Kreisberufsschulzentrum in Biberach
Fenster mit Siebdruckkunst
Eine weithin sichtbare künstlerische Gestaltung prägt die Erweiterung der Karl-Arnold-Schule und den Neubau der Gebhard-Müller-Schule. Es gibt keine klassische "Kunst am Bau" als aufgesetzte Dreingabe, die Gebäude selbst werden zu Kunstobjekten.
Die Bauaufgabe bestand darin, die Werkstattgebäude der Karl-Arnold-Schule zu erweitern, denn die räumlichen Möglichkeiten waren sehr eingeschränkt. Eigentlich stand nur ein etwas größerer "Vorgarten", eine schmale Grünfläche entlang einer Straße zur Verfügung. Im Wettbewerb setzte sich der Entwurf der Architekten Elwert, Stottele, Rädle durch, der einen langgestreckten Riegel an der Straße vorsieht. Die innere Struktur ist einfach und übersichtlich, Lehrwerkstätten unterschiedlicher Größe mit Nebenräumen und Materiallagern reihen sich, variabel nutzbar, aneinander. Die natürlich belichteten Raumfolgen - unterbrochen durch Erschließungskerne - wechseln zwischen offenem und geschlossenem Charakter.
Eine 120 Meter lange Straßen-Fassade architektonisch zu gliedern, ist anspruchsvoll, denn derartige Dimensionen neigen schnell zu Ödnis und Langeweile. Der Grundbaukörper ist in kräftig-mineralischem Rot gehalten. Er rahmt die auskragenden, vollständig verglasten Obergeschosse, die durch Treppenhäuser in drei Abschnitte gegliedert werden. Die Auskragung der Obergeschosse dient gleichzeitig als Unterstand für die Bushaltestellen.
Fenster
Das deutlich erkennbare, nach Art eines Läuferverbands versetzte Profilraster der Glasfassade strukturiert die Fläche in querrechteckige Scheiben (Abmessungen: 2.474 x 833 mm) in einem Seitenverhältnis von 1:3, die in warmen, abgestuften Farbtönen eingefärbt sind. Im Siebdruckverfahren wurden die Gläser vor massiven Wandteilen undurchsichtig deckend, bei den Isolierglas-Fenstern transluzent beschichtet.
Von außen sind Paneelteile und Fenster bei Tageslicht nicht zu unterscheiden, der Gesamteindruck bleibt homogen. Unterschiedliche Eindrücke bieten sich beim Ausblick von innen sowie von außen bei Dunkelheit, wenn Licht durch die Fenster scheint. Über 300 Gläser wurden nach Vorgabe der Architekten in verschiedenen Weiß- und Silbertönen farbig bedruckt. Der Druck der 21 künstlerisch gestalteten, mehrfarbigen Gläser erfolgte nach den Farb- und Motiv-Angaben des Künstlers Willi Siber. Für die Farbabstimmung nach Proofs (verbindliche Farbvorlagen) waren zahlreiche Brennversuche notwendig, um die gewünschten Farbtöne zu treffen.
Auf die Glastafeln aus Floatglas wurde, vergleichbar mit traditioneller Glasmalerei, eine Schicht aus keramischen Farben aufgebracht. Die Glasherstellung, die Farbauftragstechnik und die Zusammensetzung der Farben haben sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte geändert. Dies ermöglicht insbesondere das Bearbeiten großer Flächen.
Keramische Farbe ist eine glasartige Schicht, die im Schmelzverbund mit Glas mechanisch nicht ablösbar ist, ohne das Glas selbst zu beschädigen. Diese Farbschicht ist lichtecht und beständig gegen UV- Strahlung und wechselnde Temperaturen, sie ist resistent gegen Witterungseinflüsse. Die Farbschicht ist entweder im Scheibenzwischenraum des Isolierglases oder im Paneel auf der dem Gebäude zugewandten Seite angebracht.
In typografisch einfacher, stark vergrößerter und unregelmäßig gesetzter Schreibmaschinenschrift lesen Schüler, Lehrer und Passanten Begriffe aus Religion und Ethik sowie aus dem Bereich der Tugenden. Positive Werte wie Glaube, Vertrauen, Gnade, Hoffnung, Güte, Vision, Mut, Sehnsucht sind vermischt mit Worten wie Trotz, Neid, Sünde, Lüge, Hybris, Verrat und Wahn. Alle Worte sind klein geschrieben, die Buchstaben teilweise angeschnitten, teilweise mit grafischen Motiven hinterlegt, als wollten sie deutlich, aber gleichzeitig zurückhaltend erinnern und sanft ermahnen an Stelle einer massiven Belehrung.
Wie in gotischen Kathedralen Tugenden und Laster oft bildhaft in allegorischen Figuren, Fresken und Glasmalereien dargestellt sind – nicht viele konnten damals lesen –, werden heute geistige Botschaften durch die Schrift vermittelt. Wirkung und Absicht sind gleich: Stete Reflexion von Gewissensentscheidungen, Verhaltens- und Handlungsmustern sowie deren soziale Akzeptanz und Verträglichkeit – für ein gelingendes Miteinander.
Quelle: Uniglas
Bautafel
Architekten: Projektgemeinschaft Elwert – Stottele – Rädle, Ravensburg
Projektbeteiligte: Willi Siber, Eberhardzell bei Biberach (Künstler), Glas Blessing, Ravensburg (Verglasung); Rudolstädter Stahlbau, Rudolstadt (Stahlbau)
Bauherr: Kreisberufsschulzentrum, Biberach
Fertigstellung: 2004
Standort: Leipzigstraße 11, Biberach
Bildnachweis: Albrecht Imanuel Schnabel (v.o. 1-3), Götzis und Willi Siber (4), Eberhardzell über Uniglas