Niederrheinhalle, Gimbsheim
Verglaster Hauptfachwerkträger als Oberlicht
Gimbsheim ist ein kleiner beschaulicher Ort inmitten von Weinbergen in Rheinhessen. Eine alte Schulturnhalle wurde nicht nur von turnenden Kindern sondern mindestens ebenso häufig von den zahlreichen Vereinen des Ortes genutzt, bis baukonstruktive Probleme mit der Bauwerksgründung resultierend aus dem nahen Rheingraben und wechselnden Grundwasserständen die Gemeinde zu Neuüberlegungen veranlassten. Die neue Halle ist als "echte" Mehrzweckhalle Teil einer großzügigen Sport- und Freizeitanlage. Geschickterweise wurde bei der Neuplanung die alte Halle nicht aufgegeben, sondern über ein gemeinsames Foyer aufgewertet. Dieses Foyer liegt mittig zwischen beiden Hallen und bedient die gemeinsamen Sanitär- und Umkleidebereiche. Der erhöhte Flurbereich wird gleichzeitig als Stehtribüne genutzt.
Die Mehrzweckhalle hat Außenabmessungen von 24,00 m x 52,00 m bei einer inneren Höhe von 7,20 m bis 7,60 m. Diese Raumgröße, verbunden mit Galerien über den stirnseitigen Geräteräumen, mit einer mobilen Bühne und wahlweise vollständiger Bestuhlung, ermöglicht neben den sportlichen Aktivitäten zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Veranstaltungen mit bis zu 800 Personen.
Das Foyergebäude ist eine Stahlbetonskelettkonstruktion, die Halle eine Stahlkonstruktion. Die Aussteifung erfolgt über Auskreuzungen in der Dachebene und Vertikalverbänden in den Hallenquer- und Längsseiten. Die Fassade besteht als hinterlüftete Konstruktion aus Stahlkassetten mit 16 cm starker Dämmung und einer vorgehängten Haut aus Titanzinkblech. Die optimale Wärmedämmung des gesamten Gebäudes entspricht dem Standard "Niedrigenergiehalle", zumal die neue Halle vollständig über die Energiereserven der vorhandenen "alten" Technikzentrale versorgt wird.
Im Inneren beschränken sich die Materialien auf Sichtbeton, Stahl sowie gelochte Stahlkassetten, Birke-Multiplexplatten und Glas, also auf Materialien, die sich optisch zurücknehmen und das logische System aus tragenden und nichttragenden Elementen ablesbar machen.
Fenster/Oberlicht
Der erste Eindruck beim Betreten der Halle zeigt einen hellen und freundlichen Raum, der durch ein ungewöhnliches Oberlicht optisch überhöht wird. Dieses Oberlicht, das an die Rückenflosse eines riesigen Wals erinnert, wird durch die vollständige Verglasung des Hauptfachwerkträgers gebildet, der überraschenderweise nicht in Quer- sondern in Längsrichtung die gesamte Halle überspannt (Spannweite 43,20 m). Der räumliche Träger besteht aus zwei bogenförmigen Fachwerkträgern, die jeweils um 45° gegeneinander gekippt sind. Die Obergurte stützen und stabilisieren sich damit gegenseitig. Die Untergurte liegen flächenbündig mit der Hallendecke und halten Nebenträger mit einem Abstand von jeweils 7,20 m und einer Spannnweite von 8,40 m.
Aufgrund der sorgfältigen Analyse von Tragwerksverhalten, Materialgerechtigkeit in der Konstruktion und schließlich des zu beheizenden Raumvolumens, das sich durch einen einzigen Träger an Stelle der sonst üblichen konstruktiven Aufbauhöhe bei Hallendächern erheblich reduzierte, erwies sich die Entscheidung für den ungewöhnlichen Längsträger als sinnvoll und vernünftig. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei natürlich die Personalunion aus Architekt und Tragwerksplaner.
Oberlichter sind naturgegeben blendfrei und für sportliche Indoor-Veranstaltungen unabdingbar - hier trägt zusätzlich die natürliche warme Helligkeit durch die Größe des Oberlichts entscheidend zum Wohlbefinden bei und unterstützt die Klarheit des Raums. Nachts wölbt sich das Oberlicht als leuchtende Rückenflosse aus der Hallenkubatur heraus, ein zweifellos spektakulärer Effekt bei einem öffentlichen Gebäude, das ja auch für zahlreiche Feste und Feiern genutzt wird.
Weitere "normale" Oberlichter über den Erschließungsfluren dienen der Orientierung. Die Hallennordseite ist ebenfalls über mehrere Felder verglast. Diese Fenster und Fenstertüren holen so die Gartenlandschaft zwischen dem Gebäudekomplex und dem Fluss regelrecht in die Halle hinein.
Das Spiel mit Licht und Helligkeit setzt sich in der Fassade fort. Die Haut aus Titanzinkblechen reflektiert das Licht und schimmert je nach Tageszeit und Witterung von dunkelanthrazit über hellgrau bis silbrig weiß - der Bauch eines wohlproportionierten aber orthogonalen Wals.
Bautafel
Architekten: Prof. Dr. Karl Spies, Berlin/Gimbsheim und Martin Weber, Stuttgart
Tragwerksplanung: Prof. Dr. Karl Spies, Berlin/Gimbsheim
Bauherr: Gemeinde Gimbsheim
Fertigstellung: 1997
Standort: Gimbsheim
Bildnachweis: Prof. Dr. Karl Spies