Green Point Stadion in Kapstadt

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Sicherheitskonzept für Massenveranstaltungen

Neben vielen Erinnerungen bleiben den Südafrikanern im Anschluss an die Fußballweltmeisterschaft 2010 auch einige herausragende Stadionbauten. Eine Landmarke ist das Green Point Stadion am Fuß des Signal Hill in Kapstadt nach einem Entwurf der Hamburger Architekten von Gerkan, Marg und Partner. Errichtet wurde es als Teil eines öffentlichen Parks in der Stadtmitte, auf dessen Gelände sich auch der älteste Golfplatz und der älteste Rugby-Club Südafrikas befinden. Umgeben von Wohngebieten liegt der Park nahe des zentralen Geschäftsviertels sowie des alten Hafengebiets, das einen besonderen touristischen Anziehungspunkt bildet.

Ein wichtiger Aspekt der Planung galt der städtebaulichen Integration des Stadions. Auf keinen Fall sollte es mit den bestimmenden Elementen der Stadt Kapstadt – dem Tafelberg, dem Signal Hill und dem Atlantischen Ozean – konkurrieren. Nun fügen sich seine sanft geschwungenen, horizontalen Linien harmonisch in die vorhandene Topografie; transluzente Außenhautflächen reagieren auf wechselnde Wetter- und Tageslichtverhältnisse.

Das Stadion ist als Mehrzweckarena konzipiert, so dass hier nicht nur Fußball- und Rugbyspiele, sondern auch Konzerte, Feste, Messen und verschiedene Aufführungen stattfinden können. Auf drei Tribünenebenen gibt es Sitzplätze für bis zu 68.000 Zuschauer, von denen 2.500 in Logen aufgeteilt sind. Das Hängedach soll die Aufmerksamkeit der Zuschauer gezielt auf das Spielfeld lenken, deren Sicht von allen Plätzen aus besonders gut sein soll.

Auf den Ebenen +02 und +06 liegen breite Erschließungskorridore (so genannte Wandelhallen) als Rückgrat der Verkehrsflächen und Verbindung zwischen den verschiedenen Einrichtungen wie Ruheräumen, Getränke- und Imbissbuden, sanitären Anlagen und Geschäften. Die meisten Bereiche sind durch Wände aus Sichtbeton geprägt. Das Spielfeld ist auch von den Wandelhallen aus sichtbar, die rund um die Arena führen und durch den regelmäßigen Rhythmus der Stützen und Schrägstreben gefasst werden. Die obere Halle bietet auf einer Höhe von 25 Metern einen weiten Ausblick über Kapstadt und den Ozean.

Die Arena ist parabolförmig ausgebildet, um den Zuschauern eine optimale Sicht zu ermöglichen. Die Außenhaut ist oval und verläuft nicht parallel zu den Reihen um das Spielfeld. Ein künstliches Plateau, das Parkplätze, Warenanlieferung und Zufahrten für Feuerwehr und Rettungsdienste beinhaltet, vermittelt zwischen städtischem Umfeld und Stadion. Von drei Seiten führen breite Rampen und Treppen hinauf.

Ein Hängedach als fünfte Fassade hält das Gebäude niedrig und ermöglicht einen stützenfreien Innenbereich. Die Dachkonstruktion ist beidseitig verkleidet, dahinter verbirgt sich ein Seiltragwerk mit integriertem Stahldruckring am Außenrand, das wie ein Radspeichensystem konzipiert ist. Der Druckring entspricht hierbei der Felge, radial angeordnete Seile dienen als Speichen und ringförmig angeordnete Seile stellen die Nabe des Systems dar, das selbstständig tragfähig ist. Die 72 Radialseile sind über Gussstahlelemente mit den acht Ringseilen verbunden, auf denen Stahlfachwerkbinder stehen. Verbunden werden diese über tangential angeordnete Stahlträger.

