Haus Müller, Prag/CZ
Fenster gemäß Adolf Loos' Raumplan
Das Haus Müller in Prag gehört neben dem Haus Tugendhat in Brünn von Mies van der Rohe und der Villa Savoye in Poissy bei Paris von Le Corbusier zu den berühmtesten Häusern der "weißen" klassischen Moderne.
Für den wohlhabenen Bauunternehmer Dr. Frantisek Müller entwarf Adolf Loos auf einem Nordhang einen weißen quaderförmigen Baukörper, der im Inneren auf ca. 250 m² Loos' Idee eines "Raumplans" konsequent umsetzt. So erhält jeder einzelne Raum gemäß seiner Bestimmung ein eigenes Volumen, und jedes Volumen ergibt in der Kombination aller Volumina ein System verschiedenster Ebenen, die über 6- bis 8-stufige Treppen eine große zusammenhängende Wohneinheit bilden.
Im Inneren besticht nicht nur der unglaublich lebendig und sehr logisch wirkende "Raumplan", sondern auch die Fülle an Farben, die Loos sowohl monochromatisch als auch materialmäßig einsetzte mit kostbaren Natursteinen, Holztäfelungen, Vorhangstoffen und Möbelbezügen. Demgegenüber kontrastieren die Fassaden in ihrem weißen glatten Putz und den klein wirkenden gelben Kastenfenstern. Diese Kargheit ist Programm, denn, wie Loos selbst in zahlreichen Schriften und auch in Interviews betonte, entwarf er wortwörtlich von innen nach außen. Gegenüber der Schaffung von Räumen waren für ihn zweidimensionale Flächendarstellungen wie Grundrisse, Schnitte und eben auch die Fassaden eher zweitrangig.
Fenster
Loos entschied sich für Holzkastenfenster mit horizontalen Sprossen. Diese Fenster erscheinen trotz unterschiedlicher Formate recht einheitlich, zumal sie auch als Fenstertüren auf die Wohnzimmerterrasse, den Balkon vor dem Elternschlafzimmer und die Dachterrasse vor einem japanischen Sommerspeisezimmer führen. Sämtliche Fenster sind außen in einem leuchtenden Gelbton gestrichen, innen dagegen weiß, wobei sich das leuchtende Gelb in einem leichten transluzenten Vorhangstoff wiederfindet, den Loos an fast allen Fenstern im gesamten Haus vorsah. Die Räume wirken behaglich, hell und warm, in Loos' Worten "wohnlich".
Die Anordnung der Fenster erfolgt zwar in enger Abstimmung mit dem Raumplan, ist aber dennoch proportionsmäßig kontrolliert und entsprechend über einen reinen Funktionalismus hinaus gestaltet. Loos arbeitet mit Reihungen, Wiederholungen und einem vertikalen wie horizontalen Achsensystem, das bei immerhin drei der vier Fassaden zu einer - wenn auch geometrisch modifizierten - Spiegelsymmetrie führt. Die Strenge und Fremdartigkeit der Fassade resultiert demnach nicht aus dem Raumplan-Prinzip, der Größe, Anzahl und Anordnung der Fenster, sondern aus der "Menge" an geschlossener und unverzierter Wandfläche.
Angesichts von Ganzglas-Fassaden mit totaler Transparenz vielleicht eine gute Gelegenheit, wieder über das Verhältnis von Wänden und Fenstern nachzudenken.
Das Haus ist heute nach einer vollständigen Restaurierung ein nationales Kulturdenkmal Tschechiens. Es kann besichtigt werden, wobei allerdings eine Voranmeldung unter der Tel. 02/24312012 erforderlich ist. Die Öffnungszeiten sind vom 1. April bis zum 31. Oktober jeweils Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag von 9.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Vom 1. November bis zum 31. März ist das Haus lediglich Dienstag, Donnerstag und Samstag von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet.
Das Studien- und Dokumentationszentrum ist ebenfalls nur nach telefonischer Voranmeldung zugänglich.
Als Lektüre empfiehlt sich das nun wieder lieferbare Buch aus der Reihe Bauwelt Fundamente Nr. 86:
Christian Kühn
Das Schöne, das Richtige und das Wahre -
Adolf Loos und das Haus Müller in Prag
Birkhäuser Basel Boston Berlin 2001, ISBN 3-7643-6495-5. -ju
Bautafel
Architekten: Adolf Loos, Wien; Karel Lhota, Prag
Projektbeteiligte: GIRSA AT, Vaclav Girsa und Miloslav Hanzl (Architekten Restaurierung); Camillo Schneider, Karl Förster, Hermann Mattern, Prag (Gartenplanung); Jan Vanek/S.B.S. Brno, Brünn (Hölzerne Einbaumöbel, Tischlerarbeiten); Museum der Stadt Prag (Auftraggeber, Denkmalpflege)
Bauherr: Dr. Frantisek Müller und Milada Müller, Prag
Fertigstellung: 1930, Restaurierung 2000
Standort: Nad Hradnim vodojemem Nr. 14/642, Prag - Stresovice
Bildnachweis: Ulrike Lauber