Zwei Mehrfamilienhäuser in Nürnberg
Modernisierung zum 4-Liter-Haus
Die zwei baugleich im Jahr 1952 erbauten dreigeschossigen Mehrfamilienhäuser der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Nürnberg beinhalteten 24 Kleinwohnungen mit nur 37 m² Wohnfläche. Als Vierspänner je Treppenhausetage angeordnet, waren die Wohnungen nur mit Einzelofenheizungen ausgestattet. Die beiden Häuser wurden im Rahmen des dena-Modellprojekts "Niedrigenergiehaus im Bestand" ausgewählt und saniert. Dabei wurden jeweils zwei Wohnungen zu einer etwa 75 m² großen Wohnung zusammengefasst, die heutigen Wohnflächenbedürfnissen entgegenkommt. Dadurch musste das Gebäude vollständig bis auf den Rohbau rückgebaut werden, um die neben den Grundrissanpassungen wichtige haustechnische Ertüchtigung im Sinne einer neubautauglichen Passivhaustechnologie zu ermöglichen.
Die Außenwände bestanden aus nur 25 cm dickem Mauerwerk, das aus Trümmerschutt hergestellt worden war. Die frei stehenden Giebelwände waren bereits vor etwa 15 Jahren mit 60 mm dicker Wärmedämmung versehen worden; die Geschossdecken bestehen aus Stahlträgern mit dazwischen gehängten nur 6 cm dicken Betontafeln.
Sanierung/Modernisierung
Die wesentlichen Maßnahmen der Sanierung waren die Verbesserung des Wärmeschutzes sowie die möglichst perfekte Luftdichtheit des Gebäudes, die den Einbau einer Lüftungsanlage zwingend erforderlich machte. Vor allem sollten jegliche Wärme-/Kältebrücken so weit wie heute technisch möglich vermieden werden.
Die bestehende Dämmung wurde auf Vorschlag des Generalunternehmers entfernt und durch ein 20 cm dickes Wärmedämmverbundsystem mit einer WLG 035 ersetzt. Da weder die Keller noch die Dachböden in die Wohnnutzung mit einbezogen werden sollten, wurden die zum beheizten Volumen angrenzenden Decken ebenfalls thermisch gedämmt, wobei im Keller ein lichte Raumhöhe von 2,00 m verbleiben konnte.
Um den Dachboden begehbar zu belassen wurde ein "schwimmender Estrich" mit 25 cm dicker PS-Dämmlage aufgebracht. Die passivhaustauglichen Kunststofffenster wurden mit 50 mm Einstand in die Fensteröffung und damit 70 mm vor die Mauerwerkskante gesetzt, um zum einen die ursprünglichen Fensterlaibungen zu berücksichtigen und zum anderen mit 40 mm Rahmenüberdeckung die Kältebrücke an der Schwachstelle der Einbaufuge zu minimieren. Rolläden wurden aus den selben Gründen ebenfalls mit 80 mm Dämmzwischenlage vor der Fassade angeordnet.
Auf eine sehr hohe Luftdichtheit (insbesondere von Durchdringungen aller Art) wurde besonderen Wert gelegt, aus Terminknappheit wurde die Dichtheit nur mit vereinfachten Blower-Door-Tests überprüft. Trotz einiger Leckagen, die zum größten Teil nachgearbeitet werden konnten, wurde ein sehr guter Luftdichtigkeits-Wert erreicht. Die Lüftung, die sowohl die Abluft als auch die Zuluft der Wohnungen bei geschlossenen Fenstern reguliert, wurde je Gebäude als zentrale Anlage geplant und das zugehörige Aggregat im nicht zu Wohnzwecken genutzten Dachboden angeordnet.
Da das Gebäude ohnehin in den Rohbauzustand zurückversetzt wurden, war die Verlegung von vertikalen und horizontalen Rohren, deren Querschnitte wegen der besseren Elektroeffizienz zum Teil großzügig dimensioniert wurden, relativ unproblematisch. Die Anlage wurde je Wohnung dezentral dreistufig regelbar mit einer Luftwechselrate von 0,4 m³ je Stunde und m² ausgelegt. Zusätzlich reagiert die Anlage zentral auf die jeweilige Außentemperatur. Die einschlägigen Forderungen hinsichtlich Brandschutz (Klappen an den Wohnungstrennwand-Durchdringungen) und Schallschutz (Schallwert-Obergrenze bei 25 dB in den Wohnräumen) wurden eingehalten. Die zusätzlichen Kosten, die sich aus der Anordnung einer Lüftungsanlage ergaben, fielen mit knapp über 50 EUR/m² Wohnfläche sehr moderat aus.
Heizung und Trinkwassererwärmung erfolgt über einen Fernwärmetauscher und wird durch eine 20 m² große Solarthermieanlage unterstützt. Der Heizwärmebedarf konnte von vorherigen 170 kWh/m² und Jahr auf nur unter 25 kWh/m² und Jahr reduziert werden, sodass sich eine Kohlendioxid-Reduktion um 40 kg/m² ergab.
Insgesamt konnten trotz der energetisch hochwertigen Ausstattung Umbaukosten von nur 1.075 EUR/m² Wohnfläche erreicht werden, die trotz einer etwas teuereren Ausführung durch einen Generalunternehmer durchaus bewiesen haben, dass die Passivhaus-Technologie im Altbau Chancen hat und bei entsprechend angepasster Planung sinnvoll und wirtschaftlich ist.
Partner im Projekt Niedrigenergiehaus im Bestand der Deutschen Energie-Agentur dena sind: das Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung BMVBS, die BASF und der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft e.V. BGW.
Bautafel
Architekten: Burkhard Schulze-Darup, Nürnberg
Projektbeteiligte: VIP-Versorgungstechnik, Nürnberg (Haustechnik-Planung); Ing. Büro Goetz+Neun, Nürnberg (Statik); Wayss+Freytag, Frankfurt (Generalunternehmer); Landesgewerbeanstalt LGA und Ingenieurbüro ebök (Haus-und brandschutztechnische Beratung);
Bauherr: wbg Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Nürnberg mbH
Fertigstellung: Modernisierung 2004
Standort: Ingolstädterstr. 139/141 in Nürnberg
Bildnachweis: Archiv des Architekten