Die Dachoberfläche ist mit rund 11.000 Glasscheiben bedeckt, die in unterschiedliche Segmente aufgeteilt sind: Der obere, 16 m breite Ring besteht aus klarem Verbundsicherheitsglas, das viel Licht auf das Spielfeld fallen lässt, die übrigen Glasflächen sind aus teilvorgespanntem Glas mit einer speziellen Emaillierung hergestellt. Diese sorgt nicht nur für einen geringeren Lichteinfall sondern senkt auch die Hitzedurchlässigkeit um etwa 80%. Die Unterseite des Daches ist mit transluzenten Textilien verkleidet, die den Schall dämmen und die technischen Installationen verdecken. Die Außenhülle besteht aus einer Membrankonstruktion mit einer Haut aus hellem, halb transparenten Glasfaserstoff mit weicher Silberbeschichtung. Dieser umspannt das Tragwerk wie ein leichter Schleier, der wechselnde Licht- und Wetterverhältnisse reflektiert und teilweise Einblicke ins Innere freigibt. Bei Sonnenuntergang ist das Stadion in glühendes Rot getaucht, nachts schimmert es wie eine Laterne aus Papier.

Sicherheit
Eine leichte Orientierung und die größtmögliche Sicherheit bei Massenveranstaltungen war für die gesamte Planung des Green Point Stadions von besonderer Bedeutung. Das klare und übersichtliche Gesamtkonzept wurde speziell während der Fußballweltmeisterschaft durch die große Zahl von Sicherheitskräften und moderne Überwachungstechnik unterstützt. Mit 25 Bildern pro Sekunde ermöglichen Videokameras die nahtlose Aufnahme von Besuchern und das Erstellen von Porträts jedes Einzelnen. Ein Sicherheitsverantwortlicher kann diese vor Ort live auf seinem Monitor verfolgen. Im Fall von Ausschreitungen lassen sich die Bilder der Videoüberwachungsanlage direkt zur Polizei übertragen. Bewegliche Schwenks ermöglichen das gezielte Erfassen von Verdächtigen. Personenkontrollen und Drehsperren verhindern den freien Zugang von Besuchern in nicht gewünschte Bereiche.

Die Ausbreitung von Brandrauch insbesondere in Flucht- und Rettungswegen verhindern Rauch- und Wärmeabzugsanlagen. Dafür wird der thermische Auftrieb genutzt. Die warmen Rauchgase steigen nach oben und werden dort abgeführt, während im unteren Stadionbereich Frischluft über Fenster und Türen nachströmt. Die Abluftfenster sind mit Elektroantrieben ausgestattet und dienen auch der täglichen Be- und Entlüftung, im Notfall öffnen sie sich automatisch. Die Steuerung erfolgt über eine Notstromzentrale, die alle angeschlossenen Öffnungssysteme und Alarmkomponenten überwacht. Auch die Feuer- und Rauchschutztüren werden im Falle eines Brandes in der jeweils passenden Abfolge über diese Zentrale gesteuert, um ein Übergreifen des Feuers zu verhindern.

Die Türflügel der Eingangs- und Innentüren sind in variablen Öffnungswinkeln elektromagnetisch feststellbar, so dass viele Zuschauer zugleich passieren können. Im Brandfall hebt ein Rauchschalter die Feststellung auf und die Türen schließen automatisch über Bodentürschließer, die nahezu unsichtbar in den Boden integriert sind.

Bautafel

Architekten: gmp - von Gerkan, Marg und Partner, Hamburg
in Arbeitsgemeinschaft mit Louis Karol architects, Point architects, Kapstadt
Projektbeteiligte: Schlaich Bergermann und Partner, Stuttgart (Tragwerksentwurf und -planung Dach); BKS, Iliso Consulting, Henry Fagan & Partners, KFD Wilkinson, Arcus Gibb, Kapstadt (Statik); Geze, Leonberg (RWA, Tür- und Fenstertechnik)
Bauherr: City of Cape Town
Fertigstellung: 2010
Standort: Green Point, Kapstadt

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