Mieczyslaw-Karlowicz-Philharmonie in Stettin

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Dreiecksförmig aufgebrochene Täfelungen steuern die Nachhallzeiten

Die Bahnverbindung zwischen Berlin und Stettin war früher zweifellos besser. Die 1843 eröffnete Berlin-Stettiner-Eisenbahnlinie machte die Hafenstadt an der Odermündung für Berlin zum schnellsten Zugang zur Ostsee. 170 Jahre später bleibt die Bahn hinter der damals erreichten Geschwindigkeit deutlich zurück. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil das ehemalige Konzerthaus Stettins, 1884 erbaut, im Zweiten Weltkrieg beschädigt und in den 1960er Jahren abgerissen, inzwischen spektakulär überflügelt worden ist. Auf dem alten Standort direkt neben dem neugotischen Trumm des Polizeipräsidiums hat sich die Stadt 2014 eine neue Philharmonie gebaut. Benannt ist sie nach dem polnischen Komponisten Mieczyslaw Karlowicz, entworfen ist der expressive weiß-gläserne Baukörper von den spanisch-italienischen Architekten Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga.

Fremd und abstrakt wirkt das einen halben Block einnehmende, dreiseitig frei stehende Gebäude und gleichzeitig maßstäblich, eingepasst, präzise und gegenständlich. Im Kontext der Stadt fremd ist das einheitliche Fassaden- und Dachmaterial der Philharmonie, eine zweischalige Stahl-Glas-Konstruktion, deren transluzente Glastafeln tagsüber weiß und fast undurchsichtig sind. In der Dämmerung und Dunkelheit leuchtet das Volumen von innen heraus oder kann durch eine integrierte LED-Beleuchtung vielfarbig inszeniert werden. Der Formensprache und Textur der alten Stadt durchaus nah ist das vertikale haushohe Relief der Fassadenkontur und die Ausbildung geradezu übertrieben vieler, steiler Giebelflächen und Satteldächer, die in mehreren Reihen die Dachfläche bilden. So entsteht, bei aller Gleichförmigkeit und trotz der großen Dimension von rund 60 mal 55 Metern Grundfläche, die Struktur schmaler giebelständiger Häuserreihen mit variierenden Trauflinien und einer einheitlichen, am Nachbarn orientierten Firsthöhe.

Tritt man durch den unprätentiösen Haupteingang in das Foyer, herrscht auch hier weiße lichte Großmaßstäblichkeit. Die räumliche Struktur ist klar und schnell erfasst: Rundum bilden die vielen kleinen Räume mit ihren dienenden Funktionen einen viergeschossigen Ring, der die großen Programmpunkte – den Konzertsaal für 1.000 und den Kammermusiksaal für 200 Zuhörer sowie einen multifunktionalen Bereich und das Foyer – umschließt und zum Funktionieren bringt. Ganz oben gibt es eine Ausstellungsebene und in zwei Untergeschossen eine Tiefgarage.

Der Kammermusiksaal beginnt im 1. Obergeschoss, ragt weit in das Foyer hinein und gliedert es in einen gebäudehohen, von oben belichteten und einen sehr flachen Bereich mit offener Cafeteria. Eine frei stehende, theatralisch gewendete Treppe führt zu ihm hinauf. Zum großen Saal, der mit Foyer und Empore die hintere Gebäudehälfte einnimmt, gelangt man über eine breite einläufige Treppe.

Akustik
Beide Säle sind allseitig aus Stahlbeton konstruiert und in ihrem Inneren im Hinblick auf eine geeignete Akustik intarsienartig ausgeschlagen. Der Kammermusiksaal ist im Kontrast zum weißen und natürlich belichteten Foyer als geschlossener, fast schwarz verkleideter Raum konzipiert und schließt mit einer gekurvten, dunklen und glatten Decke ab, deren Verlauf etwa der ansteigenden Bestuhlung folgt.

Von verblüffend formaler und materieller Üppigkeit ist der große Saal. Seine Decke und die Wände sind mit dreiecksförmigen, unregelmäßig aufgebrochenen Vertäfelungen versehen, die mit Blattgold überzogen sind. Sie sorgen für gute Schallmischungen mit einer klaren Abstrahlung aller Frequenzbereiche. Das Orchesterpodium mit Chorbalkon und die Sitzreihen des ansteigenden Parketts und der Empore mit dunkelblauen Stoffsitzen liegen einander frontal gegenüber.

Die Reflexionen und akustischen Wege zwischen den Schallquellen Orchester, Chor und Solisten und den Empfängern, also dem Publikum auf den Rängen, sind zuvor simuliert worden. Nach der Bestimmung der Reflexionsebenen und der Schnittpunkte über jeder Ebene sowie der zeitlichen Verzögerung der Reflexion wurden die konkreten Neigungen der Flächen bestimmt. Die in unterschiedlichen Winkeln von der absorbierenden Publikumsfläche weg geneigten Dreieckselemente sorgen für eine verlängerte Nachhallzeit, die zum Publikum hin geneigten verkürzen sie.

Bautafel

Architekten: Barozzi Veiga, Barcelona
Planungsbeteiligte: Studio A4, Stettin (Ausführung, Bauleitung); Boma S. L., Barcelona/Stettin (Tragwerksplanung); GLA Engineering und Elseco, Stettin sowie Anoche Iluminación Arquitectónica, Barcelona (Technische Installationen); Arau Acustica, Barcelona (Akustik); Ferrés Arquitectos y Consultores, Barcelona (Fassade)
Bauherr: Stadt Stettin
Fertigstellung: 2014
Standort: Ulica Malopolska 48, 70515 Szczecin, Polen
Bildnachweis: Simon Menges, Berlin und Hufton + Crow, Hertford

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