Wohnhaus Cesar Manrique, Lanzarote/E
Licht durch Lavalöcher
Die Legende erzählt, dass Cesar Manrique – der Architekt, Maler und Bildhauer Lanzarotes - während einer Inselrundfahrt seinen Blick über eines der unzähligen Lavafelder schweifen ließ und dabei die Spitze eines Feigenbaums entdeckte, der aus einer unterirdischen Lavahöhle emporwuchs. Spontan habe Manrique beschlossen, an diesem bizarren Ort ein Wohnhaus für sich und seine Kunstsammlung zu bauen.
In der Tat sind Ort und Haus ungewöhnlich – und erleben im Zuge des 70er-Jahre-Revival ein Comeback, als seien wieder Pussy Calor, Omar Sharif und James Bond am Pool zu Besuch.
Das Grundstück erstreckt sich über ca. 30.000 m² eines Lavastroms der Eruptionen von 1730 bis 1736. Das Haus setzt sich aus zwei Ebenen zusammen, die zusammen eine Grundfläche von ca. 1.800 m² ergeben, zuzüglich mehrerer Terrassen und einer Gartenanlage von insgesamt ca. 1.200 m². Das Erdgeschoss ist eine Staffelung verschieden großer schneeweißer Kuben, die im gleißenden Sonnenlicht mit der organisch erstarrten tiefschwarzen Lava kontrastieren. Diese Erdgeschossräume beherbergen heute die Verwaltungsräume der Stiftung und die Kunstsammlung mit Werken von Picasso, Tapies, Miro, Chillida und anderen spanischen Künstlern.
Spektakulär ist der Abstieg auf der zentral gelegenen Wendeltreppe in die unterirdischen Lavahöhlen. Manrique verband fünf derartige "Lavablasen" mit Stollen und nutzte sie als Wohn- und Essbereiche, die schließlich in eine halboffene Lava-Mulde mit einem Swimming-Pool, einer Bar und einer Tanzfläche münden.
Fenster/Lichtöffnungen
Nur das Erdgeschoss zeigt Fenster im herkömmlichen Sinn. Hier arbeitete Manrique mit einem Wechsel von kleinen Loch-Fenstern zur Straße und großformatigen Panorama-Ausschnitten zur Gartenanlage und dem Lavastrom. Diese Panorama-Fenster holen die Lava nicht nur visuell in das Hausinnere, sondern mehrfach schiebt Manrique die Glasscheibe wortwörtlich in die Lava und lässt diese so auf den hellen Marmorboden der Galerieebene hereinquellen. Die Trennung von Innen und Außen, von schützendem Haus und unkontrollierbarer Naturgewalt ist aufgehoben.
Die unterirdischen Lavahöhlen werden ausschließlich durch natürliche Deckenöffnungen - Löcher in der Lavakruste - belichtet. Aber auch hier steigert Manrique das Spiel mit Licht und Schatten durch den Kontrast zwischen der pechschwarzen Lavamasse der Wände und einer schneeweißen glatten Fußbodenlackierung. Diese hochglänzende weiße Fußbodenfläche zieht sich noch ca. 20 bis 50 cm an den rauhen Wänden hoch, in der Wirkung vergleichbar mit dickflüssiger Sahne in einem fast ausgelöffelten Schälchen Mousse au Chocolat. Orange Kunstlederkissen unterstreichen die wunderliche Atmosphäre.
Solange die Sonne scheint, zeigen sich die Höhlen durch die Reflektion der durch das Deckenloch einfallenden Sonnenstrahlen auf dem weißen Fußboden nahezu taghell. Nachts dagegen funkeln einzelne Sterne aus einer unergründlichen dunklen Materie und das Weiß des Bodens löst sich schimmernd auf.
Auf der Suche nach Ruhe für seine künstlerische Arbeit, die in seinem spektakulären Wohnhaus aufgrund vieler neugieriger Besucher nicht mehr gewährleistet war, zog Manrique in den Norden der Insel. Das Wohnhaus baute er selbst um zum Sitz seiner noch zu Lebzeiten gegründeten Stiftung und machte es damit der Öffentlichkeit zugängig. Und trotz gigantischer Touristenmassen, die sich wie neuzeitliche Lava durch das Haus wälzen, kann die Besichtigung wärmstens empfohlen werden.
Bautafel
Architekt und Bauherr: Cesar Manrique, Lanzarote
Fertigstellung: 1968, Umbau zur Fundacion Cesar Manrique 1991/1992
Standort: Taro de Tahiche, Teguise, Lanzarote/E
Bildnachweis: Pedro Albornoz über Fundacion Cesar Manrique