Stadthalle in Mülheim an der Ruhr

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Flexible Nutzungen durch mobile Trennwände

Im Zuge des Ruhrbania genannten Stadtentwicklungsprojektes in Mülheim an der Ruhr wurde die Stadthalle saniert und zu einem Kongresszentrum erweitert. Mit einem vergrößerten Raumangebot sowie akustischen, beleuchtungs- und klimatechnischen Neuerungen bietet es heute die erforderlichen Rahmenbedingungen für Veranstaltungen unterschiedlicher Art.

Die Stadthalle entstand in den 1920er Jahren nach Plänen der Architekten Arthur Pfeifer und Hans Großmann, der Innenraum wurde von Emil Fahrenkamp gestaltet. Nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie nebst neuem Anbau mit Eingangsfoyer und darüber liegendem Festsaal 1956 wiedereröffnet. Damit verfügte sie zusätzlich zu dem großen Theatersaal über einen Kammermusiksaal und mehrere Veranstaltungs- und Nebenräume. Weitere Sanierungsarbeiten und die Erneuerung der Technik folgten in den Jahren 1989 bis 1991. Im Hinblick auf den wachsenden Wettbewerb unter den angrenzenden Städten wurde sie dann ab 2005 unter Beachtung denkmalpflegerischer Vorgaben erneut saniert und erweitert. Mit dem Entwurf wurde der Stuttgarter Innenarchitekt Rudolf Schricker betraut, realisiert wurde er vom Mülheimer Architekten Peter Schnatmann.

Ohne dass die Architekten das vorhandene Raumvolumen verändert haben, verfügt die Stadthalle jetzt über zusätzliche Räume. Der ehemalige, zu groß dimensionierte Garderobenbereich kann bei Bedarf in Tagungsräume verwandelt werden. Wo vor dem Umbau auf einer Fläche von rund 1.600 m² nur ein Saal und ein Foyer vorhanden waren, steht jetzt ein größeres und variables Raumangebot mit bis zu fünf Sälen sowie ein Gastronomiebereich zur Verfügung.

Komplett neu gestaltet wurde der Eingangsbereich mit Foyer und Bistro-Lounge. Er lässt sich mit mobilen Trennwänden den verschiedenen Nutzungen von Messen über Konferenzen bis hin zu gastronomischen Zwecken anpassen. Ein in die Wände integriertes elektronisches Wegeleitsystem kann auf speziellen Glasflächen Informationen wiedergeben. Darüber hinaus kann eine zwölf Meter lange Glaswand mit Videos bespielt werden. Die Decken sind mit farblich steuerbaren Lichtfeldern ausgestattet. Mit wenigen Knopfdrücken lassen sich verschiedene Lichtstimmungen in nahezu jede denkbare Richtung erzeugen. Vom Eingang kommend gliedert sich das Foyer in einen Bereich, in dem sich die Konferenzräume hinter mehrfach abgeknickten aluminiumfarbenen Wänden aufbauen lassen, einen Mittelgang zum Theaterbereich mit je nach Bedarf zuteilbaren Garderobenflächen und in einen geschwungen Teil mit ovaler Parkettfläche, einer bogenförmigen Bar und gerundeten Wandelementen.

Umfangreich saniert wurde auch der Festsaal im Obergeschoss und mit neuer Klima-, Bühnen- und Beleuchtungstechnik sowie einer neuen Tonanlage samt Schwerhörigenanlage ausgestattet. Hier ermöglichen mobile Wände die Unterteilung des Saals - in den Festsaal Ost (mit Bühne) und den Festsaal West - für zwei unabhängig voneinander stattfindende Veranstaltungen. Mittels der Trennwände lässt sich eine Nische errichten, die wahlweise dem einen oder dem anderen Saalteil zugeschlagen werden oder die auf Wunsch einen geschlossenen, eigenständigen Raum bilden kann. Große Fenster sorgen für eine natürliche Beleuchtung. Im Gegensatz zum Foyer im Erdgeschoss wurde der Festsaal nicht radikal neu gestaltet. Nicht nur das Originalparkett aus den 1950er Jahren sondern auch Details wie die indirekt wirkenden Leuchten und Deckenvouten wurden aufgenommen. Was beide Geschosse verbindet, ist ihre hohe Nutzungsflexibilität.

Akustik
Die ungestörte Parallelnutzung der Räume wird durch schalltrennende, mobile Wände in verschiedenen Ausführungen mit unterschiedlichen Oberflächen erreicht: Wie z.B. im Erdgeschoss, wo die Wände zum Mittelgang hin aluminiumfarben beschichtet oder einige farbig ausgeführt sind. Oder mit bikonvexen Sonderelementen in zweischaliger Holztafelbauweise mit Kirschbaumfurnier und gelochter Akustikoberfläche, die den Barbereich vom Foyer trennen. Diese erreichen ein bewertetes Schalldämm-Maß Rw bis 59 dB und besitzen eine schallharte sowie eine schallabsorbierende Seite. Über ein Schienensystem an der Decke lassen sie sich frei verfahren und damit je nach Raumanforderung und gewünschter akustischer Wirkung (schallreflektierend oder schallabsorbierend) positionieren. Durch eine Einpunktaufhängung ist jedes Element frei drehbar aufgehängt.

Bei der raumakustischen Planung des neuen Tagungsbereiches kam es einerseits darauf an, durch geometrisch gerichtete Reflexionen die Schallversorgung in bestimmten Zuhörerbereichen zu unterstützen. Andererseits mussten konzentrierte späte Reflexionen (z.B. Echos) vermieden werden. Gelöst wurden diese Anforderungen durch die Geometrie der abgeknickten Wände.

Die Decken sind ebenfalls akustisch wirksam ausgeführt: mit Gipsplatten mit gerader durchgehender Lochung sowie je nach Anforderungsprofil des jeweiligen Raumes unterschiedlichen akustischen Eigenschaften. In Ergänzung zur Akustikdecke sorgen gleichmäßig über der bogenförmigen Bar installierte Deckensegel für ein diffuses Schallfeld in diesem Bereich.

Bautafel

Architekten: Atelier Prof. Rudolf Schricker, Stuttgart
Projektbeteiligte: Peter Schnatmann, Mülheim an der Ruhr (Projektsteuerung, Bauleitung); Otto Nolte, Mülheim (Tragwerksplanung); Medl, Mülheim an der Ruhr (Technische Gebäudeausrüstung); Knauf Gips, Iphofen (Akustikdecke); Franz Nüsing, Münster (Mobile Trennwände); Wiczkowiak, Recklinghausen (Planung Licht/Ton/Bühne)
Bauherr: Mülheimer Stadtmarketing und Tourismus, Mülheim an der Ruhr
Fertigstellung: 2007
Standort: Theodor-Heuss-Platz 1, Mülheim an der Ruhr
Bildnachweis: Uwe Spoering, Köln

Architektenprofil

Schricker Planungsatelier
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