Europäisches Hansemuseum in Lübeck

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Geschlämmter roter Ziegel und gotisches Vierpass-Motiv

Die Hanse war eine frühe nordeuropäische Vereinigung der Kaufleute und Händler im Nord- und Ostseeraum mit großem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluss. Ihre Gründung und Entwicklung fällt mit der Stadtgründung von Lübeck am Ufer der Trave im Jahr 1143 zusammen – von hier aus stachen die ersten großen Hansekoggen in See. Da ist es nur folgerichtig, dass passgenau dort, wo Heinrich der Löwe die ersten Befestigungsmauern aus Backstein auftürmte, heute mit dem Europäischen Hansemuseum das größte Museum zu ihrer Geschichte steht.

Der Entwurf für den Neubau und für die Sanierung und Restaurierung des bestehenden Burgklosters stammt von dem Hamburger Studio Andreas Heller. An der Stelle, wo bis Ende des 19. Jahrhunderts das Arsenal stand und später ein Luftschutzbunker mit Seemannsheim, schiebt sich jetzt der Museumsneubau wie ein Böschungsbauwerk vor den Hang des Burghügels. Seine lange Fassade aus Backstein erinnert an die ehemalige Stadtmauer, der Abschluss zur südlich angrenzenden Straße Kleine Altefähre in Form einer schmalen Giebelfassade reiht sich ein in die für Lübeck typischen Bürgerhäuser.

Quer zur Längsausrichtung des Museums entlang des Traveufers dringt die Eingangstreppe durch den Neubau hindurch. Sie ist der zentrale Zugang für das Museum und direkte fußläufige Verbindung hinauf zu den Außenanlagen samt neuer Dachterrasse, zum Burgkloster und weiter zur Altstadt. In der Dauerausstellung zur Geschichte der Hanse im Haupthaus wechseln sich in den zumeist fensterlosen Räumen große multimedial inszenierte Dioramen mit der Präsentation einzelner originaler Fundstücke ab. Eines dieser Fundstücke tauchte erst während der Bauarbeiten auf und bildet jetzt den Auftakt zur Ausstellung: ein archäologisches Grabungsareal, das die bauliche Entwicklung Lübecks an dieser Stelle seit den slawischen Ursprüngen im 9. Jahrhundert zeigt.

Wesentlicher Bestandteil der Gesamtanlage ist das nun integrierte Burgkloster. Es gilt als eine der bedeutendsten mittelalterlichen Klosteranlagen Norddeutschlands. Seine Nutzungsgeschichte als Dominikanerkloster, Hospital, Gerichtsgebäude samt angeschlossenem Gefängnis wird durch die Restaurierung inszeniert und erzählt. Zuvor waren nicht erhaltenswerte Gebäudeteile und Einbauten entfernt worden. Für raumbildende Ergänzungen wählten die Architekten weißen Beton, der diese als neue Schicht erkennbar macht; für Schutzverkleidungen, Tore und Türen das Material Bronze, das ein sich konsequent wiederholendes Element innerhalb und außerhalb des Burgklosters darstellt.

Sämtliche Glasfassadenelemente sind dreifach isolierverglast, um eine bestmögliche Wärme- und Kältedämmung sicherzustellen. Die Energie zum Heizen, zur Warmwasserbereitung und zur Klimatisierung des Museums liefert eine Geothermieanlage mit Wärmepumpe und Wärmerückgewinnung.

Mauerwerk
Das dominierende Fassadenmaterial des Hansemuseums ist der für den norddeutschen Raum charakteristische rote Ziegel, der hier darüber hinaus auch auf die alte Stadtmauer verweist. Die Außenwände sind zweischalig mit Luftschicht und Wärmedämmung aufgebaut. Aufgrund unterschiedlich bemessener Luftschichten variieren ihre Stärken zwischen 55 und 65,8 cm.

Wandaufbau von innen nach außen:

  • 25 cm Stahlbeton als tragende Hintermauerwand
  • 14 cm Wärmedämmschicht
  • 5,2 bis 16 cm Luftschicht
  • 10,8 cm Sichtmauerwerk aus Klinkersteinen fixiert mit Mauerwerksankern
Der Klinker für das Museum – ein in Holzformen handgespresster Stein – wurde vom Hersteller und den Architekten eigens entwickelt. Neben dem Standardformat von 30,5 x 6,5 x 10,5 cm wurden Kopfsteine im Format 14,5 x 6,5 x 10,5 cm angefertigt. Im Herstellungsprozess wurden die Klinker größtenteils mit einer Schlämme in drei unterschiedlichen Abstufungsgraden versehen, wodurch ihr Farbton variiert. Je geringer der Schlämmanteil ist, desto dunkler erscheint der Farbton des Klinkers. Die Abstufung und Variation geschieht am Museum von unten hell nach oben dunkel, um zur Traufe hin einen dunkleren Gebäudeabschluss zu erzielen. Zur Verstärkung dieses Effektes wurden zudem die Fugen nach oben hin tiefer eingekratzt und bilden dadurch dunkle Schatten. Die Klinkersteine wurden im wilden Verband vermauert und den Mörtel hat man nicht abgezogen, um ein raues lebendiges Fassadenbild zu erhalten. Die Stürze oberhalb der teilweise sehr langen Fensterbänder wurden mit auf einer Trägerplatte aufgebrachten Riemchen verkleidet.

Die Giebelhausfassade zur Seitenstraße erhielt als Reminiszenz an die in Norddeutschland verbreitete Backsteingotik eine ornamentale Verkleidung mit Vierpass-Motiv. Das aus mehreren Halbkreisen zusammengesetzte Motiv fand vor allem in den Fassaden und Fenstern gotischer Kirchenbauten Verwendung und wurde meist aus Naturstein geschlagen, im Norden aber auch aus Formsteinen aus gebranntem Ziegel gebildet. Im Giebelfeld des Museumsneubaus wird der Vierpass-Stein nicht als einzelnes Schmuckelement verwendet, sondern als große prägnante Ornamentikfläche in einer Art Klinker-Passepartout. Die Vierpass-Fläche ist, um einen baulichen Abschluss zu bilden, mit einer zweiten Schale aus flächigen Klinker hintermauert worden. Die Lochung der Fassade sorgt zugleich für die Belüftung der im Dachstuhl untergebrachten haustechnischen Anlagen. Jeder einzelne Vierpass-Stein ist vom Hersteller per Hand in einer Holzform gefertigt worden und dadurch leicht schartig und unregelmäßig.

Bautafel

Architekten: Studio Andreas Heller Architects & Designers, Hamburg
Projektbeteiligte: Kröger & Steinchen, Lübeck (Tragwerksplanung); Studio Andreas Heller, Hamburg und WES Landschaftsarchitektur, Hamburg (Landschaftsplanung); Studio Andreas Heller, Hamburg und Andres-Lichtplanung, Hamburg (Lichtplanung); Petersen Tegl, Broager, Dänemark (Klinkerhersteller)
Bauherr: Europäisches Hansemuseum, Lübeck
Fertigstellung: 2015
Standort:
An der Untertrave 1, 23552 Lübeck
Bildnachweis: Werner Huthmacher, Berlin

Surftipps

www.hansemuseum.eu

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