Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen

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Denkmalgerechte Sanierung eines Schulgebäudes von Hans Scharoun

Nach den Plänen von Hans Scharoun entstand zwischen 1956 und 1962 im Zentrum der westfälischen Stadt Lünen das ehemalige Mädchengymnasium. Schon damals stellte es eine außergewöhnliche Alternative zu anderen zeitgleich entstandenen Schulbauten dar. Während diese meist eine einheitlich rechteckige, schlichte Blockform erhielten, ist Scharouns zweigeschossiger Bau stark gegliedert, die Raumfolgen fließend und die Wände farbig gestaltet. Im Jahr 1985 wurde der Gebäudekomplex schließlich unter Denkmalschutz gestellt und gilt seither als erhaltenswertes kulturelles Erbe.

Die schulischen Räumlichkeiten umgrenzen einen offenen Atriumhof und stellen in ihrer vielfältigen Zergliederung eine Art Stadtgefüge dar. Wie eine durch Stützen, Wände und Treppen gegliederte Fußgängerzone, die sich aufweitet und wieder verengt, zieht sich eine Straße orientierend durch das Gebäude. An deren Enden liegen die fünfeckige Aula und die Schülerbibliothek. Die seitlich an die Erschließung angrenzenden Klassenräume verfügen über keine einfach zugeschnittenen und immer gleichen Grundrisse: Je nach Alter der Schüler wurden sie als unterschiedliche Klassenwohnungen konzipiert. Jeder dieser Räume erhielt einen eigenen Eingangsbereich mit Garderobe, einen großen, polygonalen Raum zum Rückzug sowie einen Zugang zum selbst zu gestaltenden Außenbereich. Musik-, Werk- und Zeichenräume wurden in das Obergeschoss gelegt.

Sanierung und Modernisierung
An den stark gegliederten Gebäudeteilen des Scharoun-Entwurfs, wurden im Lauf der Jahrzehnte zahlreiche Sanierungs- und Umbaumaßnahmen vorgenommen. Als sich das Gymnasium in den 1980er Jahren zu einer Gesamtschule wandelte, bestand neuer Raumbedarf, sodass die Schule erweitert werden musste. Zuletzt blieben kaum noch Möglichkeiten, die einstmals fließenden Raumfolgen wahrzunehmen. Im Rahmen der jüngsten Sanierungsmaßnahmen, die vom Architekturbüro Spital-Frenking Schwarz geplant wurden, sollten die zahlreichen Entwurfsgedanken Scharouns wieder räumlich hervorgehoben und erlebbar gemacht werden.

Die äußeren Sanierungsmaßnahmen des Schulbaus sind nur wenig spektakulär. Die Wände wurden wieder in den originären Farbtönen gestrichen und neue, isolierverglaste Fenster konnten ein wenig zur Energieeinsparung beitragen. Die ursprünglichen Schwingflügel waren bereits im Lauf der Zeit durch Dreh-Kipp-Fenster ersetzt worden. Da Schwingflügel aus Sicherheitsgründen nicht mehr erlaubt sind, entschied man sich für den Erhalt der vorhandenen und technisch intakten Fenster und bearbeitete sie konservatorisch. Oberlichter wurden erneut mit Prismenverglasung und sandgestrahlter Außenscheibe ausgestattet, um die Wirkung der Lichtstreuung zu erhalten. Energetisch ließ sich die Schule aufgrund der Vielzahl von unterschiedlichen Anschlusspunkten, Dach- und Baukörperformen sowie den Erfordernissen des Denkmalschutzes nicht optimieren.

Entscheidend bei der Sanierung waren der Erhalt und die Revitalisierung des räumlichen Gefüges, an dem die noch heute als fortschrittlich geltenden Gedanken Scharouns spürbar werden. Auch die aufwendige Wiederherstellung der inneren und äußeren Farbgebung trägt maßgeblich zur Erfahrbarkeit des Konzeptes bei. Jedem Raum lag ursprünglich ein eigenes Farbkonzept zugrunde, das im Lauf der Jahre mehrfach überstrichen wurde. Deren originäre Farbtöne und die Wandgemälde in den Fluren ließen sich wiederum nur durch umfassende Untersuchungen und Archivarbeiten ermitteln und wiederherstellen. Darüber hinaus konnte der Linoleumfußboden in seiner ursprünglichen Farbe neu produziert werden.

Interessant ist auch das einst von Scharoun erdachte Heizsystem, bei dem die Räume nicht über Heizkörper, sondern über eine zentrale Luftheizung erwärmt wurden. Ähnlich einem Hypokaustensystem (mehr dazu unter Surftipps) erfolgte die Erwärmung der Klassenräume über Luft aus Bodenkanälen. Anfang der 1990er Jahre ersetzte man das Heizsystem durch konventionelle Radiatoren. In Kombination mit einer zu geringen Luftwechselrate führte diese Umstellung im Lauf der Zeit zu Bauschäden. Im Zuge der Sanierung erhielt jede Klassenwohnung ein Luftheizgerät mit Wärmerückgewinnung. Die alten Bodenkanäle konnten dadurch, nach einer Auskleidung mit Blech, wieder genutzt werden.

Die dreieinhalbjährige Sanierung des Schulgebäudes erfolgte in drei Bauabschnitten. Während der Modernisierung der Klassenwohnungen im ersten Bauabschnitt erfolgte der Unterricht in bereitgestellten Containern im Schulhof. Anschließend konnten die Schüler die bereits sanierten Räumlichkeiten wieder benutzen, obwohl die Sanierung der übrigen Räume kontinuierlich fortgesetzt wurde. Die Kosten der Maßnahmen betrugen 8 Millionen Euro, die zur Hälfte von der Stadt Lünen und zu jeweils einem Viertel vom Land Nordrhein-Westfalen und der Wüstenrot-Stiftung getragen wurden.

Bautafel

Architekten: Hans Scharoun; Architekturbüro Spital-Frenking + Schwarz, Lüdinghausen/Dortmund (Sanierung)
Projektbeteiligte: Ingenieurbüro für Tragwerksplanung Ostermann, Lünen (Tragwerksplanung); Ingenieurbüro G. Kahlert, Haltern (Haustechnik); Ingenieurbüro Knappheide, Wiesbaden (Baucontrolling); Dr. H. Reichwaldt, Stuttgart (Restauration; Farbberatung); Dr. Ch. Hellbrügge, Ascheberg (Restauration Oberflächen)
Bauherr: Bauherrengemeinschaft Wüstenrot-Stiftung und Stadt Lünen
Fertigstellung: 2013
Standort: Holtgrevenstraße 2-6, 44532 Lünen
Bildnachweis: D. Haas-Arndt, Hannover

Surftipps

www.baunetzwissen.de/Heizung > Hypokausten-Heizung
www.baunetz.de > Scharounsches Farbenspiel

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