Phaeno Experimentierlandschaft in Wolfsburg
Fenster und Türen als Parallelogramme, Rhomben und Trapeze
1999 schrieb die Stadt Wolfsburg einen eingeladenen Wettbewerb für eine Art Mixtur aus Naturkundemuseum, Experimentallabor und Event-Halle aus, an dem sich u.a. COOP Himmelblau und Enric Miralles beteiligten. Zaha Hadid gewann und konnte in Arbeitsgemeinschaft mit dem deutschen Büro Mayer Bährle ihren spektakulären Entwurf erstaunlich konsequent und präzise realisieren. Das Ergebnis ist ein wie aus einem Stück wirkendes, amorph modelliertes Volumen, das sich mit zehn gigantischen Tentakeln über den ebenfalls neu modellierten Willy-Brandt-Platz zwischen Bahnhof, Mittellandkanal und Autostadt erhebt.
Das Gebäude hat auf einer nahezu dreieckigen Grundfläche die Abmessungen 154 m x 130 m x 97 m und eine ungefähre Höhe von 17 m. Die BGF beträgt ca. 11.000 m2, wobei 6000 m2 auf die große zusammenhängende Ausstellungsfläche entfallen. Weitere Funktionen sind neben den üblichen Nebenräumen ein Restaurant, eine Cafeteria, ein Laden für Andenken, Bücher und Spiele, ein "Show-Krater" für Podiumsveranstaltungen u.ä., sowie drei Laboratorien für selbstständige Experimente mit "Tech", "Life" und "Bio".
Zum ersten Mal wurde in Deutschland mit selbstverdichtendem Beton (SVB) gearbeitet, da es nur mit diesem in honigartiger Konsistenz fließenden Baustoff und aufwendigsten Schalungsformen möglich schien, die von Zaha Hadid am Rechner mittels 3D-Modelling entwickelte Plastizität auch bauen zu können. Über diesem Sichtbeton-Gebilde liegt eine 90 cm starke und wiederum schiefwinklige Stahl-Kassettendecke als Dach auf, die innen unverkleidet bleibt und an deren Trägern zahlreiche Exponate abgehängt sind.
Fenster und Türen
Eine Trennung in Wand, Boden und Dach ist angesichts der skulpturalen Verschmelzung mit Krümmungen, Kurven und Schrägen aufgehoben - folglich befinden sich Fenster horizontal zu den Füßen und den Köpfen der Besucher sowie vertikal auch in Flächen mit bis zu 40° Neigung. Die Öffnungen für die Fenster und Türen wurden mit Aussparungskästen im SVB-Ortbeton hergestellt, wobei dies eine enorme Paß- und Maßgenauigkeit sowohl bei den Schalungsarbeiten, beim Einbringen des Betons und für die späteren Ausbauarbeiten verlangte. So sollten Schattenfugen umlaufend lediglich 8 mm betragen - bei Sichtbetonqualität.
Der Haupteingang befindet sich als trapezförmige Glas-Schiebetür in einem der konischen "Raumstützen"-Tentakel. Das Türblatt, nicht nur ungewöhnlich schiefwinklig, sondern entsprechend der Wandneigung außerdem nach außen geneigt, gleitet sensorgesteuert über verdeckte Führungsschienen im Boden und im Sturzbereich. Ähnliche Konstruktionen finden sich bei den Eingängen zur Gastronomie und zum Laden sowie als Festverglasungen sogar sphärisch gekrümmt als Ausblicke auf die unter dem Volumen liegende öffentliche Platz-Ebene. Die größten Scheiben haben dabei Maße von bis zu 2 m x 6 m bei 32 mm Stärke und bis zu 500 kg Gewicht und erforderten schon aufgrund ihrer nicht-parallelen Kanten Zulassungen im Einzelfall.
Die Fenster zeigen sich als Rhomben und Parallelogramme mit gerundeten Ecken und sind als Festverglasungen mit versenkten Profilen konstruiert. Sie wecken Assoziationen an dynamisch überformte Flugzeug-Bullaugen. Obwohl die tiefe innere Laibung mit einem Alublech kaschiert ist, gleichen sich die Ansichten von innen und außen an - und entsprechen damit wiederum dem entwurflichen Konzept einer räumlichen Auflösung von innen und außen.
Die "Phaeno Experimentierlandschaft", wie das Haus offiziell heißt, ist wirklich sehenswert, auch wenn der Eintritt mit 11 EUR recht hoch angesetzt wurde - und abzuwarten ist, ob und wie das Haus altert. -ju
Bautafel
Architekten: Zaha Hadid, London in Arbeitsgemeinschaft mit Mayer Bährle, Lörrach
Projektbeteiligte: Adams Kara Taylor, London (Tragwerksplanung); Tokarz, Frerichs, Leipold, Hannover (Tragwerksplanung)
Bauherr: Stadt Wolfsburg
Fertigstellung: 2005
Standort: Willy-Brandt-Platz 1, Wolfsburg (direkt neben dem Bahnhof)
Bildnachweis: Susanne Junker, Berlin