 3.700 mechanische Schließzylinder wurden eingebaut (1.100 Haupt- und Gruppenschlüssel, über 1.000 Eigenschlüssel sowie etwa 540 Kombischlüssel). Das mechanische System arbeitet federnfrei über eingefräste Kurven, die insgesamt während eines Sperrvorgangs viermal abgefragt werden. Außerdem ist es besonders verschleißfest und gegen Picking geschützt. Sein Vorteil liegt in der großen Zahl an Variationsmöglichkeiten für derart komplexe Anlagen mit sich überschneidenden Hierarchien. Die wendbaren, also beidseitig einsetzbaren Schlüssel, öffnen je nach Berechtigung mechanisch oder elektronisch verriegelte Türen. Alle Hauptzugänge sowie alle wichtigen Nebeneingänge werden online gesteuert. Insgesamt besteht das elektronische Schließsystem aus rund 100 Online-Türen mit Wandlesegeräten und etwa 200 Offline-Komponenten. An den Hauptstandorten sind Schlüsseltresore angeordnet, die von den Mitarbeitern mit ihrem Ausweis geöffnet werden können. Dies erlaubt eine personenunabhängige Schlüsselübergabe.

Die eingesetzte Schließanlage ist sehr flexibel und permanent erweiterbar. Dies war eine Grundvoraussetzung für ihren Einsatz, werden doch die Standorte des Netzbetreibers laufend um- und ausgebaut. Bei der neuen Schaltzentrale sorgt sie für einen wirksamen Objektschutz. Aber nicht nur das Gebäude, auch das Außengelände ist wegen der stromführenden Leitungen besonders gesichert. Mit einer Sprechanlage ausgerüstete Schiebetore sorgen dafür, dass kein Unbefugter die Anlage betritt.

Bautafel

Architekten: Podivin und Marginter, Mödling/A
Projektbeteiligte: IC-Consulenten, Wien (Statik/Haustechnik/TGA); Burian, Wagramstetten/A (Bauphysik); Peneder, Haag/A (Brandschutz); Metallbau Hrabal, Tattendorf/A (Stahlbau); Pasteiner, St. Pölten/A (Fassadensysteme); Basic, Wr. Neudorf/A (Sicherheitsplanung); Evva, Wien/A (Schließsysteme 3KS, Salto XS4)
Bauherr: Verbund Austrian Power Grid, Wien/A
Standort: Am Johannesberg 9, 1100 Wien/A
Fertigstellung: 2009
Bildnachweis: Lukas Dostal, Wien/A

Surftipps

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